Das Bild zeigt einen Hochhauskomplex und im Vordergrund einen Schilderbaum mit vielen Anzeigetafeln allerdings von hinten und daher ohne Schriftzug. Darüber breitet sich blauer Himmel aus.

Zahlreiche Megatrends halten die Welt (und die Wissenschaft) in Atem. Dazu gehören z. B. Klimawandel, Globalisierung, Digitalisierung, demographischer Wandel und Urbanisierung. All diese Trends sind für die Kommunen von großer Bedeutung und bedingen sich teilweise einander. In diesem Beitrag will ich die Urbanisierung genauer unter die Lupe nehmen, denn diese hat einen großen Anteil an den demographischen Veränderungen, die auch auf kommunaler Ebene sichtbar werden.

Urbanisierung in Deutschland

Städte sind natürlich kein neues Phänomen (man denke z. B. an die antike Stadt Uruk im heutigen Mesopotamien, die in vorchristlicher Zeit lange die größte Stadt der Welt war), aber dass Menschen in einem solchen Ausmaß in Städten leben, ist neu. Schon 2008 war es soweit: Erstmals wohnte mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten. Auch in Deutschland ist ein deutlicher Urbanisierungstrend zu beobachten.

Besonders die Großstädte sind es, die weiter wachsen werden. So wird etwa die Bevölkerung Leipzigs von 2012 bis 2030 um ca. 13,9 Prozent wachsen, während Deutschland in dieser Zeit insgesamt 0,7 Prozent seiner Einwohner verliert. Berlin rechnet immerhin noch mit einem Zuwachs von 10,3  Prozent, Hamburg mit 7,5 Prozent. Und Ihre Kommune? Schauen Sie es nach! Unter www.wegweiser-kommune.de finden Sie Bevölkerungsdaten für (fast) alle deutschen Kommunen ab 5.000 Einwohnern.

Was treibt die Menschen in die Städte?

Was ist es, das die Menschen in Massen in die Städte treibt? Eine zentrale Antwort lautet: Sie wollen oftmals dort wohnen, wo es Arbeit gibt. Städte bieten eben nicht nur Wohnraum, sondern auch Arbeitsplätze. Seitdem die Landwirtschaft als Arbeitgeber an Bedeutung verloren hat, suchen immer mehr Menschen ihr Glück in der Stadt. Aber bekanntlich besteht das Leben nicht nur aus Arbeit. Städte bieten noch sehr viel mehr als das: einen guten ÖPNV, Kultur, Nachtleben, Einkaufsmöglichkeiten, Freizeitangebote, eine gute medizinische Versorgung und eine breite Palette an (Weiter-)Bildungseinrichtungen. Ich persönlich mag an Städten die Vielfalt der Menschen mit ihren vielen verschiedenen Lebensstilen und Herkunftsländern. In fast jeder Großstadt gibt es international geprägte Straßen oder Viertel, in denen ich das Gefühl habe, mich in Kontakt zum Rest der Welt zu befinden. Und dann ist da noch das schöne Gefühl, dass alles in Bewegung ist. Überall gibt es belebte Straßen und Plätze, die mit prallem Leben gefüllt sind. Das macht urbanes Leben aus. Bleibt das so? Wird diese Vielfalt geschätzt?

Individuelle Gründe, kollektive Folgen

Jeder Stadtbewohner mag seine persönlichen Gründe haben, weshalb er sich für ein Leben in der Stadt entschieden hat (und jeder Dorfbewohner natürlich auch), aber Fakt ist: Diese scheinbar ganz individuellen Beweggründe führen dazu, dass die Verstädterung zunimmt, während die Einwohnerzahl in vielen ländlichen Gegenden stark abnimmt. (Achtung: Natürlich gibt es auch ländliche Kommunen, die wachsen, und sehr viele Städte, die schrumpfen, denn insgesamt betrachtet verringert sich die Bevölkerung Deutschlands schließlich.)

Dieser Trend bleibt natürlich nicht ohne Folgen. Doch welche sind es konkret?

Gentrifizierung: Reiche rein, Arme raus

Zum einen kommt es in den Städten teilweise zu einem drastischen Anstieg der Mieten und wachsendem Wohnungsmangel, besonders in bestimmten Stadtvierteln. Das bekommen vor allem Menschen mit wenig Geld oder einem hohen Bedarf an Wohnraum zu spüren. In vielen Großstädten hat ein starker Kampf um freie Wohnungen begonnen. Gewinner ist oftmals, wer am meisten zahlen kann und dabei am ehesten dem Idealbild des idealen Mieters entspricht, also am besten mittleren Alters, deutsch, kinderlos, berufstätig, ohne Haustiere ist. Wenn immer mehr ärmere Menschen aus ihren angestammten Stadtvierteln durch wohlhabendere Menschen verdrängt werden, spricht man von Gentrifizierung.

