Einige Leute sitzen in Stuhlreihen, vielleicht ein Kino. Viele Stühle noch frei. einige schauen auf ihre Handys. Das Foto ist aus der Vogelperspektive.
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In vielen Kommunen und anderen Einrichtungen der öffentlichen Hand werden schon offene Daten (Open Data), die zu anderen Zwecken steuerfinanziert erhoben wurden, im Internet zur Verfügung gestellt.Das Ziel dabei ist, mit einer Zweitnutzung neue Wertschöpfung für Bürger und Wirtschaft zu bewirken. Auf nationalen und europäischen Portalen werden diese Daten zentral nachgewiesen. Mit der Mitarbeit bei der Open Government Partnership und den Open-Data-Gesetzen in Bund und Ländern wird ein weiterer Auftrieb erwartet.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat das wirtschaftliche Potenzial solcher Zweitnutzung zwischen 12 und 131 Mrd. € jährlich beziffert (pdf). Die Bertelsmann Stiftung hat in einer Studie mit pragmatischen Beispielen gezeigt, wie weltweit schon Teile dieses Potenzials gehoben werden. Doch reicht es nicht, die offenen Daten auf Portalen maschinenlesbar bereitzustellen. Hier soll gezeigt werden, wie die Zweitnutzung voran getrieben werden kann.

Offene Daten für das Standortmarketing

Neben der Transparenz öffentlichen Handelns, wie zum Beispiel Portale wie „Offener Haushaltoder die Plattform „Politik bei uns, die dem Bürger für seinen Wohnbereich relevante Daten aus Ratsinformationssystemen zeigt, gibt es auch Themen, die wirtschaftliche Bedeutung haben wie beispielsweise der Nachweis sozialer Einrichtungen (z.B. Schulen, Kindertagesstätte und Pflegeheime) für die Standortsuche von Bürgern und Unternehmen, dem Tourismus (z.B. mit Daten über Unterkünfte, Restaurants und Öffentlichen Personenverkehr) oder Umweltdaten für Luft (Feinstaub, NOx, usw.) und Wasser. Bei diesen Daten geht es auch darum, dass die Kommunen für Bürger zum Zuzug attraktiv sind, Arbeitnehmer sich hier ansiedeln (Voraussetzung für Finanzmittelzuweisung nach Einwohnerzahlen) oder Touristen die Angebote von Unterkünften und Gaststätten nutzen).

Der erste Schritt für das Datenmarketing sind meist Hackathons, bei denen neue Anwendungen mit offenen Daten prototypisch „gehackt“ werden. Hier werden auch Kinder und Jugendliche an die Internetnutzung herangeführt, Schüler und Studenten begeistert, sich mit den Daten des Staates auseinanderzusetzen. Vorträge tragen zu Wissensverbreitung bei und Teilnehmer aus Kommunen, den Ländern, der Zivilgesellschaft und Unternehmen können sich vernetzen. Erfolgreiche Hackathons findet man zum Beispiel bei den Hackdays in Moers. Zu nachhaltigen Lösungen kommt es auf den Hackathons meist jedoch noch nicht. Das ist dann die Stunde der Startups.

Mehr nützliche Open-Data-Anwendungen durch Startups

Startups sind junge Unternehmen, die Probleme mit innovativen Ideen lösen, häufig mit neuen digitalen Ansätzen. Ist ihr Problemlösungsansatz plausibel, werden sie in der Anfangsphase mit Venture-Kapital gefördert oder von Förderbanken unterstützt. Wichtig dabei ist, dass sie Probleme der Datennutzer lösen, also nachfrageorientiert arbeiten. Offene Daten werden von den Startups also nur genutzt, wenn sich damit tragfähige Geschäftsmodelle finden lassen. Dabei gibt es für die Nutzung der Daten verschiedene Geschäftsmodelle: es kann sein, dass der Endnutzer ein Abonnement kauft, oder die Nutzung durch Werbung finanziert wird oder ein anderer Dritter finanziert die Nutzung. IKEA z.B. zeigt auf Anzeigetafeln in seinen Geschäften in England Echtzeitdaten von Abfahrtszeiten von Bussen und Zügen an. Sie beziehen die Daten vom Startup Tranpsort.API., damit seine Kunden auf Individualverkehr verzichten können.

Eine wichtige Lehre aus Plattformen wie Amazon (für Bücher im Versandhandel), Airbnb (private Unterkünfte statt Hotels) oder auch Karten wie Open Street Map oder Google Maps ist, dass die Bürger meist auf großen Plattformen suchen. Nicht für jedes Problem wird eine eigene App herunter geladen, sondern z.B. bei Tagesausflügen Google Maps genutzt, um dort Beschreibungen aus Wikipedia ihrer Destinationen zu lesen und die Wegefindung zu Fuß beim Wandern oder bei der Anreise mit dem Öffentlichen Personenverkehr durchzuführen. Startups wie komoot.de (Tourismus) betonen folgerichtig, dass wer nicht auf den großen Plattformen zu finden ist, im Internetzeitalter nicht stattfindet.

Kommunen müssen neue digitale Wege gehen

Wie kommen nun Kommunen und Startups zusammen? Zu einen kann man Startups oder Studenten, die nach ihrem Abschluss nicht in eine große Firma wollen, sondern etwas Eigenes gründen wollen, zu Hackathons einladen. Man kann auch dedizierte Veranstaltungen, z.B. Wettbewerbe („Pitches“) durchführen, wo die öffentliche Hand vermutete Probleme liefert und die Startups Lösungen andenken. Denkbar ist auch, dass Kommunen in Zusammenarbeit mit ihren regionalen Rechenzentren Coworking Spaces (Arbeitsplätze und Infrastruktur) anbieten, wo Gründer und öffentliche Hand gemeinsam über Probleme nahe an den Daten arbeiten. Natürlich ist es wie bisher möglich, dass Kommunen bei Startups einzigartige Apps kaufen. Größer aber wird die Reichweite der eigenen Daten, wenn es gelingt auf Plattformen zu kommen. Beispielsweise kann man sich die Frage stellen: Wie bekomme ich meine Daten zu sozialen Einrichtungen in Immobilienportale hinein, um bei Kauf oder Miete einer Wohnung oder eines Hauses die Lage durch die Verfügbarkeit familiengerechter Infrastruktur attraktiv zu machen? Auch wenn man auf solchen Plattformen in Wettbewerb zu anderen Kommunen tritt, zeigen Amazon für Bücherverlage und Airbnb für Wohnungsbesitzer, dass die erhebliche zusätzliche Reichweite gegenüber einer singulären App die Mühe für den Wettbewerb aufhebt. Auf jeden Fall sollte man mit Experimenten so früh wie möglich anfangen, damit die Chancen der Digitalisierung helfen können, den demografischen Wandel zu gestalten.

Über den Autor

Wolfgang Ksoll ist ein erfahrener und selbstständiger Management- und IT-Berater, der sich seit über 30 Jahren mit der Digitalisierung beschäftigt - von Infrastrukturen über ERPs bis hin zu Open Data...

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