Der Kongress „BestAge“ des BehördenSpiegels bietet reichlich Anlass zur Diskussion. Petra Klug aus dem Team Wegweiser moderierte heute den Workshop VII:Räume gestalten – Engagement vor Ort fördern und fordern. Referenten waren Dr. Dirk Heuwinkel (Strategische Planung, LK Osnabrück), Christian Mainka (Stabstelle Bürgermeister/Wennigsen), Christian Kreutz (crisscross Frankfurt a.M. gestalten).

Das Foto zeigt die Referenten des Forum s ländliche Räume Gestalten.
Christian Mainka, Petra Klug, Christian Kreutz, Dr. Dirk Heuwinkel

 

„Das Motto ist weit gefasst“, führt Petra Klug ein. Raum könne man unterschiedlich definieren: geographisch, als Lebensraum, als Gestaltungsraum. Im besten Fall betreffe das Engagement die Verwaltung, die Politik und auch die Bürger, die diese Räume gemeinsam gestalten.
Das Foto zeigt das Publikum im Forum VII auf dem Kongress bestAge.

Alle drei Referenten hatte die Möglichkeit, ihre jeweiligen Arbeitszusammenhänge vorzustellen. Ich will hier nicht zu sehr ins Detail gehen, die Links geben nochmal vertieft Einblicke. Ich habe notiert, was ich spannend finde.

Wohnen mit Zukunft 

Dr. Dirk Heuwinkel (strategische Planung, Landkreis Osnabrück) skizzierte sein Wirkungsfeld „Wohnen mit Zukunft“. Die Region OS sei die jüngste in Deutschland, für das Thema Schrumpfung sei man noch keine Experten, Alterung aber sei auch dort Thema. Die Region mit rund 500.000 Einwohnern sei auf jeden Fall eine Art Labor für alle strukturellen Lebensumgebungen, von großen Städten bis zum ländlichen Raum.  Ein Thema sei da ganz besonders, um das sich kaum jemand kümmere: Wohnen. Die Struktur sei geprägt von vielen „einzelnen Vorständen von Wohneinheiten“, die jetzt vor die Frage gestellt sind: Wie organisiert man diese für das Alter, wie organisiert man die notwendigen Investitionen zum Erhalt, zum Leben in dieser Einzelimmobilie auch im Alter. Es gebe kaum mietbare altengerechte Wohnungen.

Aus diesen Umständen heraus sei das Projekt entstanden. Der politische Druck war sehr groß, Veränderungen der Strukturen zu schaffen, die Wettbewerbssituation innerhalb der beteiligten Kommunen zu entschärfen und mit Weitblick gemeinsam an der Gemeinwohlentwicklung zu arbeiten. Im Zentrum stand dabei, die Versorgungsstrukturen ganzheitlich in den Blick zu nehmen, Credo dabei „Geld ist nicht alles“. Eine soziale Umgebung, in der man gut alt werden könne, brauche mehr als das, so etwa Pflegeeinrichtungen. Die Idee war, für alle Wechselfälle des Lebens eine Versorgungskette aufzubauen, die dann greift, wenn die Menschen sie brauchen, dies umfasse nicht nur Pflege, sondern auch Hilfe für Familien. „Dahin können Sie auch gehen, wenn Sie plötzlich Drillinge zu versorgen haben und Hilfe brauchen“, so Heuwinkel.

Gemeinsam mit den Menschen vor Ort wurde ein Leitbild entwickelt, mit dem Ziel „in meinem Ort kann ich in allen Lebenslagen wohnen bleiben“ – da ist auch die Vermeidung des Wegzugs im Pflegealter inbegriffen. „So bleiben die Familienbande bestehen“, ein wichtiger Punkt, so Heuwinkel. Der Prozess habe am Ende wenig Geld gekostet, aber so eine Strukturgestaltung müsse notwendigerweise moderiert und organisiert werden. Das habe der Kreis geleistet. Das war auch ein Fazit des Statements: jede Kommune muss ihre eigenes Programm entwickeln, der Kreis könne nur Querorganisation beisteuern. Einen Brückenschlag machte Heuwinkel noch zur Nutzung der neuen Medien: in Osnabrück nutzten zur Zeit noch 65% der Bürger Zeitungen als Info-Grundlage, 46 % bezögen diese aus dem Netz. Das werde sich ganz bald verändern, dann sei das Netz federführend.

