Achenbach Demographie

Von Petra Klug

Verwahrloste Häuser, Straßen, Stadtteile – die neue Bundesbauministerin Barbara Hendricks tritt gerade eine Diskussion über den Wohnungsabriss in Problemvierteln los. Stammtischparolen vom „Arbeiterstrich“ werden laut. Echte Lösungen dagegen fehlen.

Städte und Stadtteile verändern ihr Gesicht, so wie sich die Zusammensetzung ihrer Bevölkerung verändert. Zwar vollziehen sich diese Veränderungen meist schleichend, überraschend sind sie dennoch nicht. Bekannt ist seit langem, dass die Bevölkerung altert, dass die Einwohnerzahl rückläufig ist und dass in vielen Städten immer mehr Menschen einen Migrationshintergrund haben.

Lebensräume gestalten, um Gemeinschaft zu fördern

Leipzig
Bertelsmann Stiftung/Veit Mette

Nicht alle Menschen können sich ihren Wohnort aussuchen

In vielen Kommunen gibt es Stadtteile, in denen verschiedene Probleme aufeinander treffen: Hier lebt häufig ein hoher Anteil von Menschen, die schlecht ausgebildet sind, von Transferleistungen abhängig sind, keinen deutschen Pass haben. Zudem verfallen die Gebäude, Geschäfte und Arztpraxen brechen weg. Derartige Problemlagen durch Abriss lösen zu wollen, wäre mehr als naiv.

Vielmehr muss es um die Gestaltung von Kommunen und Quartieren als Lebensumfeld gehen. Helfen können dabei Erkenntnisse der Stadtforschung zur demografischen, sozialen und ethnischen Segregation. Alte und junge, reiche und arme Menschen, Zugewanderte und Einheimische leben segregiert, getrennt voneinander in völlig unterschiedlichen Stadtteilen. Einige können sich ihren Wohn- und Lebensort bewusst auswählen, andere können dies nicht.

Wer geht mit gutem Beispiel voran?

 

Bertelsmann Stiftung/Veit Mette

Sanierung und Verfall bestehen oft direkt nebeneinander

Was dies für Menschen der letztgenannten Gruppe bedeutet, lässt sich nur ungenügend über Daten vermitteln. Für kommunal Verantwortliche bieten Daten dennoch eine fundierte Basis, Strategien abzuleiten und in Handlung umzusetzen. Eine solche Datengrundlage steht beispielsweise im Internet seit vielen Jahren öffentlich zur Verfügung. Hier sind zur Integration und sozialen Lage weit über 300 Indikatoren in Zeitreihen abrufbar, die durch kommunenspezifische Demografie-Berichte und gute Beispiele aus der Praxis ergänzt werden.

Sicher kann es sinnvoll sein, im Rahmen von integrierten Stadtentwicklungskonzepten leer stehende Gebäude abzureißen – wie es beispielsweise in Illingen geschehen ist. Hier hat Bevölkerungsrückgang zu Leerständen geführt, nicht mehr genutzte Gebäude verfielen und wirkten sich negativ auf das gesamte Stadtbild aus.

Problemviertel entstehen nicht über Nacht

Bertelsmann Stiftung/Veit Mette
Bertelsmann Stiftung/Veit Mette

Quartiere verändern sich – wie die Menschen, die dort leben und arbeiten

Marode Bausubstanz abzureißen oder durch hochpreisige Sanierung zu ersetzen, löst die aktuellen Probleme in Städten wie Duisburg oder Hamburg aber sicher nicht. Vielmehr ist das Zusammenspiel aller Akteure gefragt, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in den Stadtquartieren zu entwickeln und zu stärken. Im „Nationaler Aktionsplan Integration“ beispielsweise, der gesellschaftlich breit entwickelt wurde, wird „Integration als konkretes Handlungsfeld der Stadtentwicklungspolitik“ gegen soziale und ethnische Ausgrenzung beschrieben. Das ist sicher einfacher gesagt, als getan.

Viele Ansätze zeigen jedoch, wie Stadtentwicklung gelingen kann – auch und gerade in Städten mit komplexen, finanziell und sozial schwierigen Ausgangslagen. Der Aktionsplan „Soziale Stadt Dortmund“ ist so ein gutes Beispiel. Grundlage ist ein beteiligungsorientierter Prozess, bei dem die Bekämpfung von Kinderarmut und die Verbesserung der sozialen Lage in benachteiligten Stadtteilen im Mittelpunkt der Diskussionen stehen. Die Analyse vor Ort hat dabei deutlich gemacht: Es geht um Bildung und Erziehung, um Arbeitsplätze und Ausbildung und vor allem um die Entwicklung von Nachbarschaften und Struktur von Quartieren. Also um viel mehr als um einmaligen Abriss

Über den Autor

Senior Project Manager im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung. Petra Klug hat Germanistik, Soziologie, Berufs- und Wirtschaftspädagogik sowie Nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit studiert. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte sind: Demografischer Wandel und Digitalisierung, Smart...

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