Altersarmut ist ein vielschichtiges Thema, mit unterschiedlichen Definitionen von Armut bis hin zu Erklärungsversuchen und möglichen Lösungswegen. Der Wegweiser Kommune wird dieses Jahr einen Fokus auf dieses dringliche Thema legen. Ich werde mich in den nächsten Wochen immer wieder mit dem Thema im Blog melden und Stück für Stück wichtige Aspekte beleuchten.

Zunächst ein paar Fakten:

Wer ist in Deutschland eigentlich besonders von Armut betroffen? Zwar sind derzeit vor allem Kinder und Jugendliche mit 19,2%, junge Erwachsene (18 bis unter 25 Jahre) mit 24,8% und vor allem Alleinerziehende mit 43% von Armut bedroht. Aber auch die Zahl der von Armut bedrohten über 65-Jährigen steigt seit Jahren kontinuierlich, von 11% im Jahr 2005 auf 14,3% im Jahr 2013. Dabei sind starke Ost-West Unterschiede zu verzeichnen: 14,8% der Rentner in den alten und 12,5% in den neuen Ländern haben weniger als 60% des Durchschnittseinkommens zur Verfügung. Insbesondere ältere Frauen haben ein besonders hohes Risiko von Altersarmut betroffen zu sein: 12% der Männer und 16,2% der Frauen über 65 Jahre sind von relativer Einkommensarmut betroffen. (Datenquelle Mikrozensus 2013).

Diese höhere Quote bei Frauen hat Gründe:

Eine aktuelle Auswertung des Wegweisers Kommune hat gezeigt, dass die Frauenbeschäftigungsquote in Deutschland immer noch relativ gering ist. Im Osten lag die Quote im Jahr 2012 bei 57,9, Prozent, im Westen bei knapp 50,9 Prozent. Niedrige Beschäftigungsquoten erhöhen das Risiko von Altersarmut bei Frauen. Außerdem sind Frauen häufiger als Männer in Minijobs und Teilzeitarbeit tätig oder befinden sich in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Sie haben damit geringere Rentenansprüche als Männer und sind im Alter nicht ausreichend abgesichert.

Was muss passieren, um Altersarmut bei Frauen zu verhindern?

1. Ziel muss sein, dass jede Frau ihre eigene kontinuierliche Erwerbsbiographie hat und damit auch ihre eigene kontinuierliche Versichertenbiographie. Gerade wenn die Kinder klein sind, schränken zumeist Mütter ihre Berufstätigkeit ein, so dass Einkommen und Rentenansprüche sinken. Die Teilhabe von Müttern am Erwerbsleben muss also weiter verbessert werden. Dazu muss auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestärkt werden. Wir brauchen insbesondere für junge Mütter gute Rahmenbedingungen, damit diese Frauen relativ rasch in den Beruf zurückkehren können:

  • Also qualitativ hochwertige Kinderbetreuungsangebote in Kitas und Ganztagsschulen mit flexiblen Öffnungszeiten
  • Arbeitgeber, die sich stark für die baldige Rückkehr von Müttern in den Beruf einsetzen und flexible Arbeitszeiten und Homeoffice ermöglichen.

2. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse von Frauen müssen vermieden werden. Frauen arbeiten häufig im Dienstleistungssektor mit einem relativ geringen Entlohnungsniveau. Im Arbeitsmarkt müssen prekäre Beschäftigungsverhältnisse, also Niedriglöhne abgeschafft werden. Nur so können die Voraussetzungen für sichere Renten geschaffen werden und der Altersarmut entgegengewirkt wird. Siehe hier auch den Blogpost von Hannah Amsbeck zum Gender Pay Gap.

3. Die Reform des Rentensystems ist nötig. Trotz zurückliegender Reformen setzen die Folgen des demographischen Wandels die Rentenversicherung weiter unter Druck. Ab 2030 droht ein rascher Anstieg des Beitragssatzes. Ein gleichzeitiges Absinken des Rentenniveaus wird zu mehr Altersarmut führen. Dies wird v.a. Frauen treffen, die häufig aufgrund von Pflege und Erziehungszeiten nicht kontinuierlich in die Rentenversicherung einzahlen konnten.