Online-Partizipation 

Christian Mainka (Stabsstelle Bürgermeister und Projektleiter in Gemeinde Wennigsen am Deister) stellte als eine Form der Gestaltung von Räumen die Online-Beteiligung am Projekt „Hohes Feld“ vor, wofür die Gemeinde mit dem Preis des BehördenSpiegel und der Init AG für Online-Partizipation 2012 ausgezeichnet wurde. Ein Wohnquartier aus den 70er Jahren sollte modernisiert werden. Dies beging die Gemeinde in einem Online-Beteiligungsprozess. Auch hier sollen die Details nicht beschrieben werden, kann man im Link nachlesen. Ein Phänomen hier war, dass über 60 Prozent derjenigen, die sich beteiligt hatten, über 60 Jahre alt waren. Online. Die „Silver-Surfer“ sind angekommen. 

Die Motivation der Gemeinde war, das bürgerschaftliche Engagement in der Gemeinde zu nutzen (Bürger sind eindeutig Experten, betont Mainka), auch Konfliktthemen in einem offenen Prozess zu einer Lösung zu bringen, auf Augenhöhe mit den Bürgern zusammenzuwirken, höchste Transparenz einzuhalten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. „Wir haben wirklich alle Daten ganz offen online gestellt, von Bauplänen bis zu Gerichtsurteilen“, sagt Mainka. Die Ideen, die zusammengetragen wurden, landeten öffentlich im Netz, die Senioren hatten sich so umfänglich beteiligt, dass das Fassungsvermögen des Tools sogar überschritten wurde. „Die älteren Menschen haben uns das Internet vollgeschrieben“, sagt Mainka. Ein Beitrag, der das Auditorium extrem erheiterte aber auch ermunterte, Beifall kundzutun. „Das Internet ist eine Bereicherung für die Alten, sie sind fit und wollen sich beteiligen, das können sie damit bequem von zu Hause aus“, sagt der Regionalentwickler aus Wennigsen.

Frankfurt gestalten – Städte verhandeln

Christian Kreutz, Crisscross von Frankfurt gestalten – Bürger machen Stadt“, brachte zahlreiche Einblicke in seine Arbeit mit. Seine umfassenden Erfahrungen etwa aus der Arbeit in Ägypten und weiteren internationalen Großstädten wie aus Brasilien und Afrika führt ihn zu der Aussage: „Städte lassen sich heute nicht mehr planen, sie müssen verhandelt werden.“ Zudem erklärt er, Deutschland sei eindeutig Entwicklungsland, was die Beteiligung der Bürger angehe. Hier erhielt er deutlichste Zustimmung aus dem Plenum, was mich nicht erstaunte. Kreutz stellte drei Thesen auf: 1. Die Zugangsproblematik zum Netz werde bis 2030 erledigt sein. „Dann ist jeder am/im Netz.“ 2. Die Möglichkeiten der Vernetzung steigen, hier finden die Oma Erna und der junge Mann zueinander, wenn sie gemeinsam ein Straßenfest organisieren wollen. 3. Die Möglichkeiten der Kollaboration sind noch längst nicht ausgeschöpft, hier schlummert enormes Potenzial. „Wir stehen hier erst am Anfang“, so Kreutz.

Christian Kreutz referiert über Frankfurt gestalten

Eine sehr lebhafte Diskussion entspannte sich, die vielen Aspekte und Impulse bündelten sich in den Fragen aus dem Publikum. Hier nur ein kleiner Ausschnitt:

Digitales rückt näher

Wie kann man Verwaltungshandeln zukünftig digitaler machen? Kreutz gab ein Beispiel aus München, hier hatten sich mit Hilfe der OpenKnowledgeFoundation Verwaltungsmitarbeiter und Programmierer ausgetauscht. „Zwei Welten sind da aufeinander geprallt. Aber sie haben voneinander gelernt.

Heuwinkel äußerte sich zum Nutzen von eigenen Websites und der neuen Medien, die Gemeinden nutzen würden, denn hier könne man auch Nachrichten selbst veröffentlichen, die man über das „Monopol“ Zeitung nicht veröffentlicht bekomme. Kleinere Kommunen aber hätten diese Möglichkeiten oft nicht. Auch Aufrufe zur Zusammenarbeit blieben oft nicht auf das Netz beschränkt, sondern zögen konkrete Arbeiten für die Bürger nach sich, etwa in der Form, selbst mit anzupacken, wenn es darum gehe, etwas zu realisieren. Er bezog sich hier auf die Möglichkeit des Crowdfundings, welche aber nicht real in Arbeitsleistung münde, sondern im Netz bleibe.

