Das Bild zeigt eine Kreidemalerei auf der Straße mit dem Schriftzug "Welcome" mit Herzen darunter.

Eine Akzentverschiebung in der deutschen Migrationsdebatte

Die wöchentlichen SPIEGEL-Titel sind eine Chronik der Zeitgeschichte  – und damit auch ein interessanter Indikator für den Tenor öffentlicher Debatten und deren Akzentverschiebungen. Besonders sinnfällig werden Veränderungen bei einem Themenkomplex wie Migration/Ausländer, weil darüber seit Jahrzehnten kontrovers debattiert wird. Eine kleine Zeitreise im „Spiegel-Bild“ zeigt einerseits sattsam bekannte Debattenmuster – aber ebenso deutlich auch, wie sich die Diskussionen seit Anfang der 2000er Jahre langsam verändert haben.

Im Jahr 1973

Spiegel Titelblatt

Ein Land kurz vor der Apokalypse: Städte, die vor Ausländern überlaufen. An den Landesgrenzen über eine Million Türken, die auch noch hinein wollen. Alarmierte Stadtväter in Großstädten, die diese Ausländerinvasion kaum noch bewältigen können. Anschwellende Ausländerghettos und Soziologen, die  bereits Städteverfall, Kriminalität und soziale Verelendung wie in Harlem prophezeien. Willkommen in Deutschland! Wir schreiben das Jahr 1973 und das Magazin „Der Spiegel“, dem obiges Szenario fast wörtlich entnommen ist, titelt: „Die Türken kommen – rette sich wer kann.“

Knapp 25 Jahre später, gleicher Tenor: Die multikulturelle Gesellschaft ist laut Spiegel gescheitert. Wieder erblickt das Hamburger Nachrichtenmagazin „Zeitbomben in den Vorstädten“, weil dort unter jungen Ausländern ohne Perspektive „die Bereitschaft wachse, sich mit Gewalt zu holen, was die Gesellschaft ihnen verweigert.“

Spiegeltitel II

Ein Jahr später, zum gescheiterten Multikulti kommen nun auch noch die „Flüchtlingsproblematik“ hinzu – denen der Spiegel bereits 1991 eine berühmt-berüchtigte „Das-Boot-ist-voll“-Titelgeschichte gewidmet hatte: „Wie viele Ausländer verträgt Deutschland?“ lautet kurz vor der Jahrtausendwende die Frage, an der sich das Magazin abarbeitet.

Spiegel Titel III

Wieder ist der soziale Friede im Land in Gefahr, diesmal sind es die Asylbewerber – „unter ihnen auch viele Kriminelle und Politextremisten, die Terror daheim predigen“ – die die „Belastungsgrenze der Republik“ austesten.

Aber: Dieser Spiegel-Text markiert eine Wende. Obwohl Migranten auch hier wie üblich als Bedrohung thematisiert werden, bricht der Artikel punktuell mit diesem Muster. Denn er macht deutlich: Auch wenn die öffentliche Meinung und Teile der Politik skeptisch gegenüber Ausländern gestimmt sind, zwingen die sich abzeichnenden demographischen und wirtschaftlichen Entwicklungen dazu, Ausländer auch als Humanressource in den Blick zu nehmen. Der Nützlichkeitsaspekt wird stärker. Und: Der Spiegel konzediert, dass Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist, voller Menschen mit Migrationshintergrund. 

Die Folgen dieser soziodemographischen Entwicklung schaffen es 16 Jahre später wieder auf den Spiegel-Titel. Wir sind wieder wer. Nur: wer genau?

Eine ostdeutsche Frau mutiert zur Dauer-Kanzlerin. Özil, Klose, Khedira: eine Multikulti-Elf führt die deutsche Fußballnationalmannschaft zum WM-Titel. Und eine zunehmend sichtbarere muslimische Gemeinschaft verschafft sich mit Nachdruck Gehör – Deutschland, so scheint es, verhandelt sich neu. Der Umgang mit den selbstbewussten Muslimen – wir erinnern uns an 1973: „Die Türken kommen – rette sich wer kann“ – bleibt zwar weiterhin neurotisch. Aber das Bild der Migranten wird facettenreicher. Nicht mehr nur Bedrohung und Überfremdung bestimmen die Szenerie. „Die neuen Gastarbeiter“ wirken stattdessen plötzlich wie adrette Weltbürger.

Spiegel Titel

Und wenn das alternde Deutschland über seine Zukunft nachdenkt, spielen die Ausländer in den dafür entwickelten Szenarien (inkl. Flüchtlinge) eine zunehmend konstruktive Rolle 

Einwanderungsland kulturell vielstimmiger

Dieser kleine Spiegel-Exkurs macht eines sehr deutlich: Migrationspolitik ist in Deutschland ein ausgesprochen zähes Unterfangen, auch deshalb, weil das Feld politisch jahrzehntelang stiefmütterlich behandelt worden ist (unser Kollege Orkan Kösemen hat dies im Detail analysiert). Manche Vorbehalte, etwa gegen Muslime, sind überaus hartnäckig. Doch unübersehbar ist auch, dass die Grundmelodie sich geändert hat, auch deshalb, weil das Einwanderungsland kulturell vielstimmiger geworden ist. In Deutschland verschränken sich vor dem Horizont von Überalterung und sich abzeichnenden Fachkräfteengpässen Migrationsfragen wieder verstärkt mit Nutzenkalkülen. Man mag das moralisch fragwürdig finden – doch für bestimmte migrationspolitische Aspekte eröffnet gerade das neue Spielräume, weil sich zwischen Zivilgesellschaft, Wirtschafts- und Politiksystem plötzlich neue Allianzen bilden, die Veränderungen erst möglich machen.

