@Carsten Große Starmann

Ein Digital-Pakt zwischen Bund und Ländern soll es nun also werden, um die Schulen in Deutschland bis 2021 mit Computern und WLAN auszustatten. Schüler müssten digital lernen und arbeiten können. Lehrkräfte bräuchten entsprechende Qualifikation. So war es kürzlich in der Presse zu lesen. Fünf weitere Jahre ziehen dazu nach heutigem Stand ins Land.

Andere Länder zeigen, dass das auch anders geht. Und dass man die Zeichen der Zeit auch deutlich früher erkennen und dann gestalten kann. Zum Beispiel Estland: Dort wurde die große Bedeutung der IT für die Schulen bereits vor 20 Jahren erkannt. Es wurde umgehend damit begonnen, dieses absehbare Potenzial in der Entwicklung der Technik mit dem Zukunftskapital des Landes zu verbinden: den Schülerinnen und Schülern.

Inzwischen hat sich in Europa herumgesprochen, dass die Esten seit ihrer Unabhängigkeit 1991 sehr konsequent auf technischen Fortschritt und Digitalisierung gesetzt haben. Und das sie das frühe Erkennen zu sichtbaren Erfolgen in der Digitalisierung geführt haben: E-Estonia. Deshalb verwundert es auch nicht, dass bereits 1997 damit begonnen wurde, die Schulen mit Hard- und Software auszustatten, konsequent alle Lehrkräfte in Sachen ICT zu schulen und parallel auch ICT-Experten unter den Lehrkräften zu qualifizieren. Das sogenannte „Tiger-Leap-Program“ hat einen wichtigen Grundstein dafür gelegt, dass die Bundekanzlerin kürzlich anlässlich ihres Besuchs in Tallinn zu Recht loben konnte: Estland (ist) eines der innovativsten Länder.

Schulalltag in Estland

Wie fühlt sich der digitale Schullalltag in Estland an? Es ist mitnichten so, wie es häufig zu hören und zu lesen ist, dass alle estnischen Kinder bereits ab dem Kindergartenalter programmieren lernen und alle ICT durchgehend als Schulfach belegen. Auch findet nicht jede Unterrichtsstunde mit oder am Computer statt. Aber es gibt ein klares Agreement, dass digitale Lernmöglichkeiten und Lernformen in den Unterreicht so oft wie möglich eingebaut werden.

Im Rahmen einer Recherchereise haben wir den Schulunterricht einer sechsten Klasse in Tallinn besucht. Etwa 20 Kinder saßen jeweils an einem eigenen Computer. Thema der Stunde war „Ein Sommertag“ und alle waren aufgefordert, sich ein Objekt zu überlegen, das sie mit einem Sommertag verbinden. Die Kinder dachten beispielsweise an einen Ball, eine Blume, einen Vogel oder einen Apfel. Nun war es Aufgabe, das überlegte Objekt mit einem 3-D-Grafik-Programm am Computer zu zeichnen. Den Kindern wurde der Name des zu verwendenden Grafik-Programms genannt, sie tauschten sich über die Nutzung untereinander aus und wurden aufgefordert, es auszuprobieren. Bei Nachfragen sollten sie im Internet Video-Tutorials zur Nutzung des Programms oder zur Beantwortung ihrer Fragen auf YouTube oder ähnlichen Kanälen anschauen und ausprobieren. Eines der am Computer gezeichneten Objekte wurde dann ausgewählt und mit dem 3-D-Drucker, der im Klassenzimmer stand, gedruckt.

 

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Weitere Kinder waren mit der Programmierung von Minirobotern beschäftigt, die selbständig Linien auf einem Blatt Papier abfahren sollten.

 

Wieder andere nutzen das Licht ihres Smartphones, um damit programmierte Roboter die auf Licht reagieren, zu führen.

 

Deutschland kann von Estland lernen

Das erlebte Beispiel ist niedrigschwellig und zeigt nur einen kleinen Ausschnitt. Aber es war greifbar, wie viel Spaß es allen machte und wie sehr Digitalisierung in Estland ein ebenso etablierter wie normaler Bestandteil des Lernalltags der Kinder ist. Die Lehrkräfte haben wie in Deutschland den Unterricht an Curricula auszurichten. Aber sie sind frei darin, das Lernen in digitale Lernformate zu übersetzen und nutzen diese Freiheiten.

Neben aller Erfordernis von Strukturen und Infrastrukturen: Diese niedrigschwellige Herangehensweise wünsche ich mir auch in immer mehr deutschen Schulen.Einen Akzent zur flächendeckenden Ausstattung der Schulen mit Hardware, Software, Internet und Lehrerqualifikation zu setzen ist richtig und wichtig, kommt aber reichlich spät. Und nimmt sich bis 2021 sehr viel Zeit. Zeit die wir nicht haben. Und die vor allem die nachwachsende Generation nicht hat.

Über den Autor

Senior Projekt Manager im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung. Er leitet das Projekt Wegweiser Kommune und beschäftigt sich mit Themen rund um den demografischen Wandel. Seine Schwerpunkte sind Alterung,...

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