Das Bild zeigt einen geschmückten Tannenbaum mit roten Schleifen und goldenen Kugeln.

Der demographische Wandel ist oft ein abstrakter Begriff, der zunächst einmal wenig mit unserem konkreten Alltag zu tun zu haben scheint, und doch ist er bei näherem Hingucken allgegenwärtig. Auch Situationen, die scheinbar rein gar nichts mit ihm zu tun zu haben, können zum Anlass genommen werden, darüber nachzudenken, was der demographische Wandel und weitere Veränderungen für die Gesellschaft und somit für unser Leben bedeuten.

Übervolle Spielwarengeschäfte und immer weniger Kinder – wie passt das zusammen?

In knapp zweieinhalb Wochen ist Weihnachten. Viele Menschen strömen jetzt in die Fußgängerzonen und kaufen Weihnachtsgeschenke, auch ich habe am vergangenen Samstag die ersten Präsente besorgt.

Wer sich im Moment die Schaufenster in der Stadt anschaut, hat wahrscheinlich nicht das Gefühl, dass in Deutschland immer weniger Kinder geboren werden. Sie sind so übervoll mit Spielzeug, als würden in jeder Familie mindestens fünf Kinder leben. Das liegt daran, dass sich die Stellung von Kindern in der Gesellschaft verändert hat. Kinder zu haben ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Die Geburtenrate in Deutschland liegt bei nur noch ca. 1,4 Kindern pro Frau. Aber die wenigen Kinder, die es gibt, erfahren besonders viel Aufmerksamkeit, wurden sie doch meistens ganz bewusst und erst in einem höheren Alter in die Welt gesetzt. 2012 waren Frauen beim ersten Kind durchschnittlich schon 29 Jahre alt. Dadurch, dass es immer weniger Kinder gibt, die beschenkt werden können, bekommen sie oftmals besonders viele Geschenke.

das Bild zeigt eine Weihnachtskrippe mit dem Jesuskind und Gaben wie Orangen und Nüsse.

Es ist keine Seltenheit mehr, dass es in einer Familie nur noch ein einziges Kind gibt, dass dann nicht nur Gaben von Eltern, Großeltern und Paten unter dem Baum findet, sondern auch von allen anderen Familienmitgliedern und den kinderlosen Nachbarn. Doch diese Kinder bekommen nicht nur besonders viel materielle und emotionale Zuwendung, sie werden oftmals auch mit besonderen Erwartungen konfrontiert – und sie werden es sein, die zukünftig die Rentenkasse für immer mehr ältere Menschen füllen müssen.

Überall mit dabei: Senioren

Beim Weihnachtseinkauf werden sich viele Menschen oftmals eher unfreiwillig ihrer Mitmenschen bewusst. Übervolle Geschäfte mit langen Schlangen an den Kassen und allgemeines Gedrängel in den Einkaufsstraßen mögen nur wenige. Aber wer sich die Menschen in der vorweihnachtlichen Stadt mal genauer anschaut, wird erkennen, wie sich das Leben der Älteren verändert hat. Ja, es gibt immer mehr alte Menschen, aber Alter bedeutet nicht mehr unbedingt Passivität. Viele Menschen gestalten ihr Leben auch in den späteren Jahren ganz bewusst und sind dabei vielfach gesünder als die Senioren früherer Jahrzehnte. Ob beim Geschenkekaufen, als ehrenamtliche Verkäufer auf dem Weihnachtsmarkt oder als Seniorenreisegruppe, die die Adventszeit als Anlass für einen Ausflug nimmt: Überall sind alte Menschen zu sehen, die aktiv ihren Ruhestand gestalten. Vielen Senioren geht es materiell so gut, dass sie sich solche Dinge problemlos leisten können. Und trotzdem darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es den meisten Älteren zwar momentan noch finanziell gut geht, zukünftig aber die Gefahr von Altersarmut steigt. Es gilt, schon heute dafür die Weichen zu stellen, dass auch zukünftige Seniorengenerationen genug Geld für einen aktiven Lebensabend haben.

