Das Foto zeigt eine Familie, die als Schatten auf grünen Rasen geworfen wird.

Bevölkerungsvorausberechnungen durchzuführen ist im Moment schwierig – nicht nur für die Bertelsmann Stiftung, sondern auch für andere Institute und die statistischen Ämter. Dazu wurden auch bei der statistischen Woche in Augsburg einige Beispiele und Probleme der aktuellen Situation besprochen.

Bei uns im Methodik-Dokument heißt es so schön:
Bevölkerungsvorausberechnungen wie in der hier vorliegenden Studie basieren auf dem „Wenn-Dann“-Prinzip: Es werden Annahmen über die künftige Entwicklung der demographischen Indikatoren getroffen, und daraus wird die künftige Bevölkerung für alle betrachteten Regionen errechnet. Wenn die Annahmen eintreffen, dann wird auch das Ergebnis für die Bevölkerungsanzahl und -zusammensetzung eintreffen. Die Qualität hängt also – außer von der richtigen Berechnung – davon ab, dass die Annahmen möglichst genau getroffen werden. (…) Selbstverständlich bleiben dabei Ungewissheiten. Sie sind umso größer, je kleiner die betrachtete Gebietseinheit ist. Betriebserweiterungen oder -schließungen sowie Änderungen im Wohnungsbestand wirken sich in kleinen Orten relativ viel stärker aus als in größeren Gebietseinheiten. Dasselbe gilt für andere, von der Politik gesetzte Einflüsse, z. B. durch die Einführung von Zweitwohnsitzsteuern. Große Auswirkungen auf Fort- und Zuzüge aus und nach Deutschland haben außerdem bundespolitische Entscheidungen; sie können zu wesentlichen Veränderungen bei Ein- und/oder Auswanderungen sowie bei der Geburtenzahl führen. Weitere Gründe für Änderungen in den demographischen Verhaltensweisen können z. B. in wirtschaftlichen und/oder ökologischen Ereignissen liegen. Die beschriebenen Unsicherheiten müssen jedem bewusst sein, der die Ergebnisse demographischer Bevölkerungsvorausberechnungen anwendet.“

Dieser Passus steht seit langem als Einführungstext im Dokument (und heute bin ich dankbar dafür). Dass es einmal zu gravierenden Änderungen kommen könnte, war zwar mitgedacht, aber nicht in dem Ausmaß erwartet worden. Die große Anzahl Schutzsuchender der letzten Jahre (und bedingt auch noch momentan) lässt das Wenn-Dann-Prinzip an seine Grenzen stoßen. Unsere letzte Vorausberechnung wurde schon mit deutlich höheren Zuwanderungsannahmen gerechnet, da sich die verstärkte Zuwanderung bereits abzeichnete. Die Größenordnung der Zuwanderung in 2015 konnte hingegen nicht vorhergesehen werden. Dies führt auch dazu, dass viele Bevölkerungsvorausberechnungen die Einwohnerzahlen in diversen Kommunen zu gering vorausberechneten.

Wie geht es nun weiter mit unseren Bevölkerungsvorausberechnungen?

Diese Frage bekommen wir immer öfter gestellt, und das mit Recht. Die Antwort darauf ist zurzeit schwierig, denn es gibt viele Dinge zu bedenken und zu lösen. Die Grundlage guter Vorausberechnungen sind valide Ausgangsdaten von den statistischen Ämtern sowie treffsichere Annahmen, die bei uns im intensiven Austausch mit Experten unterschiedlicher Institutionen entstehen. Nach Bericht des Statistischen Bundesamtes anlässlich der statistischen Woche wissen wir: die Datenlage ist derzeit nicht optimal. Denn die Meldebehörden konnten nicht alle Schutzsuchenden 2015 erfassen, so dass es zu Untererfassungen gekommen ist, die noch nicht bereinigt wurden. Die Statistik für das Jahr 2016 wird um die fehlenden Werte aus 2015 ergänzt, sowohl im Bereich der wichtigen Wanderungsstatistik als auch der Bevölkerungsfortschreibung. Dies bedeutet, dass wir frühestens mit den Daten für das Jahr 2016 seriös eine neue Vorausberechnung durchführen können. Diese Daten liegen Ende 2017 kleinräumig vor.

Zudem ist der Aufenthaltsstatus der Menschen kein Erhebungsmerkmal in der Wanderungsstatistik, obwohl das aus meiner Sicht dringend geboten wäre. So gibt die Wanderungsstatistik beispielsweise keine Auskunft darüber, ob es sich bei dem Wandernden um einen Asylbewerber handelt. Nur über das Herkunftsland des Wandernden kann man Mutmaßungen zum Aufenthaltsstatus treffen. Ansonsten gibt es keine Möglichkeit herauszufinden, ob es sich um einen Schutzsuchenden handelt oder nicht. Wie berücksichtigt man diese Art von Wanderungen innerhalb von Deutschland? Darüber werden wir uns gemeinsam mit Experten Gedanken zu machen.

Außerdem gibt es bisher keine Erkenntnisse hinsichtlich der Veränderung der Trends von Mortalität und Fertilität durch die hohe Anzahl Schutzsuchender bei uns hier in Deutschland. Ja, es sind vor allem junge Menschen, die zuwandern. Die Wahrscheinlichkeit ist zumindest hoch, dass sie auch hier Kinder bekommen werden und die Geburtenrate dadurch evtl. sogar steigt. Denn kaum ein Land ist so gebärunfreudig wie wir.

Von daher ist uns die Datenlage momentan noch nicht gut genug, um eine neue Vorausberechnung durchzuführen. Aber wir sind im steten Austausch mit Experten und werden sobald die Qualität der Daten und der möglichen Annahmen es uns ermöglicht, wieder rechnen.

 

Über den Autor

Project Managerin im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung. Studienschwerpunkte ihres Soziologiestudiums waren neben der Demografie, die Wissenschafts- und Technologiepolitik und die Sozialstrukturanalyse. Schon vor ihrer Arbeit in der Bertelsmann...

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