Das Foto zeigt den Text Refugees welcome.
Willkommen ist eine Frage der Haltung.

„Vom Willkommen zur Integration“- so der Titel einer Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung in Hannover. Ich war als Teilnehmerin dabei. Mich interessierte besonders der Erfahrungsaustausch über die kommunalen Integrationsbestrebungen angesichts der derzeitigen Flüchtlingssituation. Zudem arbeite ich in einem gerade begonnenen Integrations-Projekt der Bertelsmann Stiftung und bin Studentin der internationalen und interkulturellen Bildungsforschung in einer Großstadt in Sachsen-Anhalt. Ziel der Tagung war es, Erfahrungen auszutauschen und Handlungsempfehlungen für eine zukunftsfähige kommunale Integrationspolitik zu entwickeln. Diese finden sich hier.

Bürgergesellschaftliches Engagement als Fundament der kommunalen Integration von Geflüchteten

Kommunen sind die Orte, in denen Integration „passiert“. Die Good Practices entscheiden sich an der Etablierung von kommunalen Strukturen und Steuerungsprozessen, aber auch und vor allem, an der Haltung der Handelnden.

Aber ohne bürgerschaftliches Engagement, welches derzeit schon in sehr vielen Kommunen sichtbar und spürbar ist, kann Integration nicht gelingen. Deutlich wurde in den Diskussionen, dass Kommunen darüber hinaus Perspektiven brauchen, die differenziert und lösungsorientiert ausgerichtet sind. Und sie brauchen vor allem eine pragmatische Haltung, um Handlungsstrategien zu entwickeln. Dabei sollen die zivilgesellschaftlichen Strukturen vor Ort gestärkt, informelle Lösungen innerhalb von Institutionen gefunden und ein neues Bewusstsein für die Situation geschaffen werden. So können positive Synergieeffekte entstehen. Es geht vor allem auch darum, gesellschaftliche Institutionen zu demokratisieren. Das bedeutet, die geflüchteten Menschen in das Leben vor Ort einzubinden.

Noch viel zu tun 

Vielfach ist die Situation vor Ort nicht zufriedenstellend:

  • Es fehlt in der Regel ein gemeinsames Leitbild zur Flüchtlingssituation.
  • Es besteht die Gefahr der gesellschaftlichen Spaltung oder Radikalisierung.
  • Die Kommunikation zwischen Verwaltung, Ehrenamtlichen und anderen Teilen der Bevölkerung und Flüchtlingen kommt oft zu kurz.
  • Die Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Kommunen sind oft unzureichend geregelt.
  • Die Prozesse vor Ort sind kompliziert und oftmals nicht miteinander verzahnt.

Mulmiges Gefühl

Richte ich als Studentin meinen Blick auf meine Universitätsstadt in Sachsen-Anhalt, bekomme ich ein eher mulmiges Gefühl. Die Potenzierung rechtsextremistischer Taten seit Anfang letzten Jahres prägen meinen Eindruck, dass die Haltung seitens der Bürgergesellschaft vor allem eins ist: zunehmend radikal. Das gilt sicher nicht für die gesamte Bürgergesellschaft des Landes. Viele Bürgerinnen und Bürger engagieren sich vielfältig bei der Flüchtlingsintegration. Auffällig ist jedoch, und das nicht erst seit den vergangenen Landtagswahlen, dass hier die Grundstimmung weitaus pessimistischer und radikaler ist als in westdeutschen Städten.

Ein Aspekt dieser Entwicklung ist der demographische Wandel. Nach dem Demografie-Bericht für Sachsen-Anhalt 2014 hat das Land zwischen 1990 und 2010 mehr als 555.000 Einwohner verloren. Parallel dazu vollzieht sich eine Verschiebung der Altersstruktur: Die Zahl der unter 20-jährigen ist zwischen 2000 und 2008 über 30% zurückgegangen, während die Zahl der über 65-Jährigen um 25 Prozent angestiegen ist. Laut Bericht ist durch die „Kombination von Überalterung und „Unterjüngung“ bereits heute in der Bevölkerungsstruktur „vorprogrammiert“, dass Sachsen-Anhalt bei der Fortsetzung des Trends auch in Zukunft zu den am stärksten schrumpfenden Regionen nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa gehören wird.“Diese grundlegenden Veränderungen verlangen nach Diskussion – und nach Ansätzen, wie das gemeinsam zu schaffen ist. Das wünsche ich mir auch für meine Universitätsstadt.

Haltung ist gefragt

Der Zuzug von Geflüchteten wird den demographischen Wandel verändern und ist sozusagen eine weitere Veränderung der Veränderung. Die Frage ist daher in Sachsen-Anhalt wie auch überall: Wie kann sich unter diesen Umständen eine Kommune den aktuellen Herausforderungen stellen? Und wie kann sie die Kommunikation mit ihrer Bürgergesellschaft stärken, sodass eine positivere Haltung gegenüber den Zugezogenen entwickelt werden kann?

Die Nachhaltigkeit von Strukturen in demographischen Wandlungsprozessen kann meiner Meinung nach vor allem an einer gemeinsamen Perspektive gemessen werden, die sich immer wieder der gemeinsamen Neu- und Re-artikulierung unterziehen muss. Mein Appell an Kommunen lautet daher: Zeigt öffentlich Haltung angesichts der Flüchtlingssituation und schafft eine Kommunikationsstruktur, die einen gemeinsamen Diskurs mit der Bürgergesellschaft zulässt! Das war unter anderem auch Konsens auf der Tagung der Kollegen der Heinrich-Böll-Stiftung.

Zum neuen Projekt der Integration in Kommunen der Bertelsmann Stiftung künftig mehr hier im Blog.

Über den Autor

Praktikantin im Programm „Lebenswerte Kommune“ im Projekt „Angekommen und nun?- Integration von Geflüchteten vor Ort“ der Bertelsmann Stiftung. Sie studiert an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg Bildungswissenschaften mit dem Schwerpunkt internationale...

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