Reformen sind notwendig:

  • Mit der Rente mit 67 wurde ein erster richtiger Schritt getan.
  • Aber die Arbeitsbedingungen und Berufschancen für ältere Arbeitnehmer müssen noch viel stärker verbessert und das Renteneintrittsalter flexibilisiert werden.
  • Außerdem müssten die Beiträge von Niedrigverdienern in der gesetzlichen Rentenversicherung höherbewertet werden, damit sie im Alter nicht weniger als den Grundsicherungssatz erhalten. Darin sind sich die Experten einig. Aber woher soll das Geld dafür kommen?
  • Das jetzige Rentensystem setzt leider auch immer noch Anreize gegen die Erziehung und Ausbildung von Kindern. Zur Lösung dieses Problems könnten kinderbezogene Rentenansprüche ausgebaut werden. Damit könnten die Belastungen ausgeglichen werden, die Familien bei der Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder übernehmen.

Viele dieser Lösungen werden auf Bundesebene entschieden, in der Rentenpolitik oder in der Wirtschaft- und Familienpolitik. Was können aber Kommunen tun um Altersarmut zu vermeiden oder mit den Folgen umzugehen? Was meinen Sie? Ich freue mich mit Ihnen darüber diskutieren.

Foto: Veit Mette

Über den Autor

Senior Project Manager im Programm „LebensWerte Kommune“ in der Bertelsmann Stiftung. Anja Langness hat Erziehungs- und Gesundheitswissenschaften studiert und als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld gearbeitet. Sie leitet das...

6 Kommentare

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  • Thomas

    27.01.2015
    # 01

    Einen sehr interessanten Artikel zu diesem Thema gibt es auch auf http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2014-12/32304341-frauen-fuehlen-sich-schlecht-auf-den-ruhestand-vorbereitet-fast-jede-dritte-frau-hat-angst-vor-altersarmut-198.htm
    Es ist schon unglaublich zu sehen, wieviele Menschen mittlerweile auch trotz das sie ihr lebenlang gearbeitet haben, in die Altersarmut geraten sind. Kein Wunder, dass Frauen in diesem Fall noch viel öfters davon betroffen sind.

    • Anja Langness

      28.01.2015

      Ich stimme Ihnen zu. Und leider ist die Tendenz steigend – auch wenn Prognosen über den genauen Anstieg der Altersarmut unsicher sind. In einem sind sich die Experten aber einig: Altersarmut wird in den nächsten Jahren zunehmen. Und das vor allem in Ostdeutschland, wo das Durchschnittseinkommen niedriger ist als im Westen und die Arbeitslosigkeit höher.

  • silvia

    13.11.2015
    # 02

    Hallo Anja, das Thema ist hochbrisant und tatsächlich mit der aktuellen Flüchtlingswelle nicht mehr wegzuweisen. Altersarmut wird immer mehr Menschen treffen da es einfach nicht genug gut bezahlte Jobs mehr gibt. Habe übrigens gerade einen Artikel diesbezüglich auf frauenbewerten.de gelesen, der sich ebenso intensiv mit diesem Thema befasst und auch kritisch hinterleuchtet. da wurde Bezug genommen auf ein Kommentar (frühes) von Herrn Schmidt (RIP 🙁 ) der sich auf frühere Flüchtlingsströme bezieht was auf N24.de veröffentlicht wurde. Lohnt sich mal reinzugucken. Jedenfalls danke für deinen Beitrag und LG Silvie 🙂

  • Agathe

    06.12.2015
    # 03

    Die Probleme sind ja viel komplexer als hier geschildert. Es geht nicht nur um die Altersarmut sondern auch schon um die Armut die sich viel früher in das Leben, auf Umwegen, hereinschleicht. Bei uns in Österreich macht sich das zum Bsp dadurch bemerkbar, dass sich ärmere Leute oft gar nicht ärztlich untersuchen lassen. Da ist ein Schamgefühl vorhanden, dass man tw als armer Mensch gar keine weiteren Schocknachrichten haben / hören möchte. Insgesamt aber ist die Pension nicht gesichert und die derzeitge Null zins Politik verschlimmert alles nur noch! http://www.lordoftheocean.co

  • Sascha

    25.12.2015
    # 04

    Sehr schöner Artikel. Ich denke, dass es auch daran liegt, dass ältere Menschen nicht Gewohnheiten in ihrem Leben haben, die zu Reichtum führen.

    Vor Kurzem habe ich ein sehr interessanten Artikel zu diesem Thema geschrieben, der für sehr viel (positivem) Aufruhr gesorgt hat: Hier: http://www.sh-lifestylecoaching.com/altersarmut-in-deutschland-abhangigkeit-gruende/

    • Andreas

      05.08.2016

      Wir werden auch arm durch die Empfehlung solcher Seiten und der dort auffindbaren „sehr interessanten Artikel“, die uns letztlich nur das Geld aus der Tasche ziehen wollen

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