Das Bild zeigt eine Behandlungsliege in einer Arztpraxis, im Hintergrund ein Schrank mit medizinischem Behandlungsmaterial.

Was passiert eigentlich, wenn kein Notfallhelfer kommt – weil keiner vor Ort ist? Diese Frage hatte mich bewogen, das Forum „Notfall im ländlichen Raum – Perspektiven der bedarfsgerechten Versorgung“ auf dem Kongress „Bestage“ des Behörden Spiegels zu besuchen. Ein Thema, mit dem ein Normalbürger selten in Berührung kommt. Und wenn, dann ist es meistens ernst. So begrüßte Moderator Carsten Köppl vom Behördenspiegel mit Tiefsinn: „In diesem Forum geht es um lebensrettende Maßnahmen.“

Auf dem Podium standen Rede und Antwort:
• DM Steffen Hampel, Amtsarzt/Leiter Gesundheitsamt Märkisch Oderland:
„Zwischen Pandemie und Mundgesundheit – Demografische Herausforderungen für den Öffentlichen Gesundheitsdienst“
• Karl-Heinz Knorr, Landesbranddirektor Bremen:
„Umfassende Hilfeleistung – Gemeinsame Aufgabenerfüllung mit den Hilfsorganisationen“
• Dr. Johannes Richert, Bereichsleiter Nationale Hilfsgesellschaft DRK Generalsekretariat:
„Sui generis und demografischer Wandel – Herausforderungen für das DRK als Hilfsgesellschaft der deutschen Behörden“
• Prof. Dr. Michael Schierack, MdL Landtag Brandenburg:
„Zukunft der gesundheitlichen Versorgung im ländlichen Raum – Eine Positionierung“

90 Minuten waren zu bestreiten. Als Fazit schon hier: der demographische Wandel krempelt dieses Themenfeld um, Kommunalpolitker sollten nicht warten, bis die Landesebenen aktiv werden. Voneinander lernen und netzwerken wären gut. Die Rede ist vom Ärztemangel, vom Mangel an Rettern, von langen Zeitspannen bis Rettung und Versorgung eintreffen kann, von fehlender Betreuung im Alter, weil die Alten bleiben und die Jungen abgewandert sind, von Standards, die unhaltbar sind. Scherzhaft aber sinnhaft fiel mehrmals der Begriff: „In manchen Teilen im Osten sind wir „Wolfserwartungsland“. Profis werden Details aus diesem sehr komplexen Feld des Rettungswesens/Gesundheit vermissen. Es soll hier auch nur eine Skizze der vielen Aspekte wiedergegeben werden, über die Aktive in den Kommunen nachdenken (sollten). 

Weniger Ärzte, weniger Leistungen 

MD Steffen Hampel führte kurz ein in das Dasein eines Öffentlichen Gesundheitsdienstes Seelow im Märkischen Oderland. Die Aufgaben sind in Stichworten schnell umrissen: Sozialmedizinischer Dienst, sozialpsychiatrischer Dienst, Kinder- und Jugendärzte, Zahnärzte, Hygiene und Pandemien. (Seit dem Ausbruch der Ebola-Katastrophe in Westafrika und der Behandlung eines Arzt in Hamburg ist das plötzlich ganz nahe.) Hampel skizzierte die vielen Schnittstellen seines Dienstes mit den Akteuren vor Ort, wie etwa die Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte, Bürgermeister, Amtsleiter, Sparkassen, Fachärzte,Schulen, Kitas – dieses weite Netzwerk erstaunt auf den ersten Blick, passt aber zum Bild der breiten Einsatzgebiete. Und daraus ergeben sich große Probleme, wenn die zu versorgende Fläche riesig ist, die Besiedelung schrumpft und die Wenigen und oft Alten versorgt werden müssen.