Willkommenskultur – ein Begriff macht Karriere

Dass das Feld in Bewegung ist, zeigt auch die jüngste Umfrage, die die Bertelsmann Stiftung im Frühjahr zum Thema „Willkommenskultur“ durchgeführt hat . Allein die Karriere des Begriffs „Willkommenskultur“ ist bereits ein erstes Indiz dafür, dass in jüngerer Zeit die Migrationsdebatte mit anderen Vorzeichen geführt wird. Im Vergleich zu den Ergebnissen von 2012, als wir die Umfrage zum ersten Mal durchgeführt haben, zeigen sich spannende Veränderungen: 

  • Die Willkommenskultur wird positiver gesehen. Mehr Menschen als noch 2012 glauben heute, dass Einwanderer in Deutschland willkommen sind.
  • Das ist umso erstaunlicher, als dass die Umfrage im Januar 2015 durchgeführt wurde, also in der Hochphase der ausländer- und islamfeindlichen Pegida-Demonstrationen.
  • Dennoch: Waren 2012 49 Prozent der Befragten der Meinung, dass Einwanderer on der Bevölkerung freundlich empfangen werden, sagen dies heute sechs von zehn Befragten.

Einwanderungsland gewinnt an Reife

Das Einwanderungsland Deutschland gewinnt an Reife. Einerseits sehen sich Einwanderer mit gestiegenen Erwartungshaltungen konfrontiert, etwa hinsichtlich der Anpassung an die deutsche Kultur oder mit Blick auf ein gutes Zusammenleben mit Deutschen. Zugleich steigt aber auch die Bereitschaft, Einwanderer mit gezielten Hilfestellungen zu unterstützen. Zum Teil deutliche Mehrheiten der Befragten plädieren für erleichterte Einbürgerungen, Antidiskriminierungsgesetze oder die Anerkennung von im Ausland erworbenen Schul- und Berufsabschlüssen.

Eine große Mehrheit (84 Prozent) spricht sich dafür aus, Flüchtlingen einen raschen Zugang zum hiesigen Arbeitsmarkt zu gewähren. Neun von zehn Befragten sehen dabei in Sprachkursen (auch und gerade für Kinder), eine zentrale Voraussetzung für gelingende Integrationsprozesse.

Sensibel für Gerechtigkeitsdefizite

Auf den ersten Blick deutet also einiges darauf hin, dass die Migrationsdebatte rationaler und weniger populistisch als in der Vergangenheit geführt wird. Andererseits sind die Gegner multikultureller Gesellschaftsentwürfe beileibe nicht verschwunden (nur zwei Beispiele aus jüngerer Zeit: Und die Erfahrung lehrt, dass Debatten sehr schnell kippen, wenn sich massive gesellschaftspolitische Krisen einstellen. Aber es zeigt sich auch, dass aufklärerischen Impulsen ebenfalls eine starke Dynamik inne wohnt und neue Sensibilitäten für Gerechtigkeitsdefizite erzeugt. Ein Beispiel dafür ist die noch junge Debatte um den so genannten „Triple Win“ – hier eine Erläuterung, in der die Bertelsmann Stiftung stark involviert ist.

Triple Win

Worum geht es? Praktisch alle Industrienationen überaltern und sind konfrontiert mit sinkenden Arbeitskräftereservoirs. Einwanderung von ausländischen Fachkräften ist eine der wenigen Möglichkeiten, hier kurzfristig gegensteuern zu können. Doch was bedeutet das für jene Länder, aus denen die Menschen auswandern? Erleben wir eine fragwürdige Renaissance kolonialer Muster oder kann es gelingen, die Dreiecksbeziehung Auswanderungsland-Migrant-Einwanderungsland so zu gestalten, dass auf allen drei Seiten das Positive überwiegt?

Die Bertelsmann Stiftung hat in einer internationalen Recherche intensiv nach guten Triple-Win-Beispielen gesucht. Ergebnis: Nirgends ist die Idee vollständig realisiert. Aber von Schweden über Kanada bis hin zu den Philippinen gibt es eine Fülle an Projekten, die als Bausteine für eine Gestaltung internationaler Migrationsströme im Geiste einer „sozialen Marktwirtschaft für Migration“ dienen können.

Über den Autor

Projekt Manager im Team "Eiwanderung und Vielfalt". Promotion Philosophie, Eine Kritik der Rechts- und Geschichtsphilosophie Immanuel Kants. Studium Philosophie Münster (1997). Sprache(n) Deutsch, Englisch, Italienisch.

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Bitte füllen Sie alle Felder aus: