Das Foto zeigt ein Dorf mit Altbauten und im Hintergrund ein Neubau.
Wachsen oder schrumpfen?

Schrumpfen wir noch oder wachsen wir schon? Das war die zentrale Frage, zu der gestern vom urbanLab (einem Forschungsschwerpunkt der Hochschule Ostwestfalen-Lippe) und der Wohnungswirtschaft OWL zur Veranstaltung „Regionaler Salon“ geladen worden war. Veranstaltungen, die Praktiker und Wissenschaftler zusammenbringen, haben immer ihren eigenen Charme.

Wohnungswirtschaft vor zentraler Herausforderung

Deutlich wurde, dass die Wohnungswirtschaft neben dem Klimawandel und der Energiewende auch die großen Herausforderungen des Älterwerdens der Gesellschaft, der Integration der Flüchtlinge und der zunehmenden Segregation im Blick hat. Es wurden Lösungen für diese neuen und alten Herausforderungen gesucht, wobei aber auch schnell deutlich wurde: Einfache Lösungen wird es nicht geben.

Wohnortzuweisung ja oder nein? 

Für die weitere Planung wichtig erschien die Frage, ob es eine Wohnortzuweisung geben wird oder nicht. So kontrovers diese Frage im Moment öffentlich diskutiert wird, so wichtig ist sie für die Errichtung neuer Häuser vor allem im ländlichen Raum. Die Gefahr des Neubaus von Häusern im ländlichen Raum besteht einfach darin, dass man neuen Leerstand baut, also Gelder unnütz in den Sand setzt oder besser: in Beton gießt. Viele Experten gehen nämlich davon aus, dass eine große Anzahl der Flüchtlinge ohne eine Wohnortzuweisung eben nicht im ländlichen Raum bleiben wird, sondern in die städtischen Ballungsräume wandert.

Neuer Wohnraum notwendig

Unterschiedlich waren dementsprechend auch die Meinungen dazu, ob und wo „schnell“ neuer Wohnraum gebaut werden soll, oder ob doch eher auf Leerstände und deren Restauration gesetzt wird. Und natürlich auch, ob es „genug“ Leerstand gibt, den man restaurieren kann. Für die Kommune Nieheim mit rund 6.500 Einwohnern etwa gibt es die Idee, Flüchtlinge in den Umbau von leerstehenden Häusern einzubeziehen und dadurch auch die Bindung an das neue Heim (und die ländliche Region) zu stärken.

Einigkeit in der Runde bestand großteils zumindest darin, dass es kein dezidiertes Bauen für Flüchtlinge geben sollte. Eine Argumentationslinie war: Nicht aus dem Blick geraten dürfen auch andere benachteiligte Gruppen, für die in Deutschland deutlich mehr getan werden könnte. Diese sollen von diesen Projekten auch aus Gründen des sozialen Friedens gleichzeitig profitieren.

Gute Ideen – nachmachen möglich 

Eines der für mich schönsten vorgestellten Beispiele stammte aus Wien. Es ging nicht um das Zusammenleben mit Flüchtlinge, sondern mit Obdachlosen. Nachdem Studierende in Wien im Jahr 2009 über längere Zeit das Audimax besetzt hatten, hatten sich Obdachlose zu ihnen gesellt. Nach anfänglichen Problemen entstand eine Kooperation zwischen den Studenten und den Obdachlosen. Gemündet hat dies in dem Projekt VinziRast. Das Projekt beinhaltet im Kern: Ein leerstehendes Haus wurde auch Dank Spenden umgebaut und bis heute leben dort ehemalige Obdachlose und Studierende zusammen in Wohngemeinschaften im Zentrum von Wien.

Vermutlich ist es gerade das zusammen Wohnen und Leben, welches die langfristige Integration/Inklusion schaffen kann. Darauf zielte auch der Vorschlag der Umwidmung des Wohnprojekts „Alt und Jung“ in „Alt und Neu“, also für Alteingesessene und Neuankömmlinge gleichermaßen.

An Ideen schien und scheint es zumindest nicht zu mangeln – eher an Planungssicherheit.

Über den Autor

Project Managerin im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung. Studienschwerpunkte ihres Soziologiestudiums waren neben der Demografie, die Wissenschafts- und Technologiepolitik und die Sozialstrukturanalyse. Schon vor ihrer Arbeit in der Bertelsmann...

2 Kommentare

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  • Jürgen

    21.01.2016
    # 01

    Sehr guter Beitrag. Auch nach der Veranstaltung wird deutlich, dass die Probleme nicht ohne weiteres zu lösen sind. Es kann nur individuelle Lösungen in den jeweiligen Orten geben. Das bedeutet aber auch Eigeninitiative!

  • Hannah Amsbeck

    21.01.2016
    # 02

    Vielen Dank! Ja, ich denke auch, dass Lösungen für diese Probleme kommunal verschieden ausfallen. Neben Eigeninitiative ist es aber vor allem Planungssicherheit, die für Lösungen notwendig ist. Hier sehe ich die Politik in der Pflicht diese (vermehrt) zu schaffen.

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