Das Bild zeigt Legofiguren auf einer Metaplanwand mit dem Wort "Bürgerbeteiligung". Damit sollen die Spielfiguren diese Beteiligung versinnbildlichen.
Bürger sind die größten Kritiker

Der demographische Wandel bewegt Kommunen. Zunehmend viele Kommunalpolitiker und Bürgermeister entwickeln gemeinsam mit der Bürgerschaft Konzepte und Leitbilder, um auch zukünftig handlungsfähig zu bleiben. Als Leiter des Projekts „Kommunen gestalten den demografischen Wandel“ bin ich häufiger in solche Prozesse auch vor Ort eingebunden.  Am Wochenende habe ich der Lippischen Landeszeitung dazu ein kurzes Interview gegeben. Im Zentrum stand die zukünftige Entwicklung der Stadt Lage, die im Lippischen/NRW gelegen ist und durch die Bertelsmann Stiftung bei der Konzeptentwicklung über ein halbes Jahr begleitet wurde. Auch wenn es hier um eine konkrete Stadt ging: Im Grunde geht es immer wieder um die Frage nach Stärken und Schwächen von Kommunen, was daraus abzuleiten ist für die Zukunft – und eben das besondere Image, das jede Stadt im Hinblick auf eine Perspektive für sich herausarbeiten möchte, um auch Attraktivität nach außen zu präsentieren.

Größte Kritiker 

Dazu ein wichtiger Aspekt: Die Bürger einer Stadt sind naturgemäß immer ihre größten Kritiker. Viele sehen ihre Stadt dabei oft eher negativ – diese Innensicht ist für Außenstehende manchmal gar nicht nachvollziehbar. Das war auch eine Erfahrung in Lage: Viele Lagenser brachten sich ein, engagierten sich, hatten aber einen eher negativen Blick auf ihre Stadt. Und diese Sicht kam dann auch in den thematischen Workshops, die vor Ort durchgeführt wurden, immer wieder zu Tage. Aus meiner Sicht ist die Kritik der Bürgerinnern und Bürger an ihrer Stadt oft überzogen. Das merke ich immer, wenn ich das erste Mal in eine Stadt komme und ein – erstmal unbeeinflusstes – Bild von dieser Stadt bekomme. Auch Redakteur Patrick Bockwinkel hatte mich als erstes nach meinem Eindruck über die Stadt Lage gefragt. Und es stimmt: Manchmal sieht man als Bürgerin oder Bürger einfach die positiven Dinge bzw. den Wald vor lauter Bäumen nicht oder nicht mehr. Und dabei sind die Bürger einer Stadt das Pfund, mit dem man wuchern könnte: sie sind nämlich wichtige Multiplikatoren und Meinungsbildner ihrer Stadt. Sie transportieren die Schwächen der Stadt, aber eben vor allem auch ihre Stärken nach innen und nach außen. Gerade sie sind damit ein wichtiger Beitrag zu einem positiven Image, dass sich alle für ihre Stadt wünschen.

In Lage musste ich bei meinem ersten Besuch wegen einer großen Baustelle einen Umweg durch die Peripherie zur Ratssitzung im Schulzentrum fahren. Dabei ist mir die schöne Gegend und die Natur ins Auge gefallen, ich fand Lage sehr schön gelegen und in seinen Ortsteilen attraktiv zum Wohnen. Einige Wochen später war ich freitags erstmals im Rathaus in der Innenstadt. Der lebendige Wochenmarkt mit vielen Händlern und vielen Menschen hat mir sehr gut gefallen. Ein großes Potenzial in der Stadt und ein Ort, wo die Menschen augenscheinlich gerne hinkommen, einkaufen, sich austauschen, vielleicht sogar Pläne machen. Ich habe dort gleich etwas fürs Abendessen eingekauft und meine ersten Eindrücke von der Stadt waren positiv.

Stärken und Schwächen

Wenn ich nun nach Stärken und Schwächen gefragt werde, kann ich dazu immer konkrete Beispiele nennen. Dazu reicht oft schon ein erster Rundgang durch eine Kommune, um ein erstes Bild zu bekommen. Vielleicht sollten Kommunen häufiger mal jemanden einladen, der die Stadt nicht kennt – und von diesen externen Eindrücken lernen, die eigene Stadt mit neuen Augen zu sehen – die Schönheiten (wieder) zu erkennen, vielleicht auch ins Auge fallende Schwächen zu kennzeichnen. Das alles ersetzt natürlich nicht die ebenfalls wichtige Analyse von Daten, Trends und Entwicklungen – denn nur so entstehen Konzepte für die Zukunft. Aber auch das beschriebene Bauchgefühl, der äußere Eindruck, kann und muss – wie immer im Leben – ein wichtige Rolle spielen.

Interessant ist auch die immer wieder gestellte Frage danach, welche Vorzüge oder Stärken eine Stadt im Vergleich zu anderen Städten hat. Es ist der Unterschied, die Alleinstellung, nach der die meisten Städte und Gemeinden Ausschau halten. Oft liegen diese Stärkenicht im Auge der eigenen Bürger, oder sie sind einfach im Laufe der Zeit aus dem Blick geraten. Und oft gibt esauch nicht das eine Merkmal, sondern die Summe des Ganzen macht es.

Image und Zentrum 

In den thematischen Workshops ging es daher oft um das Image einer Stadt. Im Fokus steht dabei fast immer das  Zentrum, der Kern als Aushängeschild einer Kommune. Wer sich hier wohlfühlt, hat ein grundlegend positives Bild, das auch auf andere Bereiche der Stadt übertragen wird. Das Image einer Kommune steht und fällt mit der Entwicklung der Kernstadt. Für sie ist das Bild von einer belebten City, in der generationenübergreifendes Leben möglich ist, sehr wichtig. Identitätsstiftend für die Bewohner einer Stadt sind aber auch die vielen Ortsteile mit ihrem ganz unterschiedlichen Charakter.

In Lage haben sich Politiker, Verwaltungsmitarbeiter, Unternehmer und Bürgerim Rahmen von Demografie-Workshops mit Lages Stärken und Schwächen beschäftigt. In Arbeitsgruppen wurde ein Konzept mit vielen Handlungsempfehlungen für die Zukunft der Stadt erarbeitet und in der Politik mit breiter Mehrheit beschlossenHier kann man einen Blick in dieses Konzept werfen.

Wer das Interview mit der Lippischen Landeszeitung ganz lesen möchte, findet dies hier.

Foto: Anke Knopp

 

Über den Autor

Senior Projekt Manager im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung. Er leitet das Projekt Wegweiser Kommune und beschäftigt sich mit Themen rund um den demografischen Wandel. Seine Schwerpunkte sind Alterung,...

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