Problematisch sei auch die Feststellung, dass viele ältere Menschen zunehmend im Netz aktiv seinen und sich beteiligen möchten – aber Verwaltungen eben noch nicht so fit seien, im Umgang mit dem Netz – oder auch der Eigenverantwortlichkeit im Umgang mit dem Netz. Das sei ein wachsendes Problem. Das bekomme man auch nur mäßig mit einer anderen Personalpolitik hin. Manches müsse man über Dienstanweisungen regeln, das sei aber nicht das Ziel, so u.a. Mainka. Für die Aufgaben der Verwaltungen nach den Vorgaben des E-Governmentes sei es nicht einfach möglich, Mitarbeiter dafür abzustellen, das machten oftmals Praktikanten.

Breitbandversorgung

Natürlich habe ich die Frage nach der Notwendigkeit von Breitbandversorgung gestellt, dies als ein wesentlicher Faktor, wenn es um Zukunft für Räume, vor allem ländliche Räume geht. Das ist deutlich eine Daseinsvorsorge, darin waren sich alle Referenten einig. Kreutz erklärte, es freue ihn, dass mittlerweile nicht mehr über das Internet an sich debattiert werde, also die Frage, ob oder ob nicht, sondern die Möglichkeiten im Fokus ständen. Ein Segen. Mainka sagte, die öffentliche Hand solle darüber verfügen, vieles sei in die Hände eines großen Anbieters gewandert (der Name musste kaum genannt werden, alle Beteiligten ergänzten im Geiste).  Fördermittel für Breitband aber setze Eigenleistung voraus, die hätten viele kleinere Kommunen aber kaum. Das Land solle darüber nachdenken, in ihren Landesstraßen gleich Leerrohre mitzuverlegen, dann sei schon ein großer Schritt gemacht. Heuwinkel verwies auf die Diskrepanz zwischen notwendiger Infrastruktur und Wirtschaftlichkeit, betonte aber deutlich die hohe Bedeutung. Breitband sei ein Wirtschaftsförderungsthema. Ohne Internet habe der ländliche Raum ein Standortdefizit. „Es bedarf aller politischer Kraft, um diese Nachteile auszugleichen“.  Mainka brachte zudem den Verweis darauf, dass etwa die Landwirte eine höhere Digitalisierung betreiben als etwa das Handwerk, denn viele der Landmaschinen seien heute GPS-gesteuert und ohne schnelles Netz ginge vieles nicht mehr, von der Saatgutausgabe bis zu Preisen für Getreide an der Börse.

Petra Klug moderierte die Abschlussfrage: „Was machen Sie morgen anders, nachdem, was Sie heute hier gehört haben?“

Heuwinkel wird künftig in Bürgerversammlungen die Frage aufwerfen: „Was ist das Ziel deines Lebens?“ – man müsse überlegen, wie man sich engagiere. Künftig werde bei ihm die Frage des Engagements in der Nachbarschaft mehr Bedeutung gewinnen. Mainka erklärte, es komme auf die Selbstheilungskräfte der Kommune an, die gestärkt werden müsse. „Es ist alles da“, sagt er, eine Kommune müsse nur die Rahmenbedingungen setzen, moderieren. Kreutz wird über die Verknüpfung von Internet und direktem Gespräch nachdenken, diese Anregung bekam er aus dem Plenum mit der Skizze der „Pflegeoase“.

Die drei Referenten sind Abbild eines bunten Kaleidoskopes der Möglichkeiten, wenn man darüber nachdenkt, wie man Räume gestalten kann. Die Anregungen waren sehr vielfältig, das machte den Charme des Workshops aus, fand ich –  und wohl auch künftig die Lust der Zuhörer, einiges von dem, was sie auf dem Kongress mitgenommen haben, aktiv anzugehen. Mir ging es jedenfalls so, reichlich Stoff zur Weiterarbeit.

Fotos: Anke Knopp

 

 

 

 

Über den Autor

Bis Oktober 2016 war sie Projektmanagerin im Programm „LebensWerte Kommune“ in der Bertelsmann Stiftung und schrieb im Blog rund um die Themen zu Digitalisierung, Industrie 4.0, Kommunalpolitik im weitesten Sinne,...

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