@Vanessa Weeke

Bewegendstes Thema im letzten Jahr war wohl die Flucht der Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien nach Europa und insbesondere nach Deutschland. Im aktuellen Migrationsbericht, den der Bundesinnenminister gerade vorgestellt hat, finden sich folgende Zahlen:

  • Im Jahr 2015 hat die Zuwanderung, insbesondere aufgrund der stark gestiegenen Zugänge an Asyl suchenden Menschen, weiter deutlich an Dynamik gewonnen. So stieg die Zahl der Asylantragstellenden in den ersten elf Monaten des Jahres 2015 (425.000 Personen) um 134 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Registrierungen von Asylsuchenden im sog. EASY-System lag im gleichen Zeitraum deutlich höher (965.000 Personen).

Medienberichte

Alle Medien berichten zurzeit täglich darüber. In Funk und Fernsehen wird, teilweise recht hitzig, darüber diskutiert, welche Herausforderungen jetzt auf unser Land zukommen. Die Geschehnisse in Köln wirken darüber hinaus wie ein Wendepunkt in der offenen Haltung der Bevölkerung in Deutschland. Viele Verantwortliche aus der Politik schwenken um in ihrer Argumentation in Richtung Begrenzung und bewegen sich auf restriktive Äußerungen zu, die oftmals dem politischen rechten Rand geschuldet sind.

Auch in meinem Freundeskreis sprechen wir sehr viel über dieses Thema. Dabei schwingen auch hier inzwischen neben der Willkommenskultur immer häufiger Ängste und Sorgen in den Gesprächen mit. Häufige Fragen, wie sie wohl mittlerweile überall gestellt werden, sind: Wie kann es gelingen, die Zuwanderung an Menschen hier unterzubringen? Wie kann Integration gelingen als etwas, das nachhaltig wirken muss? Immer häufiger wird alleine der Staat in die Verantwortung genommen, die Integration zu gestalten – so schwingt es in vielen Beiträgen mit. Integration aber ist Aufgabe aller, auch die der Flüchtlinge selbst.

Private Gespräche 

Ich glaube, dass es nicht immer nur die ganz großen Konzepte braucht. Integration kann viel kleiner gelebt werden. Ein einfacher Weg, Menschen in unsere Gesellschaft zu integrieren, ist für mich beispielsweise der Weg über den Sport. Ein gemeinsames Hobby verbindet sehr schnell. Die Fußballmannschaft, die mein Mann als Trainer betreut, wird seit einiger Zeit durch zwei junge Männer aus Syrien verstärkt, die nach ihrer Flucht in unserem Dorf angekommen sind und auch in ihrer Heimat bereits aktiv in Vereinen gespielt haben. Dreimal die Woche steht die Mannschaft gemeinsam auf dem Fußballplatz und trainiert für ihre große Leidenschaft – das verbindet! Bereits nach ganz kurzer Zeit sind beide Männer ein fester Bestandteil des Teams. Sprachliche Barrieren gibt es kaum. Mit einer Mischung aus deutsch, englisch – und Händen und Füßen, die zeigen und erklären, was gemeint ist – gelingt Integration auf dem Platz, vor und nach dem Spiel ganz einfach.  Bemerkenswert ist: das Beispiel im Bereich der Senioren – die jungen Männer im Team meines Mannes sind zwischen 20 und 22 – macht Schule. Inzwischen umfasst diese Integration den gesamten Verein. Auch in den Teams meiner Söhne (E- und F-Jugend) sind immer wieder Kinder aus Flüchtlingsunterkünften integriert, um ihrem Hobby nachzugehen und gemeinsam mit anderen Kindern Fußball zu spielen.

Gemeinschaft statt Wettbewerb

Kritiker werden jetzt anmerken, dass viele Sportvereine ihren geregelten Trainingszeiten nicht mehr nachgehen können, weil die Sporthallen als Notunterkünfte genutzt werden. Diese Situation ist mir natürlich bekannt. Und mir ist auch bekannt, dass dies inzwischen zu ersten Mitgliederverlusten führt, die gerade für kleine Vereine äußerst schwierig zu kompensieren sind. Mein Wunsch wäre aber auch hier mehr Willkommenskultur – und zwar unter den Vereinen selbst. Warum ist es nicht möglich, dass benachbarte Vereine sich abstimmen und in den einzelnen Sportarten gemeinsam trainieren? Das ist ungewöhnlich – auch das ist mir bekannt. Ich selbst habe jahrelang als Trainerin bis zu dreimal in der Woche in der Halle gestanden. Und da geht es um Konzepte, Taktiken und Spielzüge, die man seiner sportlichen Konkurrenz nicht verraten möchte. Aber im Endeffekt geht es vor allem um den Sport, den man aus einer bestimmten Leidenschaft heraus betreibt. Und das sollte – vor allem in vorübergehenden Ausnahmesituationen –  verbinden, auch über Vereinsgrenzen hinaus. Im Fokus steht diesmal nicht der sportliche Wettbewerb, das besser sein zu wollen als die anderen, sondern das Verbindende, die Gemeinschaft, mit der ein Ziel erreicht werden kann. Auch das ist eine Kernidee des Sportes.

Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie jeder Einzelne von uns dazu beitragen kann, dass die „fremden“ Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, in unserem Land willkommen geheißen und in die Gemeinschaft aufgenommen werden können. Jeder ist ein Mosaikteilchen des ganz großen Konzeptes.

Vor Ort beginnen 

Sicherlich ist dies nicht die einzige Lösung für alle Herausforderungen und Schwierigkeiten, die diese enorme Zuwanderung mit sich bringt. Es ist aber doch ein Anfang. Denn Integration beginnt für mich genau hier – vor Ort. Viele Initiativen wurden in den letzten Monaten ins Leben gerufen, um genau diesen Anfang mitzugestalten. Das ist gut so und trägt einen großen Teil dazu bei, unser Zusammenleben friedlich und vielfältig zu gestalten. Das hat auch nichts mit Sozialromantik zu tun, sondern ist ein Ausdruck eines pragmatischen Integrationsoptimismus der Zivilgesellschaft.

Kennen Sie solche Projekte oder engagieren Sie sich selbst in einer Initiative? Schreiben Sie mir – oder kommentieren Sie gerne.

Über den Autor

Betreut das Portal „Wegweiser-Kommune.de“ der Bertelsmann Stiftung und ist stets auf der Suche nach guten Praxisbeispielen für den Wegweiser und verfolgt die Frage: „Wie kann man Ideen zur Gestaltung des...

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