Mehr soziale Trennung durch freie Grundschulwahl

UPDATE vom 26.1.2016

Unter anderem die Kommentierung aus der Schweiz (siehe Kommentare) hat gezeigt, wie sehr das Thema bewegt. Zur Veranschaulichung möchten wir hier noch eine Grafik hinzufügen:

Grundschulwahl

 

Text vom 22.1.2016

Kinder unterschiedlicher sozialer und nationaler Herkunft lernen gemeinsam und bereichern sich gegenseitig – so das Ideal. Die Realität sieht in Nordrhein-Westfalen leider anders aus. Die freie Grundschulwahl der Eltern verschärft die bereits vorhandene soziale und ethnische Trennung der Schüler weiter. Ich finde die freie Grundschulwahl war gut gemeint aber halbherzig gemacht.

Der Anteil an Kindern, die eine andere als die ehemals zuständige Grundschule besuchen, stieg seit Aufhebung der Grundschulbezirksbindung in Nordrhein-Westfalen im Schuljahr 2008/09 deutlich. Der Grund: Ein sozial stark selektives Wahlverhalten der Eltern. Mittlerweile suchen rund 25 Prozent von ihnen für ihre Kinder eine andere als die eigentlich zugeordnete Grundschule aus – ein Anstieg um 15 Prozent. Die Folgen: Die Kinder der einzelnen sozialen Schichten bleiben bereits während der Grundschulzeit zunehmend unter sich und in manchen benachteiligten Wohnquartieren kommt es zu einer starken Schülerabwanderung. Das sind die zentralen Ergebnisse zweier Studie der Bertelsmann Stiftung.

Welche Schule ein Kind besucht hängt oft vom Sozial- und Bildungsstatus der Eltern ab

Die Wahlentscheidung der Eltern ist abhängig von ihrem sozialen Hintergrund und von der sozialen Situation in der zuständigen Grundschule. Liegt diese in einem sozial benachteiligten Quartier, suchen Eltern für ihre Kinder häufiger eine andere Einrichtung aus. Mit zunehmendem Sozial- und Bildungsstatus steigt die Bereitschaft der Eltern, zwischen unterschiedlichen Schulen zu wählen, stark an.

Mittelschicht nutzt die freie Grundschulwahl am intensivsten

Eltern mit niedrigem Bildungsstatus und solche mit Migrationshintergrund wählen für ihre Kinder meistens die nahegelegene Grundschule. Weniger als 19 Prozent von ihnen suchen eine andere als die zuständige Schule aus. Sie sind in der Regel nur eingeschränkt mobil und bewegen sich überwiegend im eigenen Wohnbezirk. Auch Eltern mit hohem Sozialstatus machen von der freien Schulwahl eher seltener Gebrauch, da sie meist in sozial homogenen Einzugsbereichen wohnen.

Es sind vor allem Eltern aus der Mittelschicht, die die freie Grundschulwahl nutzen. Ist die zuständige Grundschule der Kinder sozial benachteiligt, wird diese von Eltern mit hoher oder mittlerer Bildung gemieden. Lediglich jede dritte Familie mit hoher oder mittlerer Bildung schickt ihr Kind auf eine sozial benachteiligte Schule.

Bessere Ausstattung von Schulen in sozialen Brennpunkten ist dringend notwendig

Für die kommunale und landesweite Gestaltung der nordrhein-westfälischen Schullandschaft ist es wichtig, mehr über das elterliche Wahlverhalten zu wissen. Dieses Verhalten hat die Schulentwicklungsplanung erschwert. Behörden können nicht mehr mit jährlich verlässlichen Schülerzahlen kalkulieren.

Die soziale Struktur der Schulen muss landesweit transparenter gemacht werden. Damit könnten die Weichen gestellt werden, um eine unterschiedliche Ressourcenverteilung zu begründen. Über einen Sozialindex könnten benachteiligte Schulen besser mit überzeugenden pädagogischen Konzepten, Ressourcen und guten Lehrern ausgestatten werden, um mit dieser gewonnenen Qualität auch bildungsaffine Eltern zu überzeugen.

Es mangelt an Bereitschaft und Geld für dringend notwendige Investitionen in Gebäude, Ausstattung und Personal der Grundschulen. Dabei sind insbesondere unterprivilegierte Schüler an benachteiligten Schulen auf ein qualitativ gut ausgestattetes Umfeld angewiesen. Sonst verlieren sie den Anschluss.

Ein Instrument zur bedarfsgerechten Ressourcenverteilung in den Grundschulen sollte sich jetzt am praktizierten NRW Modell „plusKita“ orientieren. Kitas in belasteten Wohnquartieren erhalten zusätzliche Ressourcen für Kinder mit besonderen Unterstützungsbedarf. So kann die freie Grundschulwahl gelingen – nicht nur in NRW.

 

Download der Studien hier:

Gleich und gleich gesellt sich gern

http://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/KeKiz_WB_5_gruen_final.pdf

Schulsegregation messen

http://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/KeKiz_WB_6_gruen_final.pdf

 

Update vom 25.1.

Zum weiteren Verständnis hier nochmal eine Grafik.

