Von „guten“ und „schlechten“ Eltern

 Wusch. Das Kind fährt dem Mann, der just seine Lebensmittel bezahlen will, zum zweiten Mal mit dem Mini-Einkaufswagen in die Fersen. Es hält sich nicht an die Abstandsregeln und einen Mundschutz trägt es auch nicht. „Einkaufshelfer“ steht auf der Fahne, die an dem kleinen Wagen wedelt. Helfen sieht irgendwie anders aus. Wusch. Crash Nummer drei. Der Mann dreht sich genervt um. Die Mutter des „Einkaufshelfers“ tippt hektisch in ihr Handy, während sie anfängt, ihr Gemüse aufs Kassenband zu legen. „Einige Eltern sind einfach inkompetent“, raunt es in der Schlange. Stimmt das?

 

Wann sind Eltern kompetent?

Wann sind Eltern eigentlich kompetent? Dieser Frage geht der Werkstattbericht von Faktor Familie und der Bertelsmann Stiftung „Wann handeln Eltern kompetent?“ aus der Begleitforschung des Projekts „Kein Kind zurücklassen!“ nach. Er zeigt, welche Lebensbedingungen das Erziehungsverhalten von Eltern beeinflussen und wie sich dies auf die Entwicklung der Kinder auswirkt. Hierzu wurde eine Familienbefragung aus dem Projekt „Kein Kind zurücklassen!“ ausgewertet, in der über viertausend Eltern von drei-, sechs- und elfjährigen Kindern einen umfassenden Fragebogen zu ihrem Familienleben beantworteten.

Als Mutter oder Vater immer förderlich zu handeln, ist gar nicht so einfach. Und was bedeutet das eigentlich genau, sich förderlich für die Entwicklung eines Kindes zu verhalten? Vor allem gilt es, eine gute Balance zu finden zwischen der Lenkung des Kindes und dem Schenken von Wärme und Zuneigung. Die Forschung nennt das einen „autoritativen Erziehungsstil“. Das heißt: aufmerksam sein, aber auch konsequent handeln. Einfacher gesagt als getan.

 

Äußere Umstände sind wichtig, aber nicht alles

Manchen Eltern fällt es aufgrund ihrer Lebensumstände leichter, einen förderlichen Umgang mit ihrem Kind zu leben. Ein alleinerziehender Elternteil, der sich sorgt, wie die Winterjacke fürs Kind bezahlt werden soll, hat es schwerer, auch in kritischen Momenten einen kompetenten Erziehungsstil zu leben – abgesehen von der grundsätzlichen Mehrbelastung, weil ein unterstützender Part fehlt. Da ist es oft einfach leichter, nachzugeben und den Fernseher anzustellen, wenn abends noch eingekauft, die Wäsche gemacht und die Wohnung aufgeräumt werden muss.

Der Werkstattbericht zeigt jedoch auch, dass der subjektiv empfundenen Belastung einer Familie – wie etwa dauerhafter Stress und Unsicherheiten – eine teils noch wichtigere Rolle zukommt. Natürlich sind Belastungen häufig mit den Lebensumständen verbunden: Ob man Spitzenverdiener ist oder mit einem niedrigen Lohn auskommen muss, ob man allein oder gemeinsam für die Erziehung verantwortlich ist – all das wirkt sich darauf aus, wie weit man die eigene Lage als misslich oder privilegiert empfindet und wie souverän und gelassen man die elterlichen Aufgaben bewältigen kann.

Ein entscheidender Faktor ist allerdings die eigene Wahrnehmung der Lebenssituation. Denn auch Elternteile, die sich nicht in einer Risikolage befinden, aber unter Jobstress oder subjektiver Armut leiden – also trotz ausreichenden Einkommens ständig das Gefühl haben, das Geld reiche nicht – oder in ihrer Rolle unsicher sind, leben teilweise einen wenig förderlichen Umgang mit ihrem Kind. Die wahrgenommenen Belastungen und eigenen Unsicherheiten sind es, die negativ auf das Verhalten und somit auf die Entwicklung des Kindes wirken.

