@Valeska Achenbach
@Valeska Achenbach

Die Bevölkerungszahlen in Deutschland werden bis 2030 zurückgehen. Vor allem der ländliche Raum wird dabei Einwohner zu Gunsten der Städte verlieren. (siehe Pressemitteilung vom 08.07.2015)

Dieses Ergebnis unserer aktualisierten Bevölkerungsprognose im Wegweiser Kommune hat vergangene Woche ein großes Echo in den deutschen Medien gefunden, in der Politik und in vielen interessierten Institutionen. Immer wieder gestellte Fragen: Wollen die Menschen nicht mehr auf dem Land leben? Stirbt der ländliche Raum jetzt vollständig aus? Antwort: Weder noch! Denn der viel zitierte ländliche Raum ist genauso heterogen, wie die Städte in ihrer Unterschiedlichkeit. Das erfordert ein genaues Hinsehen, Weichenstellungen für die Zukunft und Konzentration auf das für den ländlichen Raum Wesentliche.

Viele Menschen schätzen das Landleben

Viele Menschen leben gerne auf dem Land. Auch viele Jüngere – davon bin ich überzeugt. Der ländliche Raum mit seinen Bewohnern kann m.E. auch sehr selbstbewusst sein, was seine Lebensqualität angeht. Er hat viel zu bieten. Vor allem auch jenseits der hippen Hochglanzmagazine, die das Landleben preisen und in schöner Regelmäßigkeit Gärten in einer Perfektion zeigen, für die man mehrere Gärtner das ganze Jahr hindurch beschäftigen müsste. Oder die regelmäßig den Eindruck erwecken, als wäre ein Eintopf nur dann ein gutes Essen, wenn er auf dem Lande gekocht und gegessen wird und alles Gemüse im eigenen Garten selbst gezogen und geerntet wurde. Die Menschen wissen das Leben im Grünen zu schätzen: Ruhe, viel Platz für Familie, Kinder und Haustiere, die angenehmen Rituale des dörflichen Lebens, ein etwas langsamerer Rhythmus. Und sie schätzen das Landleben dann, wenn sie bei Bedarf die Stadt mit überschaubarem Aufwand erreichen können zum Einkauf oder Ausgehen.

Die jungen Leute gehen

Schrumpfen wird der ländliche Raum gleichwohl. Denn die jungen Menschen nehmen den ländlichen Raum durchaus anders wahr – vor allem wenn sie die Schule beendet haben. Das zeigen auch unsere statistischen Daten: In der Altersgruppe der sogenannten Bildungswanderer (18 bis 24 Jahre) verlieren die ländlichen Räume stark. So verstärken sie die demographische Schrumpfung, denn viele dieser Bildungswanderer kommen nicht zurück. Die Möglichkeiten für Ausbildung, Studium und in der Folge auch Arbeit sind in der Stadt einfach besser und vielfältiger. Natürlich suchen die jungen Menschen zudem auch ein anderes Lebensgefühl. Die Perspektiven verschieben sich, wie eine junge Bewohnerin Hamburgs es auf den Punkt bringt: „… Als junger Mensch kann man auf dem Land wirklich nichts machen. Die Mentalität ist dort auch ganz anders, es wird viel gelästert. Auf dem Kiez interessiert es keinen, wie man aussieht oder was man beruflich macht. Das Miteinander hier ist am schönsten, alle sind wie eine große Familie – vom Müllmann bis zu den Kollegen. Das schafft eine tolle Atmosphäre.“ (Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/das-st-pauli-foto-einer-bardame-eins-aus-tausend-a-1042709.html). Letzteres aufzulösen bleibt schwierig.

Nicht gleichwertig – aber lebenswert

Was ist zu tun im Hinblick auf Schrumpfung? Gleichwertige Lebensverhältnisse, wie sie mit Bezug auf Art. 72 GG regelmäßig gefordert werden, wird es nicht geben – gibt es auch heute nicht. Dazu sind die Unterschiede zwischen Stadt und Land häufig zu groß. Aber es gibt mit Internetversorgung, passgenauen Mobilitätsangeboten und erreichbarer Gesundheitsversorgung wichtige Themen, die erarbeitet werden müssen, um den ländlichen Raum in seiner Entwicklung zu stärken. Besonders der Erhalt von Infrastrukturen kostet dabei viel Geld. Und sie wird teurer, je weniger Menschen sie nutzen. Deshalb wird es auch besonders schwer für die sehr abgelegenen ländlichen Räume. Hier kommt es dann stärker darauf an, Infrastruktureinrichtungen neu auszurichten und räumlich so zu konzentrieren, dass sie noch erreichbar sind.

Zentral ist aus meiner Sicht die Versorgung mit leistungsfähigem Internet. Sie hat mit den genannten Themen, aber auch mit Infrastruktur insgesamt, große Schnittmengen. Der ländliche Raum muss (weiter) offen sein für Innovationen, wenn auch hier Weiterentwicklungen ermöglicht werden und die dort lebenden Menschen bleiben sollen. Das hat in Zeiten der Digitalisierung viel mit leistungsfähigem Internet zu tun. Es wird nicht gelingen, jedes Haus auf dem Land mit einem Breitbandkabel zu versorgen. Aber wer leistungsfähiges Internet braucht (und das wird in Zukunft nahezu jeder sein), muss es bekommen können. Dass das funktionieren kann, zeigen uns einige ländliche Regionen bereits heute (http://www.landnetz.de/). Und selbst abgelegene touristisch genutzte Almhütten können z.B. per Richtfunk mit WLAN versorgt werden.

Internetstrategien für den ländlichen Raum

Umso mehr brauchen die ländlichen Räume gute Strategien für eine leistungsfähige Internetversorgung. Und wohl auch eine klare politische Akzentsetzung und eine Unterstützung bei den investiven Kosten. Nur so wird es auch außerhalb der städtischen Räume perspektivisch möglich sein, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, Online-Konsum zu ermöglichen, Telemedizin zu nutzen, Verwaltungsleistungen adäquat in Anspruch zu nehmen, im Homeoffice zu arbeiten oder Mobilität zu organisieren. Das ist für Unternehmen und Dienstleister genauso wichtig, wie für Privatpersonen (vgl. dazu auch https://smartcountry.collaboratory.de/colab/de/home).

Über den Autor

Senior Projekt Manager im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung. Er leitet das Projekt Wegweiser Kommune und beschäftigt sich mit Themen rund um den demografischen Wandel. Seine Schwerpunkte sind Alterung,...

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Bitte füllen Sie alle Felder aus: