Pflege kommunal gestalten: Versorgungssicherheit und soziale Teilhabe verbinden

Wer kümmert sich um mich, wenn ich alt bin und Hilfe brauche? Diese Frage treibt alle Menschen früher oder später um – und sie ist drängender geworden. Denn wir leben in einer alternden Gesellschaft: Die demografische Entwicklung setzt das Pflegesystem zunehmend unter Druck. Zudem sinkt das Familienpflegepotenzial – demografisch bedingt, aber auch aufgrund sich wandelnder Familienverhältnisse. Daher braucht es für die Zukunft der Pflege neue Konzepte. Kommunen könnten dabei eine Schlüsselrolle spielen.

 

Es ist Zeit, neue Wege in der Pflege zu gehen: mit sozialen Innovationen

Anhand von Beispielen aus der Praxis zeigt eine aktuelle Studie unserer Kolleginnen die Chancen sozialer Innovationen für die ambulante Langzeitpflege auf. Mit „sozialen Innovationen“ sind neuartige Praktiken gemeint, die darauf zielen, die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen aber auch der Pflegenden besser zu befriedigen. Von besonderer Bedeutung sind dabei Handlungsansätze, die auf eine stärkere Verzahnung von pflegerischer Versorgung, nachbarschaftlicher Fürsorge und sozialem Zusammenleben im Quartier abzielen.

In den Niederlanden hat ein solches Modell die Pflege geradezu revolutioniert: Beim Pflegedienst Buurtzorg arbeiten Pflegekräfte in selbstorganisierten kleinen Pflegeteams und sind jeweils in bestimmten Nachbarschaften und Stadtvierteln im Einsatz. Der Name ist dabei Programm: Buurtzorg bedeutet übersetzt „Nachbarschaftspflege“. Zentral für das Konzept ist die aktive Ansprache und Einbeziehung des unmittelbaren Umfelds in die Unterstützung von hilfs- und pflegebedürftigen Menschen. So entsteht im Zusammenspiel von Pflegedienst und Nachbarschaft ein nachhaltiges Netzwerk, das pflegerische Versorgung mit sozialer Einbindung verknüpft.

 

Innovative Pflegedienste starten durch: von Münster bis München

Die Erfolge von Buurtzorg haben sich über die deutsche Grenze hinweg herumgesprochen: Inzwischen ist Buurtzorg auch im benachbarten Münsterland aktiv. Unweit von dort, nämlich in Ostwestfalen, findet sich mit dem Bielefelder Modell ebenfalls ein Quartiersansatz, der in Deutschland als Vorreiter für sozialinnovative Pflegemodelle gilt. Auch das Bielefelder Modell findet andernorts Nachahmer, wie etwa das Kooperationsprojekt „Wiesbadener Modell – Quartier Eigenheim/Komponistenviertel“ zeigt.

Die Grundidee dieser Modelle besteht darin, die pflegerische Versorgung in das gewohnte Alltagsleben der Menschen zu integrieren. Sie ermöglichen es pflegebedürftigen Menschen, in ihrem gewohnten sozialen Umfeld zu verbleiben, idealerweise auch weiter zu Hause zu wohnen und dabei gleichzeitig volle Versorgungssicherheit zu haben. Realisiert wird dies zum Beispiel durch die Einrichtung kombinierter Quartiers- und Pflegebüros, oft auch mit Nachtdienst. Diese dienen als Stützpunkt für die Pflegekräfte im Viertel, als Anlaufstelle für Hilfe oder Beratung suchende Menschen aus der Nachbarschaft und gegebenenfalls – etwa mit angegliedertem Café oder Bistro – auch als sozialer Treffpunkt.

Dass neue Technologien solche Quartiersmodelle in der Pflege sehr gut unterstützen können, zeigt der Münchner Verein deinNachbar. Dieser hat es mittels einer eigens entwickelten „Helfer-App“ geschafft, das Zusammenspiel von Pflegekräften und ehrenamtlichen „Alltagsbegleiter:innen“ effektiv zu koordinieren und so ein großes Versorgungsnetzwerk aufzubauen, das professionelle pflegerische Versorgung mit sozialer Fürsorge vor Ort verbindet.

 

Pflege im Quartier gestalten: Kommunen können eine Schlüsselrolle spielen

Eine aktivere Rolle von Kommunen könnte solchen Quartiersansätzen in der Pflege in der Breite zum Durchbruch verhelfen. Eine stärker gestaltende Rolle der Kommunen liegt im Rahmen der kommunalen Daseinsvorsorge sowie der Altenhilfe als freiwilliger kommunaler Aufgabe durchaus nahe. Bei den Kommunen laufen viele Fäden zusammen, die für ein sozialraumorientiertes Pflegesetting  von Bedeutung sind: von der gesundheitlichen Versorgungsinfrastruktur vor Ort  über das Angebot von Wohnraum über Antrags- und Beratungsprozesse für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen bis hin zu lokalen Angeboten zur Freizeitgestaltung und Gesundheitsförderung.

Angesichts des demografischen Wandels gewinnt das Thema Alter und Pflege für Kommunen immer mehr an Bedeutung. Um den demografischen Wandel vor Ort zu gestalten und innovative Pflegesettings durch die dafür notwendige Planung und Koordinierung zu fördern, brauchen Kommunen personelle Ressourcen und finanzielle Mittel. Dafür könnten den Kommunen entsprechend der Anzahl und Einstufung ihrer pflegebedürftigen Bürger:innen Mittel aus der Pflegeversicherung zugewiesen werden. Dies ist die Kernidee eines Konzepts, das die Bertelsmann Stiftung entwickelt hat, um das Prinzip der Pflegeversicherung mit der kommunalen Gestaltungsverantwortung zu verbinden: das Regionale Pflegebudget.

 

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