Das Bild zeigt eine Kutsche mit zwei Schimmeln davor, die durch den Berliner Straßenverkehr fährt, dahinter ein weißer Kleintransporter, davor ein Großraumwagen in schwarz. Das Foto sieht aus wie aus der Jahrhiundertwende, ist aber im August 2014 entstanden. In der Kutsche sitzt der Kutscher auf dem Bock und hinten sitzen zwei Fahrgäste.

Die Zukunft der Mobilität in Stadt und Land

Vor Kurzem stand ein sehr lohnenswerter Ausflug ins Niederländische Freilichtmuseum in Arnheim auf meinem Programm. Dort hatte ich Gelegenheit, mich intensiv mit der Mobilität der Vergangenheit zu beschäftigen. Ich fuhr in einem historischen Straßenbahnwagen durch das weitläufige Gelände, bestaunte eine imposante Postkutsche und den Pferdeschlitten eines wohlhabenden Kaufmanns sowie viele andere sehenswerte Exponate.

Es war eine interessante Reise in längst vergangene Zeiten, doch mindestens ebenso spannend ist die Mobilität der Zukunft. Wie werden wir uns zukünftig fortbewegen?

Bei möglichen Antworten auf diese wichtige Frage dürfen wir auf keinen Fall den demographischen Wandel außer Acht lassen. Während in vielen ländlichen Bereichen die Bevölkerung deutlich schrumpfen wird, wird die Anzahl der Menschen in den Ballungsräumen teilweise stark wachsen. Dieser Prozess hat bereits begonnen.

Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Mobilität auf dem Land …

Die Auswirkungen sind schon heute deutlich spürbar. In den dünn besiedelten Regionen wird es immer schwieriger, den ÖPNV im gewohnten Umfang aufrechtzuerhalten. Es gibt Orte, in denen er inzwischen komplett eingestellt wurde. Gleichzeitig sind es häufig die jungen Menschen, die dem Land den Rücken zuwenden und in die Städte ziehen, während die zurückbleibenden älteren Menschen oftmals kein Auto haben. Wenn dann auch noch der letzte Supermarkt vor Ort schließt, sind Probleme vorprogrammiert. Nicht nur ältere Menschen leiden unter fehlenden Verkehrsangeboten, auch Jugendliche, die noch keinen Führerschein haben, fühlen sich in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt.

… und in der Stadt

In den Ballungsräumen zeigt sich ein gegenteiliges Bild. Die zunehmende Bevölkerung benötigt eine immer umfangreichere Infrastruktur, das allgemeine Verkehrsaufkommen steigt. Zwar ist das Stauaufkommen in deutschen Städten lange nicht mit dem in vielen Großstädten in anderen Teilen der Welt vergleichbar, doch auch in deutschen Ballungsgebieten sind die Straßen oftmals so verstopft. Das wirft die Frage auf: Warum müssen überhaupt so dermaßen viele Autos mitten durch die Stadt fahren – oft mit nur einer einzigen Person besetzt?

Die autogerechte Stadt – ein veraltetes Konzept?

Dies geht zumindest teilweise zurück auf das Konzept der autogerechten Stadt. Beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg bemühte man sich vielerorts darum, die Städte so zu gestalten, dass sie optimal auf die Bedürfnisse von Autofahrern ausgerichtet waren. Andere Verkehrsteilnehmer verschwanden dafür sogar aus dem Straßenbild. In meiner derzeitigen Wahlheimat Bielefeld z. B. wurde 1957 einer der ersten Fußgängertunnel gebaut. Später folgte eine Stadtautobahn, der Ostwestfalendamm. Viele alte Villen wurden dafür abgerissen und sogar Tote umgebettet, da auch ein Friedhof verkleinert wurde. Das Gesicht der Stadt wurde nachhaltig verändert. Doch die autogerechte Stadt als Ideal gehört inzwischen der Vergangenheit an. Immer neue Lösungen werden erprobt, um innerstädtisches Verkehrschaos zu minimieren und möglichst vielen Menschen ein mobiles und somit auch aktives Leben zu ermöglichen.

Gestiegene Mobilitätsanforderungen

Das moderne Leben fordert von uns Mobilität in einem Umfang, wie sie in den Zeiten, als die historische Straßenbahn durch Arnheim fuhr, für große Bevölkerungsschichten noch unbekannt war. Wohn- und Arbeitsort fallen oft nicht mehr zusammen. Der Arbeitsmarkt erfordert eine hohe Flexibilität, vor allem von Akademikern. Die befristeten Verträge führen dazu, dass wir unseren Arbeitsort oftmals häufiger wechseln als den Wohnort. Weite Wege zur Arbeit sind die Folge.

Waren es früher vor allem die Männer, von denen räumliche Flexibilität gefordert war, so möchten heute auch Frauen einem erfüllenden Beruf nachgehen. Hinzu kommt, dass häufig niedrige Löhne und gestiegene Konsumwünsche dazu führen, dass ein Einkommen nicht ausreicht, um eine Familie zu ernähren. Mit den Frauen sind es auch die Kinder, die mobil werden und KiTa, Kindergarten, Schule und Hort erreichen müssen. Oftmals ist die Familie tagsüber weit verstreut. Durch die sich wandelnden privaten Lebensformen kommt es zudem immer häufiger vor, dass Familien nicht mehr zusammenwohnen und für persönliche Treffen weite Strecken zurückgelegt werden müssen.