Wie kann man etwa mit diesen Voraussetzungen eine flächendeckende Erkrankung in den Griff bekommen? Das Thema Pandemie machte das Publikum hellhörig. Hampel erklärte, Ebola werde in Deutschland nicht akut, die Ausgangssituation in Deutschland sei nicht gegeben. Andere Erreger aber hätten durchaus „das Zeug“ dazu. Etwa SARS. Die Übertragungswege hätten viel Potenzial „auf das man sich vorbereiten müsse.“ – Das wäre in dem Fall eine Aufgabe der öffentlichen Gesundheitsdienste. Zur Handhabung einer Pandemie werde extrem viel Koordinationsbedarf gebraucht, die Strukturen dazu jedoch seien lediglich „überschaubar“. – Wie gesagt, wir sprechen über den ländlichen Raum. – Die Versorgung auf dem Gebiet sei in so einem (unwahrscheinlichen) Fall schwierig: Das Fehlen von Fachkräfte falle deutlich ins Gewicht. Ggf. müsse man auf Personalressourcen zurückgreifen, wie etwa Ruheständler, den Medizinischen Dienst. Es reiche aber nicht aus, sich darüber Gedanken zu machen – in der Praxis müsse das auch funktionieren: Die Materialbereitstellung sei einfach, es gehe vielmehr um Schulungen, die immer wieder durchgeführt werden müssten, damit die Abläufe erlernt werden. Allein das Bewegen in Schutzanzügen wolle gelernt sein.

Das Foto zeigt die Referenten des Forums .

Betrachtet man die Versorgung im ländlichen Raum insgesamt, fiel das Fazit der Mangelverwaltung: „Nicht alle werden Lesitungen erhalten“.  Im Zentrum stehe daher dieFrage nach der Priorisierung. Es gehe um Allianzen, um Vernetzung, so Hampel. Ein Beispiel sei hier noch genannt:  der Patientenbus. Zur Lösung des Problems der Mobilität sei man mit allen Beteiligten ins Gespräch miteinadner gekommen, durch Netzwerke kennte man sich nun und habe eine Vertrauensbasis finden können. Ein Vorteil. (Auch wenn der Patientenbus nun nicht mehr fährt: zu wenig Nutzer, zu hoher Preis?)

Hampel spricht unter diesem Aspekt die kommunalen Gesundheitskonferenzen an, die gemeisam mit dem Kreis, den Kommunen organisiert werden könnten. (Finde ich eine sehr gute Idee.) Es gehe um interkommunale Zusammenarbeit, die unter dem Dach der Demographie diskutiert werden könne. Zentrales Thema sei dabei vor allem der Ärztemangel. Hampel verweist auf einen Ärzterückgang von 35,7 Prozent zwischen 1995 bis 2013. Auch ohne die Diskussion über die Bewältigung einer Pandemie als Extremfall zeige sich die Problemstellung der Unterversorgung. Die Kommune stehe dabei am Ende der Entscheidungskette –  gerade deshalb aber müsse hier noch deutlicher auf dieses Thema aufmerksam gemacht werden. Diskutiert wird kurz darüber, ob es nicht möglich sei, etwa Zahnärzte mit „aufsuchender Tätigkeit“ zu betrauen, Standards müssten auf den Prüfstand, weil so nicht  mehr haltbar.  Aus der Brille der Lanbevölkerung wird glasklar: Der Öffentliche Gesundheitsdienst  bröckelt in seiner Leistungsfähigkeit. Ein Alarmsignal, wenn man im Bild bleiben möchte.

Die Retter werden älter und weniger

Karl-Heinz Knorr, Landesbranddirektor in Bremen, zeigte Einblicke in künftige Herausforderungen im Rettungsdienst: Die Helfer haben akute Nachwuchssorgen – die Jugendgruppen lösen sich auf, auch die Ganztagsschule sei ein „Problem“ wegen fehlender Zeit am Nachmittag, keine Zeit für Nachwuchsausbildung, Abgang von Krankenwagen und Geräten, die aber Zugpferde waren für die Ausbildung. Macht man sich klar, wo überall in einer Stadt, in einem Landkreis die Einbindung von Hilfsorganisationen stattfindet, ist auch das ein umfassender Katalog und zeigt die Brisanz: in der Gefahrenabwehr, im Rettungsdienst, in der Einsatzvorbereitung, Vernetzung.

