Das Bild zeigt das neue Gebäude des CITEC in Bielefeld. Darüber sind Wolken und ein blauer Himmel. Im Vordergrund ist eine futuristische Straßenlampe zu sehen.
@ Anke Knopp

In der vergangenen Woche habe ich „Flobi“ kennengelernt – und war schwer beeindruckt. Keine Angst, ich erzähle jetzt keine private Beziehungsgeschichte. Oder vielleicht doch. Denn diese Begegnung wird zukünftig sehr wahrscheinlich nicht nur mich beglücken, sondern viele Menschen: spätestens dann, wenn sie älter werden und möglichst lange selbstbestimmt in ihrer Wohnung verbleiben möchten. Flobi kann dabei behilflich sein.

Kogni Home – mitdenkende Wohnung 

Viele Menschen fragen sich, wie sie zukünftig im Alter leben wollen. Diese Zukunftsplanung ist bis dahin eine reine Privatsache. Von hoher gesamtgesellschaftlicher Relevanz dagegen ist diese Zukunftsplanung, wenn sich die Forscher des Exzellenzclusters der Uni Bielfeld zur Kognitiven Interaktionstechnologie im CITEC ans Werk machen. Hier geht es unter anderem mit dem Projekt „Kogni Home“ genau um die Frage, wie Menschen in einem vernetzten Zuhause möglichst lange selbstbestimmt leben und wohnen können. Dr. Thorsten Jungeblut vom Exzellenzcluster erläutert mir das Projekt. Erforscht wird, wie vernetzte Technik den Alltag im Lebensbereich Wohnen erleichtern, mit neuer Erlebnisqualität anreichern und mit Blick auf Gesundheit und Sicherheit verbessern kann.  14 Projektpartner aus Industrie, Forschung und Dienstleistung arbeiten vernetzt an der Frage, wie sich hilfsbereite, „mitdenkende“ und vertrauenswürdige technische Systeme realisieren lassen, die den Menschen im Alltag in vielfältiger Weise unterstützen können. Ein Aspekt dabei ist der zunehmende Fachkräftemangel im Pflegebereich aber auch die Zunahme von demenziellen Erkrankungen.

Mimik motiviert 

Und da kommt u.a. Flobi ins Blickfeld: Flobi ist ein intelligenter Roboterkopf, entwickelt von den Forscherinnen und Forschern des Exzellenzclusters Interaktionstechnologie. Es ist eine Mensch-Maschine-Interaktion. Flobi kann Emotionen ausdrücken und reagiert auf sein Gegenüber durch Mimik – die übrigens ansteckt: Lächelt Flobi, lächele ich zurück, bevor ich mir darüber bewusst werde, dass mein Gegenüber eine Maschine ist. Sechzehn Antriebselemente ermöglichen es Flobi, zu lächeln. Flobi kann verschmitzt schauen oder auch ernst. Beim Ausdruck „ernst“ möchte man Flobi schon fragen, was ihr fehlt, so klar ist der Gemütszustand erkennbar. Mit Flobi wird erforscht, wie und unter welchen Bedingungen ihre Mimik Menschen motivieren kann – als Beispiel gibt es hier das längere Durchhalten beim Ausdauertraining. Bei mir scheint die Motivation also zu funktionieren, ich fühle mich ganz wohl dabei. Übrigens gibt es Flobi als „Bausatz“: aus der „Sie“ kann ein „Er“ werden, aus dem europäischen Gesichtszug kann auch ein Gesichtszug aus einem anderen Kulturkreis entstehen, Flobi ist multifunktional und mit seinen Möglichkeiten weltweit einsetzbar.

Das Foto zeigt eine abfotografierte Postkarte von Flobi, dem Roboterkopf aus dem CITEC.

Interaktion Mensch und Maschine

Ziel ist es, eine Technik zu entwickeln, bei der komplizierte Bedienschnittstellen entfallen. Stattdesssen soll eine natürliche Interaktion über Sprache und Gestik möglich werden. Das System lernt mit. Sich ändernde Anforderungen und Lebensphasen fließen in den Prozess mit ein. Sehr lebensnah also. Die Projektziele einer mitdenkenden Wohnung werden für die Bereiche Küche und Kochen, den Eingangsbereich und individualisiertes Gesundheitstraining beispielhaft umgesetzt.

