Das Bild zeigt Messer und Gabel mit Aufklebern und der Bezeichnung, allerdings umgekehrt: auf Gabel klebt der Name Messer.

Normalerweise weiß jeder, was eine Gabel ist und was ein Messer. Das kann sich leicht ändern: Menschen mit Demenz etwa wissen das nicht mehr so genau. Dann heißt es, die Welt neu zu entdecken – nicht nur für die Erkrankten, sondern insbesondere für die pflegenden Angehörigen, die genau so mit der Krankheit umgehen müssen, wie die Erkrankten selbst.

 

Man wird dann erfinderisch. Dazu gehört etwa das Beschriften von Gegenständen – oder von Türen wie mit „Bad“, „Schlafzimmer“ oder auch „Balkon“. So wird das Alltagszurechtfinden für einen Moment leichter. Das aber sind nur erste Schritte mit kurzer Wirkung. Die Welt der Alltagsbewältigung wird ja nicht kleiner: Essen, Teilhabe, Gesundheit sind vielfältige Handlungsfelder.

 

Generation „Sandwich“ gefragt

Viele meiner Generation stehen vor dieser großen Herausforderung der Pflege und Betreuung. Es is die Generation „Sandwich“, also die um die 50 Plus: Gerade sind die Kinder aus dem Haus in die Selbständigkeit entlassen, man könnte sich also zurücklehnen und sich selbst sortieren – da fangen dann die älteren Familienmitglieder an zu schwächeln und brauchen Hilfe. Mit punktueller Hilfe allein ist es aber bei fortgeschrittener Demenz oft nicht getan, die Bewerkstelligung dieser Erkrankung braucht einen Plan, ein Management und die gesamte Aufmerksamkeit. Und Geld.

 

Die allermeisten mit Demenz werden zuhause in den Familien betreut. Allein ist das auf Dauer nicht zu leisten. Viele der Pflegenden sind Frauen. Gut ist, wenn man auf ein (kommunales) professionelles Netzwerk zurückgreifen kann, das berät und hilft. Viele Kommunen etwa fangen jetzt erst an, sich hierauf vorzubereiten. Es geht ja nicht nur um die Erkrankten an sich, sondern um das „Drumherum“.

 

Theorie und Praxis: Behördengänge

Ein Beispiel etwa: Angehörige übernehmen die Alltagsaufgabe von an Demenz Erkrankten wie Behördengänge oder Bankgeschäfte. Leider sind viele Institutionen auf diese Grauzonen noch nicht eingestellt, denn nicht alle Betroffenen haben juristisch stichhaltige Vorsorge getroffen. Die Bewältigung der Formalitäten bringt einen daher oft an den Rand der Verzweiflung: es fehlt allerorten an „Nachweisen“, es fehlt an Möglichkeiten, etwa die behördliche Post umzuleiten, es fehlt an Verständnis und einfachen Verfahren. Warum geht so was oft nicht online? Meine Angehörige etwa warf alle Post ungeöffnet ins Altpapier. Bis dann Mahnungen gefunden werden oder Schlimmeres.

Aufklärung zur Vorsorge gibt und gab es genug, aber an der praktischen Umsetzung hapert es deutlich. Fragen Sie mal etwa in Ihrer Behörde danach, wie z.B. ein Pass verlängert werden kann, wenn eine Person dement ist und jedem an der Haustür einen Kühlschrank abkaufen würde. Und auch die Frage, wozu eine demente Person noch einen intakten Pass braucht, ist leicht beantwortet, wenn Sie etwa die Sparkasse fragen…

 

Mittendrin angekommen

Diese ungeklärten Formfragen werden sich sehr bald noch mehr häufen. Den vielen Fragen stehen leider oftmals nur fragmentarische Antworten gegenüber – oder ein gänzlich fehlendes Netzwerk. Allein das Gefühl des Einzelkämpfers als Angehöriger macht unsicher. Mir war schon leichter ums Herz als ich kürzlich das Buch von Arno Geiger gelesen habe, der „alte König im Exil“ – hier war mir klar: Demenz ist eine Gesellschaftsaufgabe.

 

Statistische Daten für Kommunen 

Zudem habe ich mir die Bevölkerungspyramide meiner Kommune in der interaktiven Grafik aus dem Wegweiser Kommune anzeigen lassen. Damit ist nicht nur der aktuelle Stand der Alterung in meiner Stadt ablesbar, sondern auch die grafische Darstellung der voraussichtlichen Entwicklung bis ins Jahr 2030. Die „Balken“ für die ältere Generation werden deutlich breiter. Alterserkrankungen wie Demenz werden daher steigen. Aus Theorie wird Praxis. Noch mehr Menschen müssen sich kümmern und gleichzeitig ihren Beruf ausüben, ihre eigenen Aufgaben wahrnehmen. Die Frage steht zudem im Raum: was zukünftig tun mit Älteren, die keine Familie haben, die zudem immer stärker von Altersarmut betroffen sein werden? Also auch die Generation „Sandwich“ selbst?

Vorsorge wird zwar in erster Linie als eine individuell zu lösende Aufgabe verstanden, diese kann aber nur im kommunalen Kontext beantwortet werden: Alterung und Alterserkrankungen gehen uns alle an.

Übrigens kann man sich die Alterspyramide für jeder Kommune über 5.000 Einwohner anzeigen lassen – und abschätzen, was da schon längst auf uns zurollt.

Foto: Anke Knopp

Über den Autor

Bis Oktober 2016 war sie Projektmanagerin im Programm „LebensWerte Kommune“ in der Bertelsmann Stiftung und schrieb im Blog rund um die Themen zu Digitalisierung, Industrie 4.0, Kommunalpolitik im weitesten Sinne,...

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