Schützende Hände über und unter älteren Menschen

Gewalt in der Pflege

Pflegemissstände verletzten Grundrechte der Pflegebedürftigen und lange habe ich überlegt, ob ich über das heikle Thema Gewalt in der Pflege schreiben soll. Ein kürzlich veröffentlichter Beitrag von Gundolf Meyer-Hentschel und eine Publikation des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie des Landes Brandenburg  zu diesem Thema haben mich jetzt zur Umsetzung motiviert.

Gewalt in der Pflege ist sicher noch ein Tabuthema, das aber zunehmend in den Fokus gerät. Die Grenzen wo Gewalt beginnt (z. B. vielleicht schon bei einer mangelhaften Händedesinfektion?) sind sicher individuell und auch fließend, aber Konsens ist sicherlich die mit dem Pflegenotstand wachsende Problematik.

Ursachen für Gewalt in der Pflege

Unabhängig davon, ob Pflege in der Familie, durch ambulante oder stationäre Pflege stattfindet, sind der hohe Arbeitsdruck, Stress und die individuelle Herausforderungen wichtige Ursachen. Außerdem werden von Meyer-Hentschel auch fehlende Kenntnisse im Umgang mit pflegebedürftigen Menschen und mangelnde Eignung für die Pflege genannt.

Nach einer DGB-Studie kümmert sich unter den älteren Beschäftigten ab 60 Jahre bereits jeder fünfte um pflegebedürftige Angehörige. Pro Woche wenden Beschäftigte für die Pflege im Schnitt 13,3 Wochenstunden auf. Bei jedem fünften Beschäftigten sind es sogar mehr als 20 Stunden pro Woche, aber nur fünf Prozent der Betroffenen in ihren Unternehmen erhalten zusätzliche Auszeiten für die Pflege von Angehörigen.

Diese Menschen haben natürlich große zeitliche Probleme, um beide Aufgaben zu bewältigen und geraten dabei an ihre körperliche und seelische Grenzen.

Politische Weichenstellungen

Pflege ist nach einer Caritas-Studie von Januar 2018 aus Sicht der Bevölkerung das wichtigste bundespolitische Thema und der Pflegenotstand ist 23 Jahre nach Inkrafttreten der Pflegeversicherung inzwischen auch auf der bundesweiten politischen Agenda angekommen.

Erstmals scheint sich politisch wirklich etwas zu bewegen, wenngleich fraglich ist, ob wir den Pflegenotstand mit den geplanten Maßnahmen beseitigen können. Aber es ist zumindest ein Anfang und weitere – auch teure – Maßnahmen müssen folgen!

Was können kommunale Akteure tun?

Wirksame Lösungen adressieren neben der Bundes- und Landesebene auch die kommunale Ebene und hier gibt es auch keine unüberwindbaren Hürden. Nachfolgend einige Beispiele kommunaler Möglichkeiten:

  1. Transparenz über die aktuelle und künftige Situation schaffen, z. B. durch eine kommunale Pflegeprognose aus unserem Wegweiser, die durch Quartiersanalysen oder Befragungen älterer Menschen nach ihren sozialen Netzwerken ergänzt werden.
  2. Beratungs- und Entlastungsangebote für Pflegende, um Überlastungssituationen zu erkennen und zu beseitigen.
  3. Sensibilisierung wichtiger kommunaler Akteure für das Thema und Motivation zur Mitarbeit, z. B. durch einen Workshop mit Akteuren aus der Kommunalverwaltung, der Kommunalpolitik, den Wohlfahrtsverbänden und ehrenamtlich organisierten Menschen.
  4. In diesem Workshop sollte ein gemeinsames Verständnis über die aktuellen und künftigen kommunalen Herausforderungen, Schwerpunktthemen, Ziele und Maßnahmen erarbeitet werden. Dabei sollten auch an Themen wie nachbarschaftliches Engagement gedacht werden, wie dies z. B. in Holland mit einem Nachbarschaftsmodell praktiziert wird.
  5. Vernetzung mit kommunalen Akteuren, die bei der Rekrutierung ausländischer Pflegekräfte  helfen (z. B. die Bundesanstalt für Arbeit, Deutscher Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit oder spezialisierte Personaldienstleister).
  6. Aber auch Vernetzung mit Arbeitgebern, um die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zu thematisieren.

 Mein Blick in die Zukunft

  • Die Pflegeproblematik ist noch nicht gelöst. Pflege wird deutlich teurer und die Gesellschaft wird sich darauf einstellen
  • Immer mehr Senioren bleiben kinderlos. Pflege und Unterstützung findet trotzdem immer noch größtenteils – aber abnehmend – durch Familienangehörige statt
  • Ehrenamtliches und nachbarschaftliches Engagement wird familiäre und professionelle Pflege zunehmend unterstützen
  • Der Bedarf an zusätzlichen Pflegekräften wird zunehmend durch ausländische Pflegekräfte gedeckt
  • Unternehmen erkennen im steigenden Wettbewerb um Fachkräfte die Vorteile einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf
  • Zukunftsorientierte Akteure in Kommunen erkennen die enorme Bedeutung dieses Themas und setzten es auch auf die kommunalpolitische Agenda
  • Kommunen haben Image- und Wettbewerbsvorteile, die zu diesem wichtigen Thema Lösungen finden

 

Weitere Links zum Thema

https://www.pflege-gewalt.de/

http://www.pflege-in-not-berlin.de/

http://www.hsm-bonn.de/

http://www.muenchen.de/beschwerdestelle-altenpflege

 

 

 



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