Hochhauskomplex mit Schild davor Wohnungsbesichtigungen

Ob auf dem Weg zur Arbeit oder beim Gang zum Supermarkt: Wer im Moment auf der Straße unterwegs ist, sieht auffällig viele Umzugswagen. Und das hat einen Grund: Für Tausende junge Menschen beginnt im Oktober das Studium. Für viele angehende Erstsemester ist die Frage: „Wo werde ich wohnen?“ genauso wichtig wie die Frage: „Was werde ich studieren?“

Viele wechseln für das Studium den Wohnort und wohnen zum ersten Mal im Leben alleine. Laut einer Umfrage des Deutschen Zentrums für Hochschulforschung wohnten im Sommersemester 2013 nur 16,6 Prozent der Studenten bei ihren Eltern und Verwandten. 28,6 Prozent wohnten in einer Wohngemeinschaft, 22,7 Prozent mit dem Partner und vielleicht schon vorhandenen Kindern. Immerhin 11,5 Prozent hatten einen der knappen Plätze im Studentenwohnheim ergattert, während sich 2,4 Prozent für eine sonstige Wohnmöglichkeit entschieden hatten.

Noch ein paar Zahlen: Im Wintersemester 2013/2014 gab es laut dem Statistischen Bundesamt bereits mehr als 2,6 Millionen Studenten in Deutschland. Zum Vergleich: Im Wintersemester 1993/1994 waren es noch weniger als 1,9 Millionen. Inzwischen gibt es sogar mehr Studenten als Auszubildende. Studenten werden damit zu einer immer wichtigeren Bevölkerungsgruppe.

 

Bevölkerungszuwachs in den Ballungsräumen

Die Umzugswagen, die uns derzeit so oft begegnen, werden schnell wieder aus unserer Erinnerung verschwinden (außer, wir saßen selbst im Wagen …), aber die dahintersteckende Tatsache, dass all die Studenten auch eine hochschulnahe und günstige Wohnmöglichkeit benötigen, sollte man besser nicht vergessen.

Laut Berechnungen der Bertelsmann Stiftung wird die Bevölkerung bis 2030 um 3,7 % abnehmen, aber die Zahl der Menschen in vielen größeren Städten und Ballungsräumen wird zunehmen. Hochschulstädte wie Berlin, Hamburg, Leipzig und Heidelberg werden teilweise deutlich an Einwohnern gewinnen. Dies stellt die Stadtplaner vor neue Herausforderungen.

 

Vom Wohnheimplatz bis zur WG-Wohnung: studentischer Wohnraum ist sehr gefragt

Wohl kaum ein Student möchte täglich vier Stunden in der Bahn sitzen, weil er keine Wohnung in seiner Hochschulstadt gefunden hat, oder 400 Euro für ein winziges Zimmer bezahlen. Gefragt ist also ausreichender und bezahlbarer Wohnraum für Studenten, der sehr unterschiedlich aussehen kann. Kleine Einzimmerapartments, gemütliche Dachgeschosswohnungen und praktische Wohnheimzimmer kommen genauso in Frage wie geräumige Altbauwohnungen für Studenten-WGs sowie günstige Dreizimmerwohnungen für Studentenpaare mit Kindern. Eine wichtige Aufgabe wird es sein, Wohnraum bereitzustellen, der den Bedürfnissen junger Menschen entspricht. Die Verfügbarkeit geeigneter Studentenwohnungen ist zum Standortfaktor und sogar zum Politikum geworden.

 

Studenten: gut für die Stadt

Studenten beleben eine Stadt. Sie erhöhen den Bildungsstand und stehen nach dem Studium dem Arbeitsmarkt als dringend benötigte Fachkräfte zur Verfügung. Wo es viele Studenten gibt, gibt es oft auch ein reichhaltiges kulturelles Angebot, von dem alle profitieren. Die Kommunen freuen sich darüber, durch junge Menschen auch potenzielle Eltern in die Stadt zu holen, denn Nachwuchs ist zur Mangelware geworden. Unsere Bevölkerung schrumpft nicht nur, sie wird auch immer älter.