Soziale Teilhabe – gerade zu Weihnachten ein Thema

Der weihnachtliche Konsumrausch wirft nicht nur Fragen nach ökologischer Nachhaltigkeit, sondern auch nach sozialer Gerechtigkeit auf. Wie können in einer sich wandelnden Gesellschaft Wohlstand gerecht verteilt und soziale Teilhabe aller Gesellschaftsschichten sichergestellt werden? Während viele Einkäufer von oben bis unten mit Einkaufstaschen aus namhaften Geschäften behangen sind, lohnt auch ein Gedanke an die, die diesem vorweihnachtlichen Trubel weitgehend fernbleiben (müssen): nämlich die Menschen, für die der Geschenkekauf zur finanziellen Herausforderung wird. Unter vielen Weihnachtsbäumen werden deutlich weniger Geschenke liegen als die vollen Geschäfte vermuten lassen. Dabei geht es nicht nur um fehlende Konsummöglichkeiten, sondern auch um soziale Ausgrenzung.

Das Bild zeigt Weihnachtsdeko im alten Stil mit Schauckelpferd und Kugel.

Gerade zu Weihnachten, einem Fest, das mit vielen Erwartungen verbunden ist, ist soziale Exklusion schmerzhaft. Vor allem für Kinder kann sie das ganze Leben negativ beeinflussen. Hier gilt es, frühzeitig gegenzusteuern – durch gute Bildung und allgemein entwicklungsfördernde Lebensbedingungen für Kinder. Es geht nicht um einmalige milde Gaben, die gerade zur Weihnachtszeit Konjunktur und sicher auch ihre Berechtigung haben, sondern um echte Chancen.

Weihnachten – für viele ein christliches Fest, für andere eine schöne Tradition und für einige völlig fremd

Und natürlich dürfen all jene nicht vergessen werden, die aus einem anderen Grund Glühweinbuden und Adventsbasaren fernbleiben: diejenigen, die keinen kulturellen Bezug zu Weihnachten haben. Im Zuge des demographischen Wandels wird unsere Gesellschaft bunter und die Feste, die gefeiert werden, vielfältiger. Dies liegt nicht nur an Migranten, die oftmals keinen christlichen Hintergrund haben, sondern auch daran, dass die Pluralisierung der Lebensformen allgemein zunimmt. Für viele Menschen, ob mit oder ohne Migrationsgeschichte, hat Weihnachten keine religiöse Bedeutung mehr. In einer Gesellschaft, die mit Vielfalt und Heterogenität umgehen kann, stellt dies jedoch kein Problem dar. Wir dürfen Weihnachten so feiern, wie wir möchten. Oder eben nicht. Und die Nachbarn dürfen das auch.

Es ist spannend, zu beobachten, wie sich Weihnachten durch gesellschaftlichen Wandel, zu dem auch der demographische Wandel gehört, verändert. Wie wird es wohl zukünftig sein?

Auch im Weihnachtsfest zeigt sich die Globalisierung

Und auch unser Weihnachtsfest, wie wir es heute feiern, ist bereits von der Globalisierung, neben dem demographischen Wandel ein weiterer gesellschaftlicher Megatrend, geprägt. Bei einem Bummel über den Weihnachtsmarkt fallen schnell die liebevoll mit Kunstschnee geschmückten Verkaufsbuden auf – in Bielefeld, wo ich momentan wohne, wohl genauso wie im Rest des Landes. Klar, Weihnachten und Schnee, das gehört doch in Deutschland wohl zusammen (zumindest bis der Klimawandel zugeschlagen hat), oder etwa nicht? Nein. Weiße Weihnachten waren bei uns auch früher schon sehr selten. Der Wunsch nach einer schneebedeckten Winterlandschaft zu Heiligabend stammt aus dem 19. Jahrhundert, als sich dieses Motiv auf Postkarten verbreitete, die Auswanderer nach Amerika an ihre zurückgebliebenen Verwandten schickten. Auch vieles anderes, was wir heute ganz selbstverständlich mit Weihnachten verbinden, stammt ursprünglich nicht von hier, man denke nur an zahlreiche Weihnachtslieder und -spezialitäten. Selbst die Digitalisierung, eines der wichtigsten Zukunftsthemen überhaupt, wird zu Weihnachten deutlich. So habe ich neulich einen Adventskalender gesehen, der nicht nur mit der üblichen Schokolade lockte, sondern auch 24 digitale Überraschungen bereithielt.

Es zeigt sich also, dass es sich durchaus lohnt, auch scheinbar Bekanntes näher zu betrachten. Selbst in alltäglichen Situationen werden die spannenden gesellschaftlichen Veränderungen sichtbar, die Chance und Herausforderung zugleich sind. Welche Beobachtungen haben Sie gemacht?

Fotos: Anke Knopp

 

Über den Autor

Praktikantin im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung Sie hat eine Ausbildung zur Industriekauffrau abgeschlossen und an der Universität Bielefeld einen Master of Arts in Soziologie erworben. Im Studium hat...

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