Eine wichtige Aufgabe der Kommunen ist es, die soziale Mischung eines Stadtviertels im Auge zu behalten. Wohnen vorwiegend ärmere Menschen in einer bestimmten Gegend, ist sie häufig gekennzeichnet durch eine Atmosphäre von Armut und Arbeitslosigkeit, von mangelnder Aufenthaltsqualität und einem fehlenden oder einseitigen Angebot an Gastronomie, Geschäften und Dienstleistungen. Insofern ist es durchaus wünschenswert, dass Stadtviertel, in denen eher die ärmeren Bevölkerungsschichten zu Hause sind, auch für Menschen mit durchschnittlichem oder höherem Einkommen attraktiv ist, nur sollte darauf geachtet werden, dass diese die vorhandene Bevölkerung nicht in großem Stil verdrängen. Diese Balance zu meistern, ist eine äußerst schwierige kommunale Aufgabe, bei der viel Fingerspitzengefühl gefragt ist.

Suburbanisierung am Stadtrand, Leerstand in der City

Ein weiteres Problem ist die zunehmende Zersiedelung der Landschaft. Dadurch, dass sich die Städte ausdehnen, wird immer mehr Fläche bebaut – mit allen ökologischen und landschaftlichen Problemen, die das mit sich bringt. Dies gilt vor allem für die Vorstädte, die sogenannten Speckgürtel (Stichwort: Suburbanisierung). Ziehen Menschen vom Land dorthin, wird Raum oftmals quasi doppelt verbraucht: Während die alte Wohnung leersteht, wird am Stadtrand eine neue gebaut.

Doch häufig ziehen auch Menschen aus der Innenstadt an den Stadtrand (oft sind es junge Leute mit Kindern), um dort zu bauen. So passiert es schnell, dass eine Stadt zwar flächenmäßig wächst, aber in der Innenstadt zunehmend Leerstand herrscht. Deshalb haben sich viele Kommunen inzwischen das Ziel „Innen- vor Außenentwicklung“ gesetzt (gerade diejenigen, die bereits schrumpfen oder dies zukünftig tun werden). Dabei ist es wichtig, darauf zu achten, dass das Angebot an Flächen und Immobilien auch den Wünschen junger Familien entspricht.

Das Landleben wird häufig mit Natur in Verbindung gebracht, doch ökologisch betrachtet ist ein Leben in der Innenstadt besser, da hier auf engerem Raum mehr Menschen wohnen und somit weniger Fläche verbrauchen. Außerdem teilen sich mehr Personen den öffentlichen Raum. Durch die kürzeren Wege und den besser ausgebauten ÖPNV können viele Wege ohne Auto zurückgelegt werden. Dafür werden die Menschen dort häufig mit Feinstaubbelastung und Lärm konfrontiert.

Vorteile der Urbanisierung

Ziehen mehr Menschen in die Stadt, kann auch ein höherer Anteil der Bevölkerung von der dort bereitgestellten Infrastruktur profitieren. Dies gilt für Menschen aller Altersgruppen, doch gerade für ältere Menschen, die keine weiten Wege mehr zurücklegen können, ist ein Leben in der Stadt oft einfacher. Trotz eingeschränkter Mobilität können sie weiterhin die meisten Alltagsziele gut erreichen, während auf dem Land häufig ein Auto notwendig ist. Hinzu kommt das größere Dienstleistungsangebot in der Stadt, das es älteren Menschen länger möglich machen kann, durch ambulante Hilfen in der eigenen Wohnung zu bleiben. Doch gleichzeitig gibt es auf dem Land häufig enger gewebte soziale Netze, die in der anonymen Stadt durchaus löchriger sein können.

Und die Landbewohner?

Doch was ist mit denen, die auf dem Land zurückbleiben? Während die Infrastruktur in der Stadt immer weiter ausgebaut wird, wird sie auf dem Land gedrosselt, da sie von immer weniger Menschen aufrechterhalten werden muss. Auch hier sind wieder Kommunen und Bürger gemeinsam gefragt, nach guten Lösungen für eine schrumpfende Bevölkerung zu suchen und das Leben auf dem Land auch unter den sich ändernden Bedingungen attraktiv zu halten.

Und wer weiß: Vielleicht kommt bald schon wieder eine „Zurück zur Natur“-Welle und das Land wird in großem Stil als Lebensraum wiederentdeckt.

Doch ob schrumpfend oder wachsend: In unserem Wegweiser Kommune finden Sie zahlreiche Good-Practice-Beispiele, die zeigen, welche Möglichkeiten es gibt, mit dem Wandel umzugehen. Kennen Sie weitere? Wir freuen uns über Ihre Anregungen – schreiben Sie uns.

Foto: Valeska Achenbach

 

 

Über den Autor

Praktikantin im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung Sie hat eine Ausbildung zur Industriekauffrau abgeschlossen und an der Universität Bielefeld einen Master of Arts in Soziologie erworben. Im Studium hat...

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