Demogrofischer Wandel

Jeder kennt sie: Segregierte Ortsteile, Orte in einer Stadt, die sozial abgespalten sind. Oft leben hier viele Migranten, oftmals kommen jetzt auch Flüchtlinge hinzu. Diese Personenkreise verteilen sich nicht nur ungleichmäßig auf die deutschen Städte, sondern auch ungleichmäßig innerhalb der Städte. Das führt dazu, dass in einigen Stadtteilen oder Quartieren besonders viele Flüchtlinge oder Migranten leben und in anderen wenige oder sogar gar keine. Die sozialräumliche Konzentration der Personen mit einem ähnlichen sozioökonomischen Status, gleicher ethnischer Zugehörigkeit oder ähnlicher kultureller Lebensweise wird im Fachterminus als „residentielle Segregation“ bezeichnet.

 Der Blick auf Problemviertel

Segregierte Quartiere bzw. Stadtteile werden häufig von der Stadtbevölkerung als „Problemviertel“, „Ghettos“ oder „soziale Brennpunkte“ beschrieben und leider auch gebrandmarkt. Auch lehnen viele Stadtplaner, Kommunalpolitiker und Sozialwissenschaftler eine ethnisch-kulturelle Konzentration im Stadtraum ab. Diese Bündelung führe dazu, dass die Menschen mit ausländischen Wurzeln weniger in den Kontakt mit der Kultur der Aufnahmegesellschaft kämen. Dadurch erschwere sie die Integration. Und trotzdem findet oftmals eben diese Bündelung statt. In diesen Quartieren gibt es häufig eine schlecht ausgebaute Infrastruktur, mangelhafte private und öffentliche Dienstleistungen sowie belastende physische Umweltbedingungen. Zerfallende Gebäude, leerstehende Geschäfte, eine hohe Kriminalitätsrate und wenige Grün- sowie Erholungsflächen sind in diesen Quartieren keine Seltenheit. Die Tatsache in einem segregierten Quartier zu leben, beeinflusst auch die Jobaussichten der Quartiersbewohner: So machen einige Arbeitgeber an der Adresse der Bewerber fest, ob sie sie einstellen oder nicht. Die schlechten Eigenschaften des Quartiers werden auf die Charaktere der Quartiersbevölkerung übertragen.

 Chancen der Segregation

Dabei müssen die Bewohner von segregierten Quartieren die jeweiligen Wohnverhältnisse selbst nicht unbedingt als negativ wahrnehmen. Segregation kann auch mit Vorteilen für Migranten und für die Kommune verbunden sein. Das hört sich wertend an, zeigt sich aber in vielen Ländern ähnlich: Ziehen Migranten zunächst in die Nähe von anderen Migranten bzw. Flüchtlingen mit ähnlichem ethnischkulturellen Hintergrund fällt eine Verständigung leichter. Durch diese Verständigung und den Austausch können Migranten schneller an wichtige Informationen z.B. über Jobmöglichkeiten gelangen, als über den amtlichen Weg. Dieses kann auch zu einer Entlastung des städtischen Sozialetats führen. Auch erleichtert die räumliche Nähe den Migranten die gegenseitige Unterstützung im Alltag und schützt sie so vor sozialer Isolation. Segregierte Quartiere können somit als erste Orientierungshilfe für Migranten und Flüchtlinge verstanden werden, sich in einer fremden Gesellschaft zurechtzufinden. Nicht selten führt es auch dazu, dass das entstehende Waren- sowie Dienstleistungsangebot zu einer kulturellen Vielfalt in der Stadt beitragen kann. Dann aber muss auch das gesellschaftliche Aufstiegsversprechen greifen und Chancen müssen ermöglicht werden. 

 Integration durch Partizipation

Wenn diese positiven Konsequenzen von Segregation in der Kommune mehr Berücksichtigung finden, kann das zu einem anderen (politischen) Umgang mit segregierten Stadtquartieren führen. Für Städte bietet es sich an, gerade in segregierten Quartieren integrationsstärkende Maßnahmen durchzuführen. Meiner Meinung nach sollten Kommunen viel mehr auf die dortige Bevölkerung zugehen und ihnen u.a. mit partizipativen Angeboten die Integration erleichtern. So ist vorstellbar, dass Konflikte im und Vorurteile über das Quartier verringert werden können, wenn im segregierten Quartier z.B. ein multikultureller Treffpunkt geschaffen wird, bei dem auch die deutsche Bevölkerung mit den Migranten und Flüchtlingen in Kontakt treten kann. Wahrscheinlich hätte dieses sogar eine Verbesserung der nachbarschaftlichen Verhältnisse und damit auch der Lebensqualität im Quartier zur Folge. Natürlich muss auch ein Interesse von der Seite der Migranten und der Deutschen vorhanden sein, an solchen Angeboten überhaupt teilzunehmen. Von den Beteiligungsmöglichkeiten, die die Kommune den Migranten und Flüchtlingen eröffnet, hängt ab, ob das Quartier nachhaltig zu einem Ort der sozialen Exklusion wird oder ob die Bevölkerungsgruppen eine Perspektive für ihre Integration und ihr weiteres Leben in Deutschland erhalten. Kommunen müssen Räume der Verständigung schaffen.

Was Städte tun können

Um zu erfahren, an welchen städtischen Orten die Kommune welche Angebote für Migranten und Flüchtlinge etablieren sollte, um die Integration zu erleichtern, braucht sie kleinräumig differenzierte Daten über die Lebensbedingungen in den einzelnen Quartieren und über die dort lebenden Bevölkerungsgruppen. Mit Instrumenten der Sozialraumanalyse, wie dem Keck-Atlas, lassen sich diese kleinräumigen Daten auswerten und abbilden, um sie in den politischen Diskurs einzubeziehen. Durch den Trend vom Land in die Stadt zu ziehen und dem größer werdenden Zuzug von Flüchtlingen und Migranten wird es für Kommunen immer wichtiger, die Ressentiments über segregierte und sozial-benachteiligte Stadtquartiere aufzulösen. So kann es gelingen, die Integration zu verbessern und eine akzeptierte Willkommens- und Anerkennungskultur zu schaffen. Segregation geht also alle Beteiligten in einer Kommune etwas an: Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, damit aus einem Integrationshemmnis eine echte Chance wird.

Über den Autor

Praktikant im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung. Er studierte an der Universität Bielefeld Soziologie und Erziehungswissenschaften. Dort beschäftigte er sich im Schwerpunkt mit Themen der Stadtforschung sowie der Konflikt-...

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