 

Vorsicht beim Umkehrschluss

Das heißt aber nicht, dass von den Lebens- und Problemlagen automatisch auf die Kompetenz der Eltern geschlossen werden kann. Allein für ein Kind zu sorgen, heißt nicht, dass man nicht kompetent handeln kann. Selbst wenn die eigenen Reserven aufgrund eines fordernden Jobs begrenzt sind, müssen Eltern nicht inkompetent sein. Und nur, weil man mit sehr wenig Geld auskommen muss, bedeutet das nicht, dass man das eigene Kind nicht in seiner Entwicklung fördern kann. Nur ist es unter diesen Bedingungen deutlich schwerer.

Ausreichend Geld und Zeit gewährleisten ebenfalls nicht, dass man seiner Rolle als Vater oder Mutter gerecht wird. Hier kommen elterliche Fähigkeiten ins Spiel. Ein Kind in seiner Entwicklung zu unterstützten, bedeutet nicht nur, seine grundlegenden kindlichen Bedürfnisse zu beachten, sondern auch Wissen um Werte zu vermitteln. Eltern brauchen also ganz bestimmte Kompetenzen in der Erziehung eines Kindes. Gerade in sozial benachteiligten oder belasteten Familien ist es nicht selbstverständlich, dass diese Kompetenzen gelebt werden können. Denn oft liegt die elterliche Aufmerksamkeit nicht bei den Kindern, sondern auf anderen, dringend zu lösenden Problemen.

 

Was ist zu tun?

Vor allem, weil der elterliche Umgang eine so entscheidende Rolle spielt, muss die Handlungsfähigkeit von Eltern gestärkt werden! Sie bei der Kindererziehung zu unterstützen ist eine der vielen Aufgaben der kommunalen Kinder- und Jugendhilfe. Städte und Gemeinden müssen Angebote zur Stärkung von Eltern und zu deren Bildung bereitstellen. Wichtig ist, dass diese Angebote passgenau entwickelt werden – nicht nur wegen knapper kommunaler Mittel, sondern auch, damit die Eltern erreicht werden, die die Unterstützung tatsächlich benötigen.

Manchmal fehlt Eltern auch schlicht das nötige Wissen, um kompetent handeln zu können. Daraus wiederum resultieren oft Unsicherheiten. Damit diese offen angesprochen und Ratschläge angenommen werden können, ist es wichtig, die Einbindung und das Vertrauen der Eltern in ihr Umfeld zu stärken. Mütter wie Väter, die in ein Netz aus vertrauensvollen Kontakten eingebunden sind, teilen ihre Sorgen mit anderen und wissen eher, wo sie Hilfe erhalten können. Zudem sollten sich die unterschiedlichen Professionen vor Ort noch stärker vernetzen – zum Beispiel Kinderärzte, Hebammen sowie Erzieherinnen und Erzieher. Sie können als „Türöffner“ fungieren und auf Unterstützungsmöglichkeiten hinweisen, wenn sie Probleme wahrnehmen.

Da gerade die subjektiven Belastungen entscheidend sind für den Umgang und somit für die Entwicklung von Kindern, muss aber nicht nur die Vernetzung in Nachbarschaft, Institutionen und Kommunen verbessert werden: Auch Themen wie die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben – gerade für Familien, die von Armut bedroht sind – sind noch deutlich stärker politisch in Angriff zu nehmen.

All dies verändert sich nicht über Nacht. Daher braucht es unterdessen Menschen, die in unserer individualisierten Gesellschaft sensibel auf die Problemlagen anderer reagieren. Menschen, die nachfragen und zuhören, wenn sie merken, dass der Nachbar oder die Mutter, der man morgens oft im Hausflur begegnet, immer gestresst ist. Zur Not wird man eben selbst mal „Einkaufshelfer“. Denn gerade in Zeiten von Corona stehen Familien besonders unter Druck. Überheblichkeit oder Spott sind hier jedenfalls fehl am Platz. 

 

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