Das Bild zeigt einen InfoStand der Bertelsmann Stiftung auf dem Kongress BestAge des BehördenSpiegels in Berlin. Zwei Mitarbeiter verteilen Broschüren.

Wir vom Team „Wegweiser-Kommune.de“ sind heute und morgen aktiv auf dem Kongress des BehördenSpiegel „BestAge“. Interessant und vor allem sehr appellativ war die Eröffnungsrede der NRW-Ministerin für Gesundheit, Pflege und Alter des Landes NRW, Barbara Steffens. Ihr Anliegen: die Kommunen sind die wichtigsten Partner, wenn es um die Pflege und Gesundheit geht. Sie betont dabei den partizipativen Prozess, der alle Akteure einbinden müsse. Nicht nur die Ebenen Bund, Land und Kommune, sondern auch die Aktiven vor Ort. Ein Konglomerat an Kenntnis, Wissen und Können. Nur in dieser Allianz sei die Aufgabe zu stemmen, die schon merkbar auf uns zukommt.  Die Zahlen sprechen für sich, eine Verdopplung der zu pflegenden Menschen wird angenommen, im Jahr 2050 rund 4,5 Millionen bundesweit. „Das kann keine politische Instanz alleine leisten.“

Die Ministerin u.a. für Pflege in NRW im Gespräch mit einer Seniorenbeauftragten auf der Tagung "bestage".

„Es wird eng werden, wenn wir nicht selbst anfangen, die Strukturen zu verändern, in denen wir künftig leben wollen“. In ihrem ambitionierten Beitrag hob sie drei Aspekte heraus, die das Auditorium offensichtlich dort abholten, wo sie stehen:

Höher, schneller, weiter –  sei das Credo der Zeit. Die Gesellschaft definiere sich deutlich über den Beruf und die erbrachte Leistung. Und dann komme plötzlich die Rente, womit oftmals auch die gesellschaftliche Anerkennung und Relevanz verschwinde. Das Bild der „Medien“ zeichne allzu oft Alte und Ältere als kostenintensive und kranke Menschen, anstatt das Wissen und die Lebenserfahrung als Wert in den Blick zu nehmen.

Das Thema Prävention sei zudem relevant, nur oft nicht in der Phase des Alters. Prävention im Alter bedeute daher die Teilhabe an der Gesellschaft, das „Seinen-Platz-haben“. Das Bauen von Bushaltestellen als Scheinrealität sei damit nicht gemeint.

Sie sprach auch die Innenstädte an, jahrelange Beschleunigung und das Setzen auf unbeschränkte Mobilität habe die Innenstädte in ihrer Bedeutung abgehängt. Was aber, wenn diese Mobilität im Alter nicht mehr gegeben ist, fragt sie. Und trifft damit den Nerv vieler Kommunen, die gerade eben darüber nachdenken. Nachdenken müssen. Wenn Alten-Ghettos als Satelliten am Reißbrett entworfen werden, könne das nicht die Lösung sein. Beste Rezepte sind dann wohl die, die sicherstellen, dass die Menschen in ihren Quartieren alt werden können, also wohnen und leben bleiben. Viele der Zuhörer dürften betroffen geschluckt haben, als Steffens erklärte, „unsere“ Kinder würden uns später einmal eben auch in solche Silos verfrachten, wenn wir selbst alt seien. Auch ich musste da schlucken.

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Eine weitere Frage schnitt sie an: woher die Menschen kommen sollen, die die Pflege leisten werden. Hier haben viele Frauen im Publikum wissend genickt – es seien eben überwiegend die Frauen, die zur Zeit Pflege besonders im häuslichen Bereich leisten. Frauen seien zudem künftig eine „stille Reserve“ für den Arbeitsmarkt. Wie man diese Mehrfachaufgabe gerade für Frauen bewerkstelligen wolle, müsse man jetzt beantworten. – Das ist deutlich auch mein Thema, deckt sich mit der Ansage, dass gerade die Generation um die 50 künftig  vielfache Belastungen zu bewältigen haben werden. Interessant hier der Ansatz: Künftig werden wohl nicht nur Betriebskindergärten benötigt, sondern auch Pflegestätten für die Eltern von Beschäftigten. Wenn wir dann über einen partizipativen Ansatz der Quartiersgestaltung sprechen, müsste auch klar sein, über welche Lebensrealität derer man da spricht, die künftig pflegen werden: Arbeitszeit, Behördengänge, Verantwortungen etc. Für meine Begriffe ist da noch viel zu klären. Am Rande sei noch ein Schmunzeln erlaubt: wenn Frauen sich immer später entschließen, Kinder zu bekommen, wird das Modell der „Uroma“ künftig eine Rarität sein, so Steffens treffend.

Die Gestaltung des „Alt-werden-im Quartier“ ist daher die Botschaft der Ministerin an die Kommunen und die vielen kommunalen Vertreter im Plenum. Diese Entwicklung sei nicht von oben herab zu verordnen. Das gehe nur im gemeinsamen Prozess. Sie machte Werbung für das Land NRW und verwies auf den „Masterplan Quartier“, ein Baukasten für Kommunen, wie so ein Prozess zu organisieren sein könnte.

Was mir im Beitrag gefehlt hat, war das Thema der Chancen der Digitalisierung: welche Chancen bringt diese mit sich, um die Anforderungen an Pflege künftig zu unterstützen? Besonders im ländlichen Raum wird diese Frage eine sein, die die Überlebensfähigkeit von Kommunen sichern wird  –  oder scheitern lässt.

 

 

Über den Autor

Bis Oktober 2016 war sie Projektmanagerin im Programm „LebensWerte Kommune“ in der Bertelsmann Stiftung und schrieb im Blog rund um die Themen zu Digitalisierung, Industrie 4.0, Kommunalpolitik im weitesten Sinne,...

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