Die berufliche Flexibilität und die Möglichkeit, durch das Internet ganz einfach Menschen aus der ganzen Welt kennenlernen zu können, führt dazu, dass sehr viele Paare eine Fernbeziehung führen und nicht nur zur Arbeit, sondern auch zum Partner pendeln müssen. Doch auch jenseits von Beruf und Familie sind wir gerne unterwegs. Städtereisen erfreuen sich wachsender Beliebtheit und auch bei der ganz normalen Freizeitgestaltung konzentrieren sich unsere Wünsche nicht mehr nur auf die unmittelbare Umgebung. Während in den wachsenden Städten Coffee-to-go zum Lebensgefühl geworden ist, freuen sich die Menschen in den schrumpfenden Regionen darüber, wenn sie überhaupt noch wohnortnah Kaffee kaufen können.

Dringend benötigt: nachhaltige Verkehrslösungen

Zusätzlich zum demographischen und gesellschaftlichen Wandel kommen ein gestiegenes ökologisches Bewusstsein und die Tatsache, dass fossile Brennstoffe nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. Der Klimawandel ist zu einem wichtigen Thema geworden und trägt dazu bei, nach neuen Formen der Mobilität zu suchen. Eine wichtige Aufgabe der Zukunft wird es sein, nachhaltige Verkehrslösungen zu finden, die ökologische Fragestellungen ebenso wenig außer Acht lassen wie die alternde Bevölkerung, die oftmals auf barrierefreie Lösungen angewiesen ist.

Innovative Verkehrskonzepte für alle Altersgruppen

Es tut sich viel: In den Ballungsräumen wird der ÖPNV vermehrt ausgebaut und schon lange sorgen vielerorts Busspuren dafür, dass der Weg zur Arbeit nicht im Stau endet. Neue Verkehrsformen erobern unsere Städte. Das Auto als Statussymbol verliert an Bedeutung, CarSharing wird immer beliebter und auch Leihfahrradstationen passen zu unserem Bedürfnis nach Unabhängigkeit, ohne uns festlegen und eine langfristige Investition tätigen zu müssen. Im Internet boomen Mitfahrzentralen aller Art und immer mehr Elektroautos und E-Bikes sind auf unseren Straßen unterwegs. Passend zu unserer individualisierten Welt können sich die Menschen in den Ballungsräumen passende Mobilitätsbausteine rauspicken und zu einem für sie passenden Ganzen verbinden.

Eine besondere Bedeutung kommt zukünftig der Barrierefreiheit zu. Viele Menschen wollen heute auch im fortgeschrittenen Lebensalter noch aktiv sein, ein für alle nutzbarer ÖPNV ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Teilhabe für ältere Menschen. Davon profitieren gleichzeitig Menschen mit Behinderung und Eltern mit Kinderwagen. Ein hochwertiges und barrierefreies ÖPNV-Angebot macht aber nicht nur das Leben auf dem Land, sondern auch auf dem Land attraktiver und kann Abwanderungstendenzen abmildern.

Viele Menschen suchen nach kreativen und zeitgemäßen Lösungen für den Verkehr in Stadt und Land. In unserem Wegweiser Kommune stellen wir einige gute Projekte vor. Dazu gehört z. B. Bürgerbusse, bei denen ehrenamtliche Busfahrer dafür sorgen dass ein Mindestangebot an öffentlichem Nahverkehr auch in ländlichen Regionen aufrechterhalten werden kann, oder Kombibusse, die nicht nur Menschen, sondern auch Güter transportieren und somit effizienter sind als reine Personenbusse. Die Kombibusse folgen damit dem gleichen Prinzip wie die Postkutsche, die mir bei meinem Besuch im Freilichtmuseum noch als Relikt aus einer längst vergangenen Zeit erschienen war.

Kleine Maßnahmen, große Wirkung

Um zur Arbeit zu kommen, nutze ich täglich einen Mix aus Stadtbahn, Zug und Bus. Inzwischen ist ein weiteres Verkehrsmittel hinzugekommen. Nachdem ich den Bus verpasst hatte, habe ich erstmals eines der von meinem Arbeitgeber bereitgestellten Leihfahrräder benutzt. Solche scheinbaren kleinen Angebote können dafür sorgen, den ÖPNV attraktiver zu machen und seine Reichweite zu vergrößern. Und das nicht nur in der Stadt; auch auf dem Land gibt es bereits Fahrradverleihsysteme. Im Freilichtmuseum ist mir außerdem eine weitere Form der Mobilität positiv aufgefallen. Für Menschen, die nicht (mehr) gut zu Fuß sind, gibt es die Möglichkeit, Rollstühle zu leihen. Auch in vielen deutschen Einrichtungen sorgen Leihrollstühle für bessere Teilhabemöglichkeiten älterer Menschen. In Zeiten des demographischen Wandels brauchen wir solche einfachen Alltagshilfen mehr denn je.

Haben Sie eigene Ideen für die Mobilität der Zukunft? Schreiben Sie mir!

Foto: Anke Knopp 2014

 

Über den Autor

Praktikantin im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung Sie hat eine Ausbildung zur Industriekauffrau abgeschlossen und an der Universität Bielefeld einen Master of Arts in Soziologie erworben. Im Studium hat...

1 Kommentar

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  • Yvonne Eich

    14.11.2014
    # 01

    Vielen Dank für Ihren interessanten Beitrag! Im Praxisdialog „Mobil in ländlichen Räumen“ auf http://www.demografie-portal.de wurden interessante Ideen zur Sicherung der Mobilität auf dem Land vorgestellt., z.B. die Einbindung privater Fahrten in den ÖPNV. Bis zum 16.11. kann man sich dort noch beteiligen. Vielleicht ja auch Sie? VG Yvonne Eich

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