 

Konkurrenz mit anderen Bevölkerungsgruppen

Gleichzeitig dürfen auch die anderen Bevölkerungsgruppen nicht aus den Augen verloren werden. Studenten konkurrieren mit vielen anderen Menschen um günstigen und in Ballungsräumen zunehmend knapper werdenden Wohnraum: mit Familien, Geringverdienern, alleinstehenden Senioren und Wochenendpendlern. Viele Menschen sind auf günstigen Wohnraum angewiesen. Doch wo viele Studenten wohnen, steigen häufig auch die Mietpreise. Eine 5-Zimmer-Wohnung lässt sich teurer an fünf Einzelpersonen als an eine fünfköpfige Familie vermieten. Auch die hohe Fluktuation in studentischen Wohnungen lässt Raum für häufige Mieterhöhungen.

 

Gentrifizierung plötzlich angesagter Stadtviertel

Oftmals ziehen Studenten in zunächst günstige innenstadtnahe Viertel. Kultureinrichtungen, angesagte Clubs und hippe Cafés folgen ihnen und machen das Viertel auch für andere Menschen interessant, was langfristig die Mieten steigen lässt. Dieser als Gentrifizierung bekannte Prozess ist in vielen Städten inzwischen ein großes Problem. Die Folge: Alteingesessene Bewohner können sich häufig die Miete in dem Viertel, in dem sie teils schon ihr ganzes Leben lang wohnen, nicht mehr leisten und werden verdrängt. Die sehr gewünschte Aufwertung eines Stadtviertels – gerade in strukturschwachen Gebieten – kann also auch unerwünschte Nebenfolgen haben, die zunächst niemand im Blick hatte. Wie so oft, so gilt auch hier: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Das wusste schon Aristoteles. Und wie so oft, so gibt es auch hier keine einfache Lösung, zu komplex ist die Situation, so vielschichtig die Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Akteuren.

 

Wohnraumplanung für morgen: eine wichtige Aufgabe für Stadtplaner

In den Städten der Zukunft müssen Stadtplaner ein Auge darauf haben, dass Wohnraum für alle Bevölkerungsgruppen bezahlbar bleibt. Außerdem ist es wichtig, auf die soziale Durchmischung zu achten. Wenn sich jüngere und ältere Menschen, seit Generationen in Deutschland Lebende und Personen mit Migrationshintergrund, Akademiker und Geringqualifizierte häufiger in ihrem ganz alltäglichen Wohnumfeld begegnen, kann das dazu beitragen, das Verständnis füreinander zu erhöhen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern.

 

Gute Praxisbeispiele im Wegweiser Kommune

Doch nicht nur Stadtplaner, Politiker und Immobilienbesitzer sind gefragt, ihren Beitrag zu leisten. Bei der Gestaltung der Stadt von morgen kann jeder etwas beitragen. In unserem Wegweiser Kommune gibt es bereits viele gute Praxisbeispiele von Menschen, die dem demografischen Wandel mit kreativen und zukunftsfähigen Projekten begegnen. Dazu gehören aus dem Bereich des studentischen Wohnens z. B. Projekte wie „Tausche Bildung für Wohnen“.

 

Und Ihre Meinung?

Ich persönlich freue mich darüber, wenige Tage vor Beginn meines Studiums einen Platz in einer studentischen 10er-WG gefunden zu haben. Die insgesamt 23 Mitbewohner aus 11 Ländern auf drei Kontinenten, mit denen ich im Laufe des Studiums zusammengewohnt habe, haben mein Leben sicher bereichert.

 

Was ist Ihre Meinung zum studentischen Wohnen? Welche Ideen haben Sie, um Wohnraum für die kommenden Studentengenerationen zu schaffen? Kennen Sie gute Projekte?

 

Foto: Veit Mette

Über den Autor

Praktikantin im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung Sie hat eine Ausbildung zur Industriekauffrau abgeschlossen und an der Universität Bielefeld einen Master of Arts in Soziologie erworben. Im Studium hat...

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