Dorf mit Schild Ausfahrt

Dorf oder Stadt? Für viele Menschen heutzutage ist diese Frage keine, die für das ganze Leben entschieden wird. Ob ich in der Stadt oder im Dorf lebe und arbeite, ist vielmehr eine Frage der jeweiligen Lebensphase – beides hat seinen Reiz und seine Vor- und Nachteile. Zudem schließen sich Stadt und Dorf bei vielen Menschen, gewünscht oder gezwungenermaßen, nicht aus: Die Mobilität der Menschen steigt und Wohn- und Arbeitsort müssen nicht mehr übereinstimmen.

Bei der Auftaktveranstaltung der urbanLab-Veranstaltungsreihe letzte Woche in Detmold stand die Entwicklung sogenannter ländlicher Regionen auf dem Prüfstand. Es ging um demographische Veränderungen, Daseinsvorsorge, Mobilität, Kulturlandschaft und interkommunale Kooperationen. Und es ging vor allem um das Zusammenspiel von Stadt und Dorf, um eine gemeinsame regionale Identität.

 

Die Idee des urbanLab

Das urbanLab als trans- und interdisziplinärer Forschungsschwerpunkt an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe bietet gerade für die Auseinandersetzung mit demographischen Fragestellungen eine spannende Plattform. Die Verbindung der verschiedenen Fachbereiche Stadtplanung/Architektur, Mediengestaltung, Siedlungswasserwirtschaft, Verkehrswesen, Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung ermöglicht eine breite und vor allem kreative Diskussion rund um den demographischen Wandel. Der Fokus des urbanLab liegt dabei auf  planerischen Konzepten für den Umgang mit Wachstums- und Schrumpfungsprozessen.

Spannend war auch zu erleben, wie eine Zwischennutzung – die Veranstaltung fand in einem leerstehenden Kaufhaus statt – mit seinem besonderen Ambiente wichtige Faktoren zur Gestaltung des demographischen Wandels befördern konnte: Flexibilität und Kreativität.

 

Demographischer Wandel in OWL

Eine Grundlage für die Diskussion waren Daten aus unserem Wegweiser Kommune, welche die Entwicklungen bundesweit und spezifisch für Ostwestfalen-Lippe (OWL) aufgezeigt haben. Die Entwicklungen in OWL sind wie überall heterogen, Schrumpfung und Wachstum liegen auch hier oft dicht nebeneinander. Die Bevölkerungsvorausberechnungen im Wegweiser Kommune prognostizieren für Bielefeld und alle Kreise einen mehr oder weniger starken Einwohnerschwund bis 2030. Die Spannbreite reicht dabei von -0,7 Prozent im Landkreis Paderborn bis zu -13,2 Prozent im Landkreis Höxter, für Bielefeld wird ein Bevölkerungsrückgang von -5,8 Prozent berechnet.

Zudem ist die Region durch eine zunehmende Alterung der Bevölkerung gekennzeichnet: 2030 wird die Hälfte der Einwohner in Bielefeld über 45 Jahre sein, in den Landkreisen Herford, Höxter, Lippe und Minden-Lübbecke dagegen über 49 Jahre. Zum Vergleich: Bundesweit wird dieses sogenannte Medianalter ebenfalls bei 49 Jahren liegen.

Ein konkretes Beispiel für die Entwicklung von Strategien stellte Gert Klaus, Bürgermeister von Schieder-Schwalenberg vor. Aus seiner Sicht sei es wichtig, die Realitäten in den Blick zu nehmen und realistisch zu prüfen, was möglich ist. Denn was im einen Ort funktioniert, muss es im Nachbarort noch lange nicht tun. Bürgerbeteiligung und interkommunale Kooperationen sind dabei für ihn entscheidende Potenziale.

Mit der Regionale 2013 Südwestfalen stellte Stephanie Ahrens eine Region vor, die auf vielfältige Weise und mit ganz unterschiedlichen Projekten die Region voran bringen möchte. Dazu zählen sicher auch sogenannte „Leuchtturmprojekte“, da es auch wichtig ist, etwas Greifbares und Erlebbares zu schaffen, eine Weiterentwicklung erkennbar zu machen. Im Grunde sei aber die Basis eine viel grundsätzlichere: „Regionen müssen zusammenmoderiert werden“, so beschreibt Stephanie Ahrens die wichtigste Rolle der Südwestfalen Agentur.

Viele Regionen setzen auf der Suche nach Potenzialen auf den Tourismus – sicher nicht zu Unrecht, da der Wunsch vieler Menschen, Natur und Sport in der Nähe zu erleben, zu einem  boomenden Markt geführt hat. Dass der Tourismus als Standortfaktor aber nicht überbewertet werden darf, machte Angelika Wolf vom Fachbereich Landschaftsplanung und Tourismus deutlich. Viele Faktoren müssten entwickelt werden, damit ein touristisches Konzept aufgeht: Neben attraktiven Ortschaften und Landschaften, spielen Wohnen, Essen und Trinken, Infrastruktur und Verkehrsanbindungen eine wichtige Rolle. Für viele Regionen ist es nicht so einfach, alle diese Faktoren angemessen zu entwickeln – zumal die Konkurrenz nicht gerade klein ist und bestimmte Regionen besondere Standortvorteile haben. Auch hier gilt es, Chancen und Entwicklungspotenziale realistisch einzuschätzen.

Mein Fazit: Eine anregende Veranstaltung, in der demographische Entwicklungen aus ganz unterschiedlichen Blickrichtungen beleuchtet wurden. Daten und Prognosen als Grundlage für Transparenz und den realistischen Blick können nur ein erster Schritt sein. Die vorgestellten Beispiele aus der praktischen Arbeit vor Ort haben gezeigt, was möglich ist und Anregung bietet.

Weitere Infos aus unserem Projekt: Daten, Handlungsempfehlungen, Praxisbeispiele unter www.wegweiser-kommune.de.

Foto: Valeska Achenbach 2013

Über den Autor

Senior Project Manager im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung. Petra Klug hat Germanistik, Soziologie, Berufs- und Wirtschaftspädagogik sowie Nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit studiert. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte sind: Demografischer Wandel und Digitalisierung, Smart...

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