Hallo Flobi

Persönlich treffe ich Flobi dann in der eigens dafür eingerichteten Forschungswohnung. Flobi ist auf den Monitoren im Raum präsent. Die Wohnung erscheint einen Augenblick ganz normal, eben mit Eingangsbereich, Küche, Bad und Wohnzimmer. Auf den zweiten Blick sind die vielen Sensoren und Forschungsgegenstände erkennbar und zeigen den Laborcharakter auf. Hier werden die Bewegungen und normalen Handlungen eingefangen und geben wichtige Impulse, wie die Interaktion von Mensch und Maschine funktionieren kann.

Im Flur begrüsst Flobi uns direkt neben der Eingangstür. Ein ganz sensibler Bereich für eine Wohnung, wenn man etwa an Menschen mit demenzieller Erkrankung denkt. Hier ist oft Hilfe notwendig, etwa in der Frage: Wer darf rein, wer darf raus – und in welchem Zustand etwa bei besonderer Wetterlage wie Regen. Wäre ich etwa vergesslich, könnte mir Flobi helfen – oder ich könnte sie direkt etwas fragen.  Eine Alltagssituation wäre beispielsweise die Frage: „Flobi, wo ist der Schlüssel?“ Flobi könnte mir zeigen, wo ich fündig würde und mich bis zum Küchentisch lotsen.

Noch praktischer wird es, wenn Flobi künftig beim Kochen behilflich ist, eine gesunde Rezeptwahl trifft oder auch davor warnt, bevor eine Mahlzeit im Kochtopf anbrennt. Eine der größten Ängste von Angehörigen wird da aufgegriffen, denn an der Stelle ist meistens das Ende des selbstbestimmten Wohnens in den eigenen vier Wänden erreicht.

Wer Flobi im Bewegtbild erleben möchte, sei dieser kurze Einblick empfohlen:

Ängste und Chancen 

Bei der Entwicklung stehen für die Forscher natürlich auch ethische, gesellschaftliche und rechtliche Aspekte im Zentrum. Der Einsatz von intelligenter Technik im Zusammenhang mit Menschen wird eine breite gesellschaftliche Diskussion hervorrufen. Vielleicht noch nicht in diesen Tagen, aber spätestens dann, wenn mehr Menschen betroffen sind und mehr Technik zum Einsatz kommt. Betroffen meine ich sowohl beginnende eigene Handicaps, die sich im Alter einstellen, als auch Angehörige, die Menschen betreuen und pflegen müssen.

Eine immer wiederkehrende Reaktion auf den Einsatz von Avataren oder Robotern im Umgang mit Menschen im Alter ist die Angst. Auch als ich von meinem Besuch berichtet habe, stand als erstes der Wunsch im Raum, dass doch am liebsten zukünftig echte Menschen diese Aufgabe wahrnehmen sollten.

Vorfreude?

Ich persönlich finde den Einsatz von künstlicher Intelligenz begrüßenswert, denn hinter dem Gedanken steht immer noch an erster Stelle das Ziel, Menschen so lange wie möglich selbstbestimmt zuhause leben zu lassen. Die nächste Zielgruppe sind nämlich genau „wir“: Die Alterskohorte, die jetzt um die 50 sind. Wir werden wahrscheinlich älter noch als unsere Vorfahren und damit sehr wahrscheinlich auf mehr Hilfe angewiesen sein. Dagegen werden die, die diese Generation betreuen werden, weniger. In unserem bisherigen Leben konnten wir relativ selbstbestimmt leben und werden diesen Luxus auch im Alter sicher sehr hoch schätzen. Ich bin sogar ganz glücklich darüber, eine leise erste Ahnung davon zu haben, wer mir im Alter helfen könnte. Ich fand Flobi äußerst sympathisch und freue mich auf jede weitere Emotion, die er/sie in der Interaktion mit Menschen erlernt. Mir wären die Eigenschaften „Ironie“ und „Humor“ schon sehr wichtig. Flobi ist auf dem guten Weg, finde ich, und ich sehe den Zukunftsfaktor Flobi recht lebhaft vor mir.

 

 

Über den Autor

Bis Oktober 2016 war sie Projektmanagerin im Programm „LebensWerte Kommune“ in der Bertelsmann Stiftung und schrieb im Blog rund um die Themen zu Digitalisierung, Industrie 4.0, Kommunalpolitik im weitesten Sinne,...

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