Schüler helfen Senioren beim Umgang mit dem Computer

Demographie wirkt sich aus!

Die Abstimmung zum nun anstehenden Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union verleiht einem Aspekt des demographischen Wandels gerade eine neue Aktualität und Brisanz:  Ausschlaggebend für das Ergebnis waren  nämlich ganz eindeutig Wählerinnen und Wähler, die über 50 Jahre alt waren. In der Gruppe der über 64 Jährigen stimmten sogar über 60 Prozent dafür, die EU zu verlassen, wohingegen sich in der Altersgruppe der 18 bis 24 jährigen 75 Prozent für einen Verbleib in der EU aussprachen. Wenn nur die unter 50-Jährigen abgestimmt hätten, würde Großbritannien klar in der EU bleiben. Und dabei verläuft der demographische Wandel in Großbritannien deutlich langsamer als in Deutschland und das Land verzeichnet seit Jahren eine der höchsten Geburtenraten in Europa!

Jüngere haben nichts mehr zu sagen!?

Hier bei uns sorgen  dagegen die über Jahrzehnte niedrigen Geburtenraten dafür, dass bereits heute rund 20 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen 65 Jahre oder älter sind und in den kommenden Jahrzehnten wird sich dieser Anteil, trotz der aktuell hohen Zuwanderungszahlen, weiter vergrößern. Setzt man diese Zahlen ins Verhältnis mit der Gruppe der 18 bis 25 jährigen, kommt man aktuell auf ein Verhältnis von knapp 3:1. Daran zeigt sich sehr anschaulich die Verschiebung der Altersgruppen durch den demographischen Wandel. Im Jahr 1970 lag dieses Verhältnis noch bei 1,5: 1. So sorgt die demographische Entwicklung hin zu mehr alten und weniger jungen Einwohnern dafür, dass die Bedeutung jüngerer Altersgruppen mit ihren Meinungen und Ansichten für Wahlerfolge zurückgeht: was durch die ohnehin niedrige Wahlbeteiligung jünger Wähler nochmals verstärkt wird und umgekehrt.

Unterschiedliche Lebensphasen – unterschiedliche Bedürfnisse

Damit, dass Jung und Alt häufig unterschiedliche Ansichten vertreten, erzähle ich Ihnen sicher nichts Neues. In unserem Leben durchlaufen wir schließlich ganz unterschiedliche Lebensphasen mit spezifischen Interessen und Bedürfnissen und folglich setzen wir im Laufe unseres Lebens auch ganz unterschiedliche Prioritäten. Jüngere wählen bei Wahlen stärker pragmatisch und abhängig von ihrer aktuellen Lebenssituation, wobei  Kinder bzw. die Elternrolle die eigenen Einstellungen und politischen Ansichten häufig nochmals fundamental beeinflussen.  Ältere sind dagegen häufig fester einer bestimmten politischen Weltanschauung verhaftet und stellen diese auch über ihre gegenwärtigen individuellen Bedürfnisse. Unterschiedliche politische, soziale und wirtschaftliche Entwicklungen, die ja die Rahmenbedingungen für die eigene Lebensgestaltung bilden, prägen zudem ganze Altersgruppen nachhaltig in ihren Einstellungen, Werten und auch  in ihrer politischen Meinung.

Kommunalwahlen und Demographie

Dies betrifft nicht nur das Wahlverhalten auf der Bundesebene sondern ganz elementar auch die Kommunen. Bei Kommunalwahlen liegt die Wahlbeteiligung regelmäßig deutlich unter der von Bundes- oder Landtagswahlen und ihnen wird von den Wählerinnen und Wählern oft nur eine geringe Bedeutung zugeschrieben. Gleichzeitig lässt sich immer wieder feststellen, dass das Interesse an der Kommunalpolitik mit dem Alter zunimmt, da ältere, nicht mehr im Berufsleben Stehende, häufig stärker in ihrer Region und ihrer Gemeinde verhaftet sind, sich dort auch stärker als viele jüngere engagieren. Der unterschiedliche Einfluss von Jung und Alt auf die Entscheidungsfindung ist somit in der Kommunalpolitik oft noch ausgeprägter als auf Bundes oder Landesebene. Dabei fällt die demographische Entwicklung in den einzelnen Gemeinden sehr unterschiedlich aus und Wachstum und Schrumpfung liegen oft dicht beieinander. So sind viele Gemeinden, insbesondere in ländlichen Räumen, von einer starken Abwanderung jüngerer Einwohner in attraktivere Standorte betroffen, mit all ihrer negativen Folge für die regionale Wirtschaft und die öffentlichen Einnahmen. Entsprechend  ist man hier oft sehr bemüht, die Gemeinde für jüngere Einwohner attraktiv zu halten.

Digitales bringt neue Möglichkeiten

Die Möglichkeiten der fortschreitenden Digitalisierung bieten große Potentiale um die Auswirkungen des demographischen Wandels auf ländliche Regionen etwas abzufedern und Angebote der Daseinsvorsorge aufrecht zu erhalten.

  • Beispielsweise kann digital der genaue Bedarf für den ÖPNV ermittelt und dieser dann auf entsprechende Angebote beschränkt werden um Leerfahrten zu vermeiden;
  • Ärzte können aus der Ferne über Livestream und von Sensoren gemessene Vitaldaten, konsultiert werden und
  • Kulturangebote wie Bibliotheken, die leider oft als erste dem Sparzwang zum Opfer gefallen sind, können per Internet und Ebook auch entlegensten Räumen ermöglicht werden.

Auch werden bereits zusehends Möglichkeiten genutzt, um die Arbeit von Verwaltungen und Behörden für die Bürger transparenter machen und die digitale Erreichbarkeit der Rathäuser und öffentlichen Verwaltungen nimmt zu.  Hier sehe ich die größten Potentiale, um wieder eine stärkere Teilhabe jüngerer Mitbürger zu erreichen und ihren Anregungen, Wünschen und Meinungen mehr Gehör zu verschaffen.

 

Über den Autor

Projekt Manager im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung. Jan Knipperts studierte Politikwissenschaften mit den Nebenfächern Soziologie und Rechtswissenschaften an der Universität Osnabrück. Nach seinem Studium war er mehrere Jahre...

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