„Wir werden weniger, älter und bunter“ – so wird der demographische Wandel oft zusammengefasst. Und in der Zusammenfassung stimmt der Trend auch nach wie vor, wenn auch nur als Trend. Unsere letzte Veröffentlichung zur Bevölkerungsentwicklung bis 2030 zeigt deutlich: Genaues Hinschauen lohnt sich, denn die Entwicklungen sind sehr unterschiedlich in Ost und West, aber vor allem auch in den Städten und auf dem Land. Das betrifft nicht nur wachsende oder schrumpfende Einwohnerzahlen, sondern vor allem auch die zunehmende Alterung der Bevölkerung.

 

Glückwunsch zum 100. Geburtstag

Woran erkennt man eigentlich, dass unsere Gesellschaft als Ganzes altert? Es gibt verschiedene Indikatoren, mit denen die zunehmende Alterung abgebildet werden kann. Zunächst einmal steigt die Lebenserwartung kontinuierlich an: Im Jahr 2012 lag sie für Frauen bei 83,1 Jahren und für Männer bei 78,4 Jahren. Und alles deutet darauf hin, dass die Lebenserwartung weiterhin steigen wird. So gehen wir bei unserer Vorausberechnung davon aus, dass sie bis 2030 bei den Frauen um etwa 2,5 und bei den Männern um etwa 3 Jahre zunehmen wird. Noch gibt es deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern: Über 5.700 Glückwunschschreiben zum Altersjubiläum (100., 105. und alle weiteren Geburtstage) wurden im letzten Jahr vom Bundespräsidenten an Frauen versandt, nur etwa 900 Glückwünsche an Männer.

Ein weiterer Messwert ist das sogenannte Medianalter, das die Bevölkerung in zwei Hälften teilt: Die Hälfte der Menschen in Deutschland wird 2030 voraussichtlich etwas älter als 48 Jahre sein, 2012 lag dieser Wert noch bei 45,3 Jahren. Aber bei Durchschnittswerten gilt es vorsichtig zu sein – wie sich auch hier zeigt. Auf der Gemeindeebene wird die Spanne zwischen der „jüngsten“ und „ältesten“ Kommune 2030 (siehe Karte oben) voraussichtlich von 41 bis 63 Jahren reichen – mit gravierenden Folgen für das Zusammenleben. Beispielsweise stellt sich die Frage, wer welche Unterstützungsangebote benötigt und wer sie zu welchen Bedingungen erbringen kann?

 

Jeder möchte gerne alt werden…

… ob alt sein auf angenehme Weise gelingt, hängt von vielen, ganz unterschiedlichen Faktoren ab. Die Gesundheit spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle, aber sicher auch Lebensumstände in Bezug auf verschiedene Facetten des Zusammenlebens. Der Blick auf die Zunahme der Hochbetagten (das sind in unserer Statistik die über 80-Jährigen) zeigt, welche Herausforderungen heute und erst recht in den nächsten Jahren zu bewältigen sein werden.

Nicht jeder über 80-Jährige wird automatisch pflegebedürftig sein, aber die Wahrscheinlichkeit in dieser Altersgruppe ist hoch. Zudem hat sich im Vergleich zu früheren Generationen das Familienleben verändert: Viele ältere Menschen leben allein und nicht in der Nähe ihrer Kinder oder anderer Familienmitglieder. Viele möchten dennoch so lange wie möglich selbstbestimmt im eigenen Heim leben und benötigen dazu vielfältige Unterstützung – das wird uns im Alter vermutlich ebenso gehen. In den nächsten 15 Jahren wird die Altersgruppe 80plus bundesweit um mehr als 47 Prozent zunehmen. Das entspricht dann etwa 6,3 Millionen Menschen – und damit deutlich mehr, als heute in Berlin und Brandenburg zusammen leben.

Auch hier zeigen sich regional sehr unterschiedliche Entwicklungen. Insbesondere in den ländlichen, strukturschwachen Regionen wird es zunehmend schwerer, eine angemessene Versorgung aufrecht zu erhalten. Schon heute findet ein Umdenken statt: Mobile Dienste wie rollende Supermärkte oder Telemedizin werden erprobt und ermöglichen Unterstützung dort, wo bisherige Angebote nicht zuletzt auf Grund rückläufiger Einwohnerzahlen nicht aufrecht zu erhalten sind und wegbrechen.

 

One fits all?

Klar ist aber auch, dass noch viel zu tun ist, um insbesondere in den alternden, schrumpfenden Regionen eine angemessene Infrastruktur aufrecht zu erhalten. Eine Lösung für alle gibt es erfahrungsgemäß leider nicht, vielmehr sind individuelle Strategien und Prioritätensetzungen gefragt – orientiert an den regionalen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Gegebenheiten und demografischen Entwicklungen. Wo, und vor allem wie wir im Alter leben werden, hängt von vielen Bedingungen ab: Flexible Mobilitätsangebote, eine angemessene und erreichbare Gesundheitsversorgung sowie schnelles Internet als Basis gehören in jedem Fall dazu. Eine gute Portion Realismus aber auch: Nicht alles ist überall möglich und sichert die Zukunft.

Kennen Sie gute, innovative Projekte zur Gestaltung des demografischen Wandels? Wir freuen uns über weitere Beispiele, die anderen Kommunen als Anregung dienen können, aktiv zu werden. (Demographie konkret im Wegweiser Kommune)

Über den Autor

Senior Project Manager im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung. Petra Klug hat Germanistik, Soziologie, Berufs- und Wirtschaftspädagogik sowie Nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit studiert. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte sind: Demografischer Wandel und Digitalisierung, Smart...

2 Kommentare

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  • Mariola Endres

    21.07.2015
    # 01

    Ihrer Problem-Beschreibung zum demographischen Wandel in unserem Land kann ich nur zustimmen. Um den Problemen – besonders in den ländlichen Regionen, aber auch grundsätzlich bei der häuslichen Pflege – erfolgreich entgegen zu wirken, ist ein Umdenken nötig. Beruflich in diesem Thema integriert, kenne ich die Schwierigkeiten und will mit unserer Service-Plattform http://www.vitalassist.de einen Beitrag zur Gestaltung des demographischen Wandels leisten.

    • Petra Klug

      21.07.2015 Petra Klug

      Viele Akteure haben sich – wie Sie – des Themas bereits angenommen und viele weitere gute Ideen und Projekte sind gefragt. Die Situation von Menschen, die Pflege benötigen, ist dabei ebenso wichtig wie die Situation pflegender Fachkräfte und Familienangehöriger. Die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ muss aus unserer Sicht zunehmend um die Facette „Vereinbarkeit von Pflege und Beruf“ erweitert werden. Hier sind neben den Kommunen zunehmend auch Unternehmen in ihrer Rolle als Arbeitgeber gefragt.

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