Logo des 16. Kinder und Jugendhilfetages mit Aufschrift "22 Millionen Chancen: gemeinsam gesellschaft gerecht gestalten".
16. Kinder- und Jugendhilfetag

„22 Mio. junge Chancen. gemeinsam. gesellschaft. gerecht. gestalten.“ Dies war das Motto des 16. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages, der vom 28. – 30. März in Düsseldorf stattfand. Ein tolles, positives Motto für drei ausgesprochen bereichernde Tage. Tage, die einen nicht nur angesichts von über 250 Messeständen und mehr als 200 Veranstaltungen quasi einer Reizüberflutung ausgesetzt, sondern auch an vielen Stellen zum Innehalten und Nachdenken angeregt haben. Ganz besonders ist mir dies bei der Teilnahme an dem Fachforum „2,7 Mio. vertane Chancen. Auswirkungen von Armut auf die Lebensverläufe von Kindern und Jugendlichen“ so ergangen, welches vom Deutschen Kinderschutzbund Bundesverband e.V. in Kooperation mit dem Bündnis Kindergrundsicherung veranstaltet wurde.

Jugendarmut weniger im Fokus als Kinderarmut

Zunächst wurden in einem Eingangsvortrag die Gründe für Kinderarmut beleuchtet, zu denen unter anderem Erwerbslosigkeit oder prekäre Beschäftigungsverhältnisse sowie auch Trennung, Scheidung oder Überschuldung der Eltern gehören. Solche Armutserfahrungen haben in der Folge massive Auswirkungen auf die Lebenslagen von Kindern und jungen Heranwachsenden. Nicht nur in materieller, sondern auch in sozialer, gesundheitlicher und kultureller Hinsicht erfahren Kinder, die in Armut aufwachsen, vielfältige und immer wiederkehrende Ausgrenzungen. Diese Fakten waren mir – leider – bereits allzu gut bekannt.

Überrascht hat mich aber eine These des zweiten Impulsvortrages: Gegenüber der Kinderarmut stünde Jugendarmut weit weniger im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die Gründe dafür seien vielgestaltig. Zum einen würden Jugendliche als nicht so schutzbedürftig angesehen werden wie Kinder. Sie sähen nicht mehr so „niedlich“ aus und seien ggf. schon mit Problemen wie Kriminalität, Drogen- oder Alkoholmissbrauch konfrontiert. Zudem würde ihnen bereits eine größere Verantwortung für – und damit auch Schuld an – ihre(r) Situation zugesprochen.

Vernachlässigt unsere Gesellschaft die Jugendlichen?

Diese Analyse hat mich schockiert. Ist das wirklich so? Wie viel hat Mitleid in unserer Gesellschaft zugleich auch mit „Ästhetik“ zu tun? Fühlen wir eher mit Menschen mit, die arm und hübsch/ süß/ niedlich sind (und nicht bunte Haare haben, gepierct oder tätowiert sind)? Geben wir einer Person tatsächlich die „Schuld“ an ihrer prekären Situation, nur weil sie „schon“ 16 Jahre alt ist und daher bereits in Lohn und Brot stehen und sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen könnte? Verkennen wir dabei komplett, welche Grenzerfahrungen diese Person möglicherweise schon in ihrem Leben gemacht hat, und dass sie daher ggf. einfach über weniger Ressourcen verfügt als begüterte Jugendliche im gleichen Alter (ganz abgesehen davon, dass wir diesen ja auch noch ziemlich viel nachsehen mit Verweis auf ihr Alter)?

Selbst wenn das zuständige Fachpersonal diese Aspekte sicherlich bei seiner Arbeit mit berücksichtigt und auch wir im Projekt „Kein Kind zurücklassen“ die gesamte Präventionskette von der Geburt bis zum Übergang ins Erwachsenenleben in den Blick nehmen – insgesamt könnte ich mir schon vorstellen, dass einiges an Realitätsbezug in dieser Analyse steckt. Mir ist durch diese Veranstaltung einmal mehr klar geworden, wie wichtig es ist, gesellschaftliche Prämissen und Denkmuster immer wieder zu hinterfragen und einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Auch Jugendliche oder junge Erwachsene durchlaufen noch wichtige Entwicklungsphasen und brauchen Unterstützung auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben, damit ihre Chancen eben nicht „vertan“ werden.

 

Über den Autor

Friederike-Sophie Niemann studierte Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Universität Konstanz und verbrachte ein Austauschsemester an der Bilkent Universität in Ankara. Während ihres Studiums beschäftigte sie sich intensiv mit den Themenbereichen...

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