Letzte Woche veröffentlichte die Techniker Krankenkasse (TK) eine neue Pflegestudie: Die wesentlichen und nicht erstaunlichen Ergebnisse sind: Pflegende sind überdurchschnittlich gesundheitlich belastet, ganz besonders allein Pflegende. Zudem: Das familiale Pflegepotenzial wird kleiner, gerade bei Jüngeren. Im Grunde findet sich hier der Tenor: Pflegende Angehörige sind zwar vom Pflichtgefühl angetrieben, der soziale Kitt aber bröckelt.

Der bröckelnde soziale Kitt ist kein Wunder, denn viele Pflegende befinden sich in einer mehrfachen Zwickmühle von Job, Familie oder auch eigenen Bedürfnissen. „Wir“ fordern von unseren Kindern, dass sie weltweit mobil sind, dass sie sich gut ausbilden, sich gesund und fit halten und möglichst finanziell vorsorgen, denn wir hinterlassen ihnen auch noch eine problematische Rente. Schon jetzt wohnen Eltern und Kinder deutlich seltener am gleichen Ort.

Zwei meiner Kinder wohnen in Saarbrücken oder Köln, meine Mutter in Cuxhaven und meine Schwiegermutter in Köln. In einem Pflegefall wären dies – trotz günstiger Arbeitsbedingungen – von meinem Bielefelder Wohnort enorme Belastungen für mich, deren Bewältigung ich noch gar nicht abschätzen kann. Allgemein sind aber auch die  Einstellungen zum Thema Familie im Wandel, Single-Haushalte nehmen zu und gerade in ländlichen Regionen erzeugt die Abwanderung  einen zusätzlichen Handlungsbedarf.

Problem verstärkend sind u. a. die rasante Zunahme der Pflegebedürftigkeit, die wachsende Personallücke, die mangelnde Attraktivität der Pflegeberufe oder die steigende Erwerbsquote bei Älteren und Frauen. Insofern verwundert es auch nicht, dass das familiale Pflegepotenzial und die Zahlungen für häusliche Pflege in den letzten Jahren rückläufig waren.

Kürzlich wurde im Rahmen einer Dissertation belegt, dass es in der stationären Altenhilfe flächendeckend gravierende Missstände gibt, die die Grundrechte von Pflegebedürftigen verletzen und eine Verfassungsbeschwerde Aussicht auf Erfolg hätte. (Quelle: Staatliche Schutzpflichten gegenüber pflegebedürftigen Menschen, Susanne Moritz 2013).

Auf Bundesebene sollen die Verbesserungen im Bereich der häuslichen Pflege pflegende Angehörige ab 2015 entlasten. Ich habe aber erhebliche Zweifel, ob der dann um 0,3 Prozentpunkte steigende Beitragssatz für die Pflegeversicherung ausreichen wird, wenn bald die Generation der Babyboomer ins typische Pflegealter kommt.

Wir brauchen deutlich mehr Fachkräfte, gerade im Bereich der Pflege. Aber woher sollen diese kommen, wenn wir aufgrund der demografischen Entwicklung immer weniger Fachkräfte haben werden, der Wettbewerb um diese zunimmt und Pflegekräfte aus meiner Sicht immer noch unterbezahlt (s. Lohnspiegel.de) und überlastet sind? Hinzu kommt der gestiegen Bürokratieaufwand. Es wundert daher nicht, wenn sich lt. Pflegemagazin „Heilberufe“ mehr als 1/3 der professionellen Pflegekräfte mit Kündigungsabsichten beschäftigen.

Wir brauchen in den Kommunen sicher auch mehr Prävention, Rehabilitation, mehr Quartiersprojekte, mehr außerfamiliale Netzwerke oder neue Wohnformen. Pflegende brauchen eine bessere Information über Hilfsangebote vor Ort und Ideen dazu, wie das zu finanzieren ist.

Kommunen sollten Arbeitskreise oder runde Tische initiieren, moderieren, die Problemlösungen für diese wichtigen und dringenden demografischen Fragen erarbeiten.

Aus unseren kommunalen Workshops wissen wir, dass solche Prozesse nachhaltig wirken und z. B. auch zu mehr Engagement in der Nachbarschaft führen können. Das kann professionelle Pflege nicht ersetzen, wohl aber zu mehr sozialer Teilhabe und Lebensqualität von Pflegebedürftigen führen.

Aber auch Kommunen brauchen eine bessere Datenlage, um sich auf die steigenden Belastungen einzustellen. Auf Kreisebene bieten wir hier mit unserer Pflegeprognose wichtige Informationen.

Hilfreich sind aber auch Informationen über die unterschiedlichen Situationen in kleineren Quartieren oder Dörfern. Hier versuchen wir auf unserer Website www.sozialplanung-senioren.de mit dem Handbuch Gesundheit und Pflege Hilfestellungen anzubieten, wie solche Daten erhoben werden können und bieten Fragebögen an, die für individuelle Erhebungen genutzt werden können.

Weitere Infos und Grafiken zur Pflegestudie erhalten Sie auf der Website der Techniker Krankenkasse.

Foto: Veit Mette

Über den Autor

Projekt Manager im Programm „LebensWerte Kommune“ für kommunale Workshops zu den Themen Demografie, Seniorenpolitik und Integration.

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