Zudem steige das Durchschnittsalter der Aktiven: in Bremen von 44 auf 50 Jahre. Die Bevölkerung schrumpfe. (In der Bevölkerungsprognose aber wird Bremen wohl wachsen, von dem Zuzug in Städte profitieren, nicht aber die umliegenden Gemeinden.)

„Jedes Jahr geht eine ganze Feuerwehr verloren“, so Knorr.  Gefragt danach, was Ehrenamtliche zum Engagement überhaupt motivieren würde, kam die Antwort: „Anerkennung, Wertschätzung unserer Arbeit,  flexible Arbeit und auch eine gure Ausstattung. Die Identifizierung mit der Arbeit ist ganz wichtig.“ Ehrenamt brauche Attraktivität, um ein positives Bild davon zu zeichnen, brauche man alle: Medien, die Gemeinschaft der Retter selbst, die Gesellschaft – aber auch öffentliche Verwaltungen, die das Positive für die Gesamtgesellschaft herausstreichen könnte.

Natürlich habe ich nach dem Grad der Digitalisierung im Rettungswesen gefragt: In Bremen gibt es noch „Papierkram“ in den Rettungswagen, aber man arbeite daran, diesen zu digitalisieren, d.h . gleich alle Abläufe von der Diagnose und Medi-Gabe bis zur Übertrag der Daten ans Krankenhaus elektronisch zu erledigen.Einen interessanten Aspekt nannte Knorr: Die Rettungswagen in Bremen sind mittlerweile alle identisch ausgestattet, so dass die Einsatzkräfte immer die gleichen Geräte vorfinden, das sei leichter bei der Schulung und Bedienung.

Rotes Kreuz – im Wandel ?

Dr. Johannes Richert stellte die Strukturen des Roten Kreuz dar und wies auf die Besonderheiten hin als da sind die Vorgaben aus dem Völkerrecht und aus dem Rote-Kreuz-Gesetz von 2008. „Wir sind immer ein Bestandteil der Streitkräfte, ergänzen, unterstützen, ersetzen.“ Das RK habe daher eine besondere Rolle.  Neben einer grundsätzlichen Versorgung müsse man sich aus diesem Anspruch heraus immer zusätzlich Gedanken machen, wie in einem besonderen Fall, diese Mehraufgaben gewährleistet werden könnten. Dies etwa beim Betrieb von Kindergärten, von Krankenhäusern von Sozialstationen. „Im Bedarfsfall müssen wir sofort 500 Essen mehr ausgeben können,“ sagte Richert.

Die Kosten stehen dabei nicht unbedingt im Fokus, sie sind hypothetisch solange kein Einsatz kommt – aber mitdenken müsse man das notwendigerweise immer.  Das sei die große Herausforderung für das RK. Die Versorgungsstruktur sei im ländlichen Raum noch besser als in den Städten, das RK sei immer noch eine typisch „deutsche Einrichtung“, eine typische deutsche Organisation, hier spielen Tradition und Zusammensetzung der Bevölkerung eine Rolle. Richert stellt die Thesen auf: Aber im ländlichen Raum werde sich die Lage absehbar dramatisch verändern – verschlechtern. „Die Versorgung im ländlichen Raum wird so nicht haltbar sein.“  Dies sei umfassend, etwa was die Gefahrenabwehr angehe, die medizinische Versorgung, die sozile Betreuung. Die Rentabilität im ländlichen Raum werde so nicht mehr gewährleistet sein: „Der Markt wird es nicht richten können, es wird auf eine staatliche Steuerung hinauslaufen müssen“, so Richert.

Läge nun die politische Absicht vor, den ländlichen Raum in der Grundversorgung aufrecht zu erhalten, müsse man sich fragen, wie man das hinbekommen kann. Er thematisiert, ob das vorhandene System an Versorgung/ Ärzten nicht grundsätzlich breiter aufgestellt werden müsse, d.h. auch eine Vernetzung mit Rettungsdienst, mit Arztversorgung. „Wir werden hier innovativer werden müssen“, sagt er. Mit Blick auf den Ärztemangel, müsse man die „medizinische Assistenz“ demnächst breiter nutzen. Richert denkt daran: man müsse an Bestandsaufnahmen denken –  „was haben wir noch – und was könnte man damit machen – wir müssen breit denken.“ Kurz angesprochen wurde das Modell der „Reiseärzte“, die über die Dörfer reisen und versorgen.

