Das Bild zeigt eine Straße aus der Froschperspektive, mit dem Schriftzug Schule und zwei Kindern als Schriftzüge auf dem Straßenasphalt.

Je umfassender eine Datenlage ist, desto genauer kann man steuern. Das gilt besonders in Bildungsfragen. Bisher ungehoben ist der Datenschatz der Ergebnisse aus den Schuleingangsuntersuchungen in Deutschland. Das sollte sich ändern. 

In einigen Bundesländern haben die Herbstferien schon begonnen, in anderen sind die Sommerferien erst vor wenigen Wochen zu Ende gegangen. Der erste Schultag – für alle I-Dötzchen ein großes Ereignis – ist sicher auch für die meisten Familien eine Herausforderung: Wird der Einstieg in den Schulalltag gelingen und sich das Familien-, Arbeits- und Schulleben gut organisieren lassen? Die erste Herausforderung für die Erstklässler fand bereits einige Monate zuvor statt: die Schuleingangsuntersuchung (SEU). Sie prüft sozusagen auf Herz und Nieren, wie es um die Schulfähigkeit der zukünftigen Schüler bestellt ist.

Kinder sollen gut für die kommenden Jahre an der Schule vorbereitet sein und ohne Probleme am Unterricht teilnehmen können. Dazu prüft und erfasst die SEU eine Fülle von Merkmalen,  angefangen vom Impfstatus bis hin zur sprachlichen und motorischen Entwicklung. Für den Wegweiser ist unser Team immer auf der Suche nach weiteren Datenquellen, die beispielsweise Rückschlüsse auf das gelingende Aufwachsen von Kindern ermöglicht und bundesweit Daten für ein Sozialraum-Monitoring liefert. Die Daten der SEU könnten daher eine gute Datenquelle sein – für kommunale Akteure und ihre Planungsprozesse, aber auch für die Wissenschaft und ihre Untersuchungen zu den unterschiedlichsten Fragestellungen.

Bildung ist auch eine Frage der Gesundheit

Auf der Suche nach neuen Indikatoren für den Wegweiser Kommune haben wir daher überlegt, ob  Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen in das Indikatoren-Set des Wegweisers aufgenommen werden können. Die bereits vorhandenen Bildungsindikatoren könnten sinnvoll ergänzt und damit die Bildungschancen und Gesundheit von Kindern stärker in den Blick genommen werden. Im Gespräch mit Alexander Niederlehner beim ZEFIR (Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung) wurde deutlich, dass die Übernahme von SEU-Daten ihre Tücken hat. Zwar ist die SEU eine der wenigen Vollerhebungen in Deutschland, weil alle Kinder vor Schulbeginn gesetzlich zur Teilnahme an der Untersuchung verpflichtet sind.

Wenn man genauer hinschaut, wird jedoch deutlich, dass sich der Bildungsföderalismus auf die Ausgestaltung der Schuleingangsuntersuchungen mindestens ebenso auswirkt wie auf die Schulsysteme. Grundsätzlich werden in allen Ländern die gleichen Fähigkeiten wie beispielsweise  Sprache, Motorik, Koordination usw. bei den Kindern untersucht. Das ist aber auch schon das Ende der Gemeinsamkeiten. Mit Ausnahme der Impfquoten, die auch regelmäßig vom Robert-Koch-Institut bundesweit verglichen werden, gibt es Unterschiede in den einzelnen Bundesländern. Hier werden zum Teil sehr unterschiedliche Testverfahren angewendet, um die Fertigkeiten der zukünftigen Erstklässler festzustellen. Dies allein macht eine bundesweite Vergleichbarkeit der Ergebnisse schon nahezu unmöglich.

Vielfalt versus Standardisierung

Diese nicht vorhandene Einheitlichkeit setzt sich bei der Dokumentation und Speicherung der Ergebnisse aus den Untersuchungen fort. Es werden teilweise grundlegend unterschiedliche Verfahren zur Dokumentation verwendet. Während beispielsweise das eine Land das bekannte „Bielefelder Modell“ nutzt, verwendet das nächste Land eine eigene, erweiterte Form dieses Modells oder ein völlig anderes Verfahren, um die Daten zu dokumentieren und zu speichern. Auch bei der Auswertung der Ergebnisse nutzen die Länder individuell entwickelte Software-Programme, sodass eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse auch hier nicht gewährleistet werden kann.

Wie müsste die Schuleingangsuntersuchung also gestaltet sein, damit sich bundesweit vergleichbare und qualitativ hochwertige Indikatoren berechnen lassen? Erstens sollte es eine Vereinheitlichung der Untersuchungsstandards und -verfahren geben, um die Kenntnisse und Fertigkeiten der Kinder vergleichen zu können. Zweitens wäre es notwendig, die Dokumentation und Speicherung der erhobenen Daten zu standardisieren. Drittens müsste ein rechtlicher Rahmen geschaffen werden, um die Daten aus den Untersuchungen zum Beispiel wissenschaftlich auszuwerten. Da die anonymisierten Daten in der Regel vor Ort von den Gesundheitsämtern erhoben und verwaltet werden, müsste derzeit das Einverständnis von sämtlichen Gesundheitsämtern eingeholt werden, um diese sensiblen Daten zu verwenden.

Erfahrung mit Daten der SEU sammeln derzeit die Kollegen im Projekt „Kein Kind zurück lassen“. Da in diesem Projekt ausschließlich Kommunen aus NRW beteiligt sind, können Ergebnisse der SEU in die wissenschaftliche Begleitforschung einbezogen werden – wenn auch nicht ohne Aufwand. Erste Arbeitsergebnisse zeigen, wie die Daten der SEU zur Wirkungsanalyse und für ein kleinräumiges kommunales Monitoring verwendet werden können.

Datenschatz heben 

Solange die beschriebenen  Diskrepanzen bestehen, sind die anonymisierten Daten der Schuleingangsuntersuchungen für die Berechnung bundesweit vergleichbarer Indikatoren für den Wegweiser Kommune derzeit leider kaum geeignet. Es besteht also Handlungsbedarf, wenn man die wertvollen Informationen aus den Schuleingangsuntersuchungen bundesweit vergleichbar darstellen  und diesen Datenschatz für die Forschung nutzbar machen will.

 Foto: Valeska Achenbach

 

Über den Autor

Senior Project Manager im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung. Petra Klug hat Germanistik, Soziologie, Berufs- und Wirtschaftspädagogik sowie Nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit studiert. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte sind: Demografischer Wandel und Digitalisierung, Smart...

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Bitte füllen Sie alle Felder aus: