Pflegenotstand – Vom negativen zum positiven Pflegeszenario

Pflege und Pflegenotstand werden nicht nur bundesweit sondern auch in Kommunen zunehmend in den Fokus sozialpolitischer Aktivitäten genommen. Kürzlich hatte ich Gelegenheit in einem Landkreis an einem „Pflegetisch“ teilzunehmen und dort ein datenbasiertes Pflegeszenario zu skizzieren.

Der „Pflegetisch“ dieses Landkreises besteht aus qualifizierten und motivierten Akteurinnen und Akteuren, die zu einem großen Teil aus den im Kreis ansässigen Pflegeeinrichtungen  resultieren.

Bei der Datenrecherche zeigte unser Wegweiser mit seinen hilfreichen Kennziffern für den Landkreis eine Vielzahl überdurchschnittlicher Herausforderungen auf:

  • negative Bevölkerungsprognose
  • schon jetzt hohes Durchschnittsalter und daraus resultierendes größeres Pflegerisiko
  • hohe Abwanderung junger Menschen und niedrige Zuwanderung
  • deutlich mehr Sterbefälle als Geburten aufgrund des hohen Durchschnittsalters
  • hoher, stark steigender Anteil von Einpersonenhaushalten und dadurch geringeres Hilfepotenzial
  • niedriger, stark sinkender Anteil von Haushalten mit Kindern
  • deutlich steigende Erwerbsquoten von Frauen und 55- bis 64-Jährigen, was ebenfalls das Hilfepotenzial reduzieren kann
  • relativ niedriger Anteil von Pflegegeldempfängern, was ebenfalls ein Indikator für ein bereits reduziertes Hilfepotenzial sein kann
  • hohe und deutlich zunehmende Altersarmut in einigen Ortschaften, was das Pflegerisiko erhöhen kann, denn wer arm ist, hat auch ein größeres Krankheitsrisiko

Verglichen mit dem Bundesland dieses Landkreises zeigen nahezu alle Parameter deutlich größere Herausforderungen. In der Diskussion wurde deutlich, dass es bereits eine Reihe unbesetzter Stellen im Pflegebereich und temporäre Belegungsstopps bei Pflegeeinrichtungen gibt.  Passend dazu zeigt sich der regionale Bedarf an Pflegekräften am Ortseingang durch ein großes Werbeplakat zur Akquisition von Pflegekräften.

Aus den Daten des Wegweisers konnte folgendes negative Zukunftsszenario mit deutlich spürbarem Pflegenotstand formuliert werden:

  • Weniger junge Menschen
  • Deutlich mehr Hochaltrige und Pflegebedürftige
  • Weniger Pflegekräfte, weil immer mehr Branchen um immer weniger junge Menschen werben
  • Pflegebedürftige werden nicht zuhause gepflegt, sondern in großen Massenbetrieben (auch von Robotern)
  • Das positive Verhältnis der Generationen verschlechtert sich, weil Jüngere immer mehr Belastungen ausgesetzt sind und reduziert die Hilfebereitschaft
  • Mehr verschämte Armut, Einsamkeit, Sucht im Alter führen zu mehr Krankheit und Pflegebedarf. Verstorbene werden oft erst nach Monaten aufgefunden
  • Gewalt und Vernachlässigung in der Pflege nehmen zu und werden selten entdeckt

Ein solches datenbasiertes Negativszenario soll Menschen für ein Thema sensibilisieren und ein dazu passendes Positivszenario mit zielführenden Maßnahmen soll die beteiligten Akteure motivieren. Der „Pflegetisch“ dieses Landkreises hat in einem früheren Workshop folgende Ziele definiert und Maßnahmen gestartet, um einen möglichen Pflegenotstand zu verhindern:

  1. Fachkräftemangel mindern
  2. Altersgerechte Quartiersentwicklung in den Gemeinden fördern
  3. Begeisterung für den Pflegeberuf wecken

Diese Ziele sind aus externer Sicht passgenau für die großen Herausforderungen des Landkreises. Sie sollten aber laufend angepasst werden und im Rahmen der Quartiersentwicklung sollten andere seniorenpolitische Themen bearbeitet werden. Die hohe Qualifikation und Motivation der Teilnehmenden und Verantwortlichen und die bereits gestarteten Maßnahmen lassen aber vermuten, dass sich nachhaltige Wirkungen einstellen und dementsprechend ausgeprägt ist der Optimismus des „Pflegetisches“, ein Negativszenario zu verhindern.

 



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