Abb_1_Grundschulwahl


Kommentare

  1. / von elternlobby

    Problem: Diese Bertelsmann-Studie macht Behauptungen über Durchmischung der Schulen, ohne Daten vor u nach der Gesetzesänderung zu vergleichen. Die Behauptungen sind so unzulässig. Interessant sind aber auch die positiven Aspekte: Auch Migrantenfamilien nutzten diese Möglichkeit nach der Reform nämlich öfter. In Wuppertal besuchten vor der Gesetzesänderung 28% der Schüler mit muslimischem Hintergrund – vor allem Türken – eine andere als die zugewiesene Schule, im Jahr nach der Auflösung der Bezirke lag dieser Anteil bei Erstklässlern schon bei 35%. Für Nichtmuslime betrugen die Anteile 34% bzw. 41% nach der Reform. ow.ly/XmVMm

    1. / von Regina von Görtz
      zu

      Herzlichen Dank für Ihr Interesse an unserer Studie und Ihren Kommentar! Ich habe die Studie von Seiten der Bertelsmann Stiftung fachlich betreut und mich intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt. Kann es sein, dass sich Ihre Kritik auf die Berichterstattung zu unserer Studie in der Neuen Züricher Zeitung vom 21.01.2016 bezieht? Wir haben die Berichterstattung mit Interesse verfolgt, weisen aber den Vorwurf, wir betrieben Stimmungsmache gegen die freie Grundschulwahl, entschieden zurück. Im Gegenteil: als Stiftung sprechen wir uns klar für die freie Grundschulwahl aus. Sie ist ein wichtiges Elternwahlrecht. Uns ist aber daran gelegen, auch die nicht-intendierten Folgen im Blick zu behalten. Und hier zeigt die Studie, dass das Schulwahlverhalten der Eltern zur Schulsegregation beiträgt. Die Wahlentscheidung der Eltern ist dabei abhängig vom Sozialstatus der Schule sowie vom Bildungshintergrund der Eltern. Uns ist daher wichtig, insbesondere sozial benachteiligte Schulen (d.h. solche Schulen in denen sich Schüler aus sozial benachteiligten Familien konzentrieren) besonders zu fördern. Diese Schulen brauchen eine zusätzliche Finanzierung, um benachteiligte Schülerinnen und Schüler zu fördern und um besondere akademische Profile zu entwickeln. Der Studienautor schlägt vor, die soziale Struktur der Schulen landesweit transparent zu machen. Damit könnten die schulpolitischen Weichen gestellt werden, um eine unterschiedliche Ressourcenverteilung zu begründen (vgl. „Gleich und gleich gesellt sich gern“, S. 7f. und S. 43).
      Sie haben Recht, bereits vor der Gesetzesrevision im Jahre 2008 besuchten Kinder oft eine andere als die zugewiesene staatliche Schule. Abbildung 1 der Studie „Gleich und gleich gesellt sich gern“ weist aus, „…dass in den Schuljahren 2001 bis 2004 etwa 10 Prozent der einzuschulenden Kinder in Mülheim an der Ruhr eine nicht zuständige Grundschule wählten. Im Jahr 2008, direkt nach der Freigabe der Grundschulwahl, stieg diese Quote auf 14,6 Prozent an. In den folgenden Jahren stieg der Anteil wählender Eltern weiter an und hat sich bei gut 25 Prozent eingependelt.“ (S. 21).

  2. / von Pfeiffer

    Ich arbeite als Wissenschaftlerin an der Universität, habe zwei Jungen im Kita- und Grundschulalter. Beide Kinder besuchten eine sozial sehr gemischte Kita mit sehr vielen Migranten-Kindern. Unsere Erfahrungen in der Kita waren grundsätzlich sehr positiv (engagierte Leitung, sehr gute Förderung aller Kinder). Dennoch erschreckt mich, wie stark bereits Kita-Kinder in ihrem sozialen Umfeld verwurzelt sind und denken. Es ist normal, dass die Kinder bereits im Kita-Alter mit ‚ihresgleichen‘ spielen (bei freier Wahl der Spielkameraden und einer Leitung, die sich sehr um Integration bemüht). Freundschaften, die über die sozialen Schichten hinweg geknüpft werden sind selten.
    Als wir die Vorschulkinder zu einem Vormittag an die Universität einluden, fragte ein farbiges Mädchen spontan: ‚Dürfen hier auch andere Menschen hinkommen? Also auch braune?‘
    Mein älterer Sohn hatte in den ersten beiden Kita-Jahren grosse Probleme. Kommentar einer Kinderärztin (!): der ist doch in der Kita mit den vielen Migranten-Kindern. Schicken sie ihn doch lieber in….(Kita im besseren Viertel), da sind die Kinder weniger aggressiv.
    Ich glaube, wir sehen in der Schulsegregation nur eine Folge der Segregation ‚in den Köpfen‘. Und diese wird bereits im Kita-Alter von den Kindern selbst übernommen.

  3. / von Lehrerin im Ruhestand

    Sehr dankbar bin ich für die Veröffentlichung der Ergebnisse der Studie. Meine subjektiven Erfahrungen werden bestätigt. Die sozialen Abstiegsängste könnten die Entscheidungen von Mittelschichteltern begründen. Hoch interessant ist für mich die Körperhaltung der jungen Kollegin. Gut ist, dass sie sich dem sie fragenden Schüler wenigstens zuwendet (Körperachse/ Blickkontakt). Aber die verschränkten Arme? Das habe ich so oft gesehen. Abwertende Kommentare im LZ ergänzten den Eindruck. Lehrerinnen und Lehrer sollten auch ihre innere Haltung achtsam wahrnehmen und ggf. korrigieren.
    Lehrkräfte orientieren sich an den Meinungsführern bei den Eltern und das sind selten Menschen der Unterschicht. Die haben keine Lobby im Schulgeschehen. Leider.

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