Das Foto zeigt eine Schranke in rot-weiß, die einen Waldweg absperrt. Die Jahreszeit ist Sommer, der Wald ist grün.

Es vergeht momentan wohl kein Tag, an dem das Thema „Flüchtlinge“ nicht in den Medien auftaucht. Es geht um Bootsflüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken, um Bürgerproteste gegen Flüchtlingsheime und die oftmals desolaten Bedingungen in diesen Einrichtungen. Viele Kommunen haben große Probleme, genügend menschenwürdige Unterkünfte für die Neuankömmlinge bereitzustellen. Die Aufnahmeeinrichtungen sind häufig überfüllt, oftmals wird auf Notunterkünfte ausgewichen. Die negativen Nachrichten reißen nicht ab.

Flüchtlinge: Eine Bereicherung für deutsche Kommunen?

Umso überraschender war es für mich, vor ein paar Tagen eine Nachricht zu lesen, die in eine ganz andere Richtung ging. Der Bürgermeister von Goslar hat angeboten, deutlich mehr Flüchtlinge aufzunehmen als die Stadt es aufgrund ihrer Größe eigentlich müsste. Dahinter steckt mehr als reine Menschenliebe. Goslar ist sehr stark vom demographischen Wandel betroffen. Von 2009 bis 2030 wird die Stadt voraussichtlich 19,7 Prozent seiner Einwohner verlieren. Schon in den vergangenen 10 Jahren ist Goslar um mehr als 4.000 Menschen geschrumpft. Die Folge: leerstehende Wohnungen, Hotels und Pensionen sowie Schulen mit immer weniger Schülern, die nach Wunsch des Bürgermeisters nun mit Flüchtlingen gefüllt werden sollen. Ganz so einfach sind die Folgen des demographischen Wandels wohl nicht zu bekämpfen, aber das Interessante an dieser Idee ist, dass hier nicht die Probleme, die häufig mit Flüchtlingen assoziiert werden, im Vordergrund stehen, sondern sie auch als Menschen wahrgenommen werden, die eine Bereicherung sein können.

Bessere Lebensbedingungen für Flüchtlinge

Die Bedingungen, unter denen viele Flüchtlinge in Deutschland leben, machen es ihnen allerdings häufig nicht leicht, sich in die Gesellschaft einzubringen, doch glücklicherweise finden hier nach und nach wichtige Verbesserungen statt. Wenn auch die Unterbringungssituation vieler Flüchtlinge weiterhin problematisch ist, so bewegt sich doch etwas in anderen Bereichen. So wurde jüngst die Residenzpflicht gelockert und der Zugang zum Arbeitsmarkt in bestimmten Fällen erleichtert. Flüchtlinge können sich jetzt nach drei Monaten Aufenthalt in Deutschland frei bewegen, auch wenn sie nach wie vor ihren Wohnort nicht frei wählen können, bis sie selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen können. In vielen Fällen entfällt nun die sogenannte Vorrangprüfung, sodass es vielen Flüchtlingen jetzt leichter gemacht wird, eine Arbeit aufzunehmen. Wer z. B. 15 Monate lang ununterbrochen erlaubt, geduldet oder mit einer Aufenthaltsgestattung in Deutschland aufgehalten hat, bekommt freien Zugang zum Arbeitsmarkt.

Bildung – nicht nur wichtig, sondern sogar ein Menschenrecht

Eines der wichtigsten Themen war und ist allerdings: Bildung. Bildung ist wichtig, um sich in der neuen Gesellschaft zurechtzufinden und ganz allgemein seinen Platz im Leben zu finden. Sie ist wichtig, um sich über die eigenen Rechte informieren zu können und ein Leben entsprechend der eigenen Wünsche führen zu können. Und natürlich ist sie häufig eine unverzichtbare Grundlage, um in der immer komplexer werdenden Berufswelt fußfassen zu können. Ohne umfassende Bildung nützt vielen Flüchtlingen auch der freie Zugang zum Arbeitsmarkt wenig.

Darüber hinaus ist Bildung so wichtig, dass sie in Artikel 26 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ sogar zum Menschenrecht erklärt wurde. Sie beginnt mit „Jeder hat das Recht auf Bildung“. Dieses Menschenrecht gilt auch für Flüchtlinge. Insbesondere bei jungen Flüchtlingen, die sich in einer sehr sensiblen und entscheidenden Phase ihres Lebenslaufes befinden, werden durch die Bildungssituation wichtige Weichen für die Zukunft gestellt.

Gute Bildung für Flüchtlinge als kommunale Aufgabe

Hier kommen nun die Kommunen ins Spiel. Wie meine Kollegin Anke Knopp in ihrem letzten Blogartikel schon treffend festgestellt hat, so sind vor Ort umfassende Anstrengungen vor Ort für eine gute Bildung von Flüchtlingskindern zu unternehmen. Vielerorts gibt es inzwischen sogenannte Willkommensklassen, in denen sie lernen, bis ihre Deutschkenntnisse gut genug sind, um dem regulären Unterricht folgen zu können. In München gibt es sogar eine eigene Schule für junge Flüchtlinge ab 16 Jahren. In der SchlaU-Schule erhalten sie schulanalogen Unterricht, der auf ihre besondere Situation Rücksicht nimmt. Sie sollen ausreichende Deutschkenntnisse und Wissen erwerben, um ins reguläre Schul- oder Ausbildungssystem wechseln zu können. Dabei wird Rücksicht genommen auf individuelle Bedürfnisse, die z. B. durch traumatische Erfahrungen, Flucht und Neubeginn in einem fremden Land besondere sind. In der Tochterschule ISuS werden junge Flüchtlinge direkt nach ihrer Ankunft beschult, sodass sie sofort einen Anker in ihrem neuen Leben finden, denn bei Bildung geht es um weit mehr als um reinen Wissenserwerb.

Gut gebildete Flüchtlinge: menschlich und wirtschaftlich ein Gewinn

Von guter Bildung bei Flüchtlingen profitieren alle: die Flüchtlinge, weil sie ihnen Perspektiven verschafft, und die Gesellschaft, weil sie gut ausgebildete Fachkräfte benötigt – eine klassische Win-win-Situation, sofern den Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt eine Chance gegeben wird. Angesichts der Tatsache, dass Deutschland händeringend gut qualifizierten Nachwuchs benötigt, wenn die Generation der Baby Boomer in Rente geht, ist es besonders wichtig, dass möglichst viele junge Leute ihr Potenzial entfalten können.

Bei allen Überlegungen zur „Nützlichkeit“ darf allerdings nicht vergessen werden, dass Flüchtlinge nicht deshalb nach Deutschland kommen, um die Folgen des demographischen Wandels abzumildern und Engpässe auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu beseitigen, sondern um Schutz vor Verfolgung zu suchen – ein weiteres Menschenrecht (Artikel 14 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“).

Kennen Sie weitere gute Beispiele, in denen Flüchtlingen beim Bildungserwerb geholfen wird?

Foto: Valeska Achenbach, 2013

Über den Autor

Praktikantin im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung Sie hat eine Ausbildung zur Industriekauffrau abgeschlossen und an der Universität Bielefeld einen Master of Arts in Soziologie erworben. Im Studium hat...

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