Normale Kinder – auffällige Kinder: Alles eine Frage der Befindlichkeiten?

Normal. Ein scheußliches Wort. Denn was ist schon normal? Eltern kennen solche Fragen gut: Verhält sich mein Kind normal – oder ist das unnormal? Ist mein Sohn, meine Tochter auffällig?

Alles eine Frage der Perspektive, schreibt Jörg Kohlscheen, Autor des Werkstattberichts „Die gesellschaftliche Konstruktion auffälliger Kindheiten“ der Bertelsmann Stiftung und des Zentrums für interdisziplinäre Regionalforschung ZEFIR an der Ruhr-Universität Bochum. Normal, unnormal, auffällig, unauffällig: Das alles sind Konstruktionen. Ein Kind ist also nicht „an sich“ auffällig, sondern sein Verhalten wird von Außenstehenden so empfunden oder gedeutet. Zuschreibungen dieser Art sind immer veränderlich. Das, was wir heute als auffällig empfinden, mag in ein paar Jahrzehnten oder in einem anderen Kontext als völlig normal gesehen werden.

Doch wie kommen solche Konstruktionen zustande? Und warum schicken einige Eltern den Nachwuchs schon bei kleinsten Anzeichen einer „Auffälligkeit“ in eine Förderschleife, während andere keinen Handlungsbedarf sehen? Diesen Fragen geht Jörg Kohlscheen in seinem Bericht nach.

 

Für manche ist das Glas halb leer, für andere halb voll …

Menschen nehmen Probleme unterschiedlich wahr. Dies lässt sich verdeutlichen, wenn man ihre objektive Lage mit der subjektiven Bewertung ihrer Situation vergleicht. Kohlscheen hat das in unserem Werkstattbericht getan. Er unterscheidet dabei grundsätzlich objektiv belastete Menschen, die über ein geringes Einkommen verfügen, und objektiv unbelastete Menschen, die ein hohes Einkommen beziehen. In beiden Gruppen gibt es Menschen, die die eigene Situation realistisch einschätzen, und solche, die ihre Lage besser oder schlechter deuten, als sie objektiv ist.

Das ist an sich nichts Neues. Interessant ist aber, dass die Auffälligkeiten der Kinder entlang dieser verschiedenen Typen ungleich verteilt sind: Kinder von Eltern, die problemtoleranter sind, entwickeln seltener Auffälligkeiten als Kinder problembewusster Eltern. Dieses Ergebnis ist umso erstaunlicher, führt man sich vor Augen, dass in beiden Gruppen durch objektiv belastende Umstände die Wahrscheinlichkeit für Auffälligkeiten deutlich erhöht ist.

 

Elterliche Erwartung und kindliches Verhalten: Ein Teufelskreis?

Die Haltungen der Eltern spielen hier eine entscheidende Rolle. Wenn sie problemtolerant sind, stehen sie dem Verhalten ihres Kindes weitestgehend erwartungslos gegenüber – Erwartungen werden also seltener enttäuscht und die Mütter und Väter sind weniger frustriert. Problemtolerante Eltern können so dem Teufelskreis entgehen, in den andere Eltern leichter reingeraten: Enttäuschte Erwartungen und Frustration sind nämlich regelrechte Stresstreiber. Gestresste Eltern übertragen diesen Druck häufiger auf das eigene Kind. Reagiert die Tochter oder der Sohn auf die Situation mit einem Wutausbruch, werden Eltern hellhörig und verschärfen ihre Beobachtung. Viele Kinder empfinden dies als Stresskontrolle, wodurch sie sich wiederum stärker „auffällig“ verhalten.

Die unterschiedlichen Haltungen beeinflussen aber auch, ob und welche Präventionsangebote Eltern in Anspruch nehmen. Menschen, die ihre Lebenssituation nicht als belastet wahrnehmen, lassen sich grundsätzlich schwerer mit präventiven Angeboten erreichen.

Hier haben wir die Herausforderung von Normalisierung versus Normierung. Wenn Kinder problemtoleranter Eltern weniger Auffälligkeiten entwickeln, sollte Prävention nicht dazu führen, dieser guten Entwicklung entgegenzusteuern. Zeichnen sich aber beispielsweise deutliche Schwierigkeiten in sozialen Interaktionen ab, ist es wichtig, diese Eltern für präventive Angebote zu sensibilisieren.

 

Gelassenheit und Sorge in Balance

Prävention sollte Eltern und Kinder stärken, sie also dabei unterstützen, aufmerksam und besonnen auf wahrgenommene Probleme zu reagieren. Denn natürlich sollten Väter und Mütter das Verhalten ihres Kindes ernst nehmen. Aber sie sollten sich und das Kind auch nicht sofort unter Druck setzen – nur, weil es sich nicht so verhält, wie sie es sich vorgestellt haben. Da hilft es, die eigenen Erwartungen auch mal zu hinterfragen und sich in Gelassenheit zu üben. Eine Perspektive, die nur die negativen Seiten in den Blick rückt, ist hier wenig hilfreich. Vielmehr gefragt sind Anerkennung und Wertschätzung.

Prävention darf gerade deshalb nicht heißen, dass Kinder und ihre Eltern bei kleinsten „auffälligen“ Anzeichen verunsichert werden, weil sie meinen, nicht dem landläufigen Bild des „normalen“ Verhaltens zu entsprechen. Dies kann die Betroffenen sogar in den beschriebenen Teufelskreis treiben und die Situation verschlimmern.

Erst recht darf Prävention nicht bedeuten, dass Kinder lediglich an die sie umgebenden Systeme angepasst werden sollen. Vielmehr müssen etwa Bildungseinrichtungen – im Rahmen ihres berechtigten Auftrags, allgemeine Werte und Verhaltensweisen zu vermitteln – daran arbeiten, sich auch an Kinder und beispielsweise ihr individuelles Lerntempo anzupassen. Prävention kann und sollte diese Veränderungsprozesse vorwegnehmen und gestalten. Dass Kinder und Kindheiten vielfältig sind, ist nämlich ganz normal.

Den kompletten Bericht finden Sie hier.



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