Das RK ist sehr komplex, wird deutlich. Bezogen auf die Alterung auch der Mitglieder, war meine Frage die nach einem möglichen Wissenstransfer innerhalb der Organisation, die über eine enorme Bandbreite an Informationen verfügen muss, um allen Aufgaben gerecht zu werden, in Einsätzen schnell und effizient. Die Antwort: „Es gibt für alles Leitfäden.“

Neue Konzepte gefordert 

Referent Prof. Dr. Michael Schierack (Brandenburg) fokussierte ebenfalls den Ärztemangel: „Künftig werden ganze Landstriche keine Ärzte mehr haben.“  Er streifte kurz das Thema, dass Krankenhausstandorte neu definiert wurden, die Anzahl der Betten sich deutlich reduziert hätten. Als Mitglied im Landtag Brandenburg und als Spitzenkandidat der CDU für die Landtagswahl ist er mitten im Thema. Es brauche neue Konzepte für Krankenhäuser, wie etwa die Regio-Med-Zentren. Man brauche die Hardware eines Krankenhauses und dann deren multiple Nutzungen. Deutlich formuliert er, Notfall-und Hilfezeiten könnten kaum mehr eingehalten werden. Man habe sich auf 20 Minuten geeinigt – aber man wisse, dass das oft nicht einzuhalten wäre. Etwa in der Uckermark. „Es wird auf längere Wege für die Menschen hinauslaufen.“

Auch Schierack setzte in seinem Beitrag auf die Netzwerke, die vor Ort schon funktionieren und auf die Ressourcen, die die Menschen selbst hätten. Etwa durch die Kenntnisse in der 1. Hilfe-Leistung. Man müsse sich hier angesichts der Umstände mehr einfallen lassen. Er verweist auf das Prinzip arztentlastende Hilfe, die Idee „AGnES – Arztentlastende Gemeindenahe E-Health-gestützte Systemintervention“. In einer Weiterentwicklung von AGnES gehe es hier etwa um ehrenamtliche Basishelfer, die mit medizinischen Vorkenntnissen ausgebildet seien und die dann die mulitmorbiden Menschen im Umfeld besuchen und begleiten könnten. In einer Ehrenamtsstruktur, koordiniert mit hauptamtlichen Fallmanagern – das macht den Zusatz „2“ aus. AGnES war seinerzeit nicht gelungen, Schwestern durften nur von Hausärzten entsendet werden.

Viele Fragen offen – Ideen und Erfahrungen sammeln 

Am Ende enstspannte sich eine kurze Diskussion darüber, warum man dem Ärztemangel nicht durch eine veränderte Ausbildung begegne? Diese Frage führte zur Ausbildungsfrage der Länder und den Mangel an medizinischen Fakultäten – ein heißes Eisen. Es wurde nicht vertieft.

Die hier zahlreichen Aspekte zeigen, wie vielschichtig das Thema „medizinische Versorgung“ im ländlichen Raum ist – und wie viel Innovation notwendig ist, um dem Anspruch der Aufrechterhaltung nachzukommen. Die Bundesländer im Osten scheinen hier in ihren Erfahrungen weiter zu sein – miteinander zu netzwerken würde sich lohnen, denn es tut sich ein weites Feld auf, in dem künftig viele kommunale Entscheider schnell lernen müssen, was funktioniert – und was nicht. Es geht dabei wirklich um lebensrettende Maßnahmen. Dies in zweierlei Hinsicht, nämlich um menschliches Leben sowie auch um medizinische Strukturen an sich –  da behielt Köppl recht.

Fotos: Anke Knopp

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wolfserwartungsland war häufig das stichwort.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Foto zeigt die Referenten des Forums .

 

Über den Autor

Bis Oktober 2016 war sie Projektmanagerin im Programm „LebensWerte Kommune“ in der Bertelsmann Stiftung und schrieb im Blog rund um die Themen zu Digitalisierung, Industrie 4.0, Kommunalpolitik im weitesten Sinne,...

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