Stadtbibliothek und Volkshochschule in einem Gebäude inin Bayreuth
Stadtbibliothek und Volkshochschule in Bayreuth

Volkshochschulen und Bibliotheken sind kommunale Bildungseinrichtungen, denen im Kontext der sich digitalisierenden Gesellschaft von manchen Seiten ein „disruptives Potenzial“ vorhergesagt wird.  Unter Volkshochschulprofis wird eifrig darum gestritten, ob und inwieweit die neuen Formen der medialen Vernetzung und die digitale Transformation von Wissen und Bildung die Existenz der traditionellen Einrichtungen gefährden. Was spricht dafür? Ganz offensichtlich ist: seit es Babbel, Udemy, Youtube und Co. gibt, brauchen an Sprachen Interessierte  nicht mehr unbedingt einen „echten Lehrer“, um sich Englisch oder Sanskrit beizubringen.  Es geht zweifelsfrei – wenn auch anders – über das Netz. Auch TeilnehmerInnen von Bewegungskursen – über Jahre ein boomender Bereich in der VHS – können heute allein oder zusammen mit Gleichgesinnten im heimischen Wohnzimmer – vor einem voluminösen Flatscreen und mit Hilfe von Portalen wie yogaEasy.de – ihren Körper und Geist trainieren. Und auch Malen lernen geht mittlerweile ganz ordentlich mit Hilfe des Internets. Selbst Bob Ross tummelt sich mit seinem Kanal „Joy of painting“ auf Youtube, so dass wir nicht einmal mehr das ARD-Alpha-Nachtprogramm einschalten müssen, um beim Guru der antiabstrakten Malerei etwas abzuschauen. Und wenn wir ein anderes (ehedem) großes Arbeitsfeld der Volkshochschulen betrachten, den EDV-Unterricht, dann zeigt sich auch hier: ein bis drei gegoogelte Schlagwörter reichen aus, um herausfinden, wie das so geht mit dem Serienbrief.

Bibliotheken stehen vor anderen, nicht minder großen Herausforderungen. Wenn es normal läuft, werden in absehbarer Zukunft sämtliche publizierten Texte und Medien online abrufbar sein. Der Zugang ist dann zwar mitunter kostspielig, allerdings hochgradig bequem: ich muss mein Sofa nicht mehr verlassen, um mir ein Buch oder sogar eine alte Handschrift zu verschaffen. Und so mancher findige Mitbürger stellt natürlich die Frage: warum es dann nicht einfach nur noch EINE Bibliothek geben könnte, die wie bisher den niedrigschwelligen, kostengünstigen Zugang zu Büchern und Medien gewährleistet, nur jetzt dann eben online, immer und von überall aus zugänglich und bestückt mit einem allumfassenden Angebot im virtuellen Regal.

Bibliotheken und Volkshochschulen sind nicht nur Kostenfaktoren

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen stellen sich viele Politikerinnen und Politiker gern vor, dass mit Online-Angeboten in Zukunft viel Steuergeld einzusparen sei. Städte, Gemeinden und Landkreise identifizieren im Zuge der Sanierung ihrer Haushalte und im Kontext von „Schuldenbremsen“  sogenannte „Kostenfaktoren“, und dazu zählen neben Schwimmbädern oftmals auch Bibliotheken und Volkshochschulen. Ob diese im Saldo tatsächlich Kostenfaktoren sind, ist ganz und gar nicht geklärt, denn der Wert beider Einrichtungen, der darin liegt, Menschen im Bildungsprozess zu unterstützen, ist definitiv nicht quantifizierbar, auch nicht mit Hilfe von Deep-Learning-Algorithmen. Nur dass John F. Kennedy Recht hatte als er sagte: „Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung: Keine Bildung“, ist mittlerweile unumstritten. Leider schließen dennoch in so manchen Orten die kleine Gemeindebibliothek um die Ecke oder die vhs-Nebenstelle. Übrigens nicht nur aus Kostengründen, sondern auch, weil sich nicht mehr genügend Ehrenamtliche für die Aufrechterhaltung des Betriebs finden.

Nun feiern die Volkshochschulen in 2 Jahren ihr 100jähriges Bestehen (manche sind älter oder jünger, aber sehr viele wurden als kommunale Institutionen zu Beginn der Weimarer Republik gegründet), und es wäre ja bemerkenswert, wenn ausgerechnet um dieses Jubiläum herum der Niedergang der VHS eingeläutet würde.

Warum gehen die Menschen zur Volkshochschule?

Es gibt indes handfeste Gründe, die für eine erfolgreiche Zukunft der Volkshochschulen sprechen: bundesweit zählen die gut 900 Einrichtungen mit mehr als 3000 Nebenstellen seit Jahren um die 9 Millionen Teilnahmen (vhs-Statistik 2015). Der Indexwert der Kursbelegungen liegt – gemessen an der vermeintlichen Blütezeit der VHS im Jahr 1980 – heute bei 140%. Von Disruption ist bislang nicht wirklich etwas zu spüren. Verantwortlich sind hierfür vor allem die neuen Arbeitsfelder, die Volkshochschulen in den vergangenen Jahren übernommen haben, insbesondere im Bereich der Bildungsintegration. Und das ist es nicht nur, was den Reiz der VHS ausmacht. „Warum gehen die Menschen zur Volkshochschule?“ fragte eine ganz frische (noch nicht publizierte) Imagestudie des Deutschen Volkhochschul-Verbandes. Und siehe da: die räumliche Nähe zum Lernort ist der wichtigste Grund, den die Befragten äußerten. Und was wir auch wissen: viele Menschen lernen gern mit anderen zusammen und freuen sich über die motivierten und motivierenden vhs-KursleiterInnen. Es geht also um soziales Lernen.

Volkshochschule: Die „kommunale Schwester“ der Bibliothek

Der Wunsch nach räumlicher und persönlicher Nähe befördert den Gedanken von der Innovationskraft öffentlicher Bildungseinrichtungen auf dem Land, worauf Wibke Ladwig in ihrem Blogbeitrag vom 6. Juni 2017 aufmerksam gemacht hat. Wibke Ladwig sieht die Bibliotheken als Agenturen der kommunalen Wissensvernetzung mit all den Möglichkeiten, die die Einbindung virtueller Zugänge eröffnet (Co-Working- und Co-Learning-Spaces, Maker-Spaces). Das ist ein reizvoller und sehr weiter führender Gedanke, und alles, was Ladwig als Vision entwirft, trifft auch für die (nicht erwähnte) Volkshochschule zu, die „kommunale Schwester“ der Bibliothek. Zwei Einrichtungen auf ähnlichem Feld, mit unterschiedlichen Expertisen unterwegs, wirken im Idealfall synergetisch: es gibt dazu eine Reihe guter städtischer Vorbilder, wie etwa das Bildungszentrum in Nürnberg, das RW21 in Bayreuth oder das ZIB in Unna. Die Arbeitsteilung zwischen VHS und Bibliothek könnte idealerweise dort anknüpfen, wo die offensichtlichen Stärken der Institutionen liegen: Bibliotheken bringen ihre ausgewiesene Expertise für gute (Lern-)Inhalte mit, die in der digitalisierten Gesellschaft mehr denn je gefragt ist. Sie wirken neudeutsch gesprochen als „Content-Consultants“ in einer zunehmend unübersichtlichen Medienwelt. Und Volkshochschulen kommen als Spezialisten für Themenfindung und Lernprozessgestaltung mit ins Boot. Sie haben eine didaktische Expertise im Gepäck, die unbedingt wertvoll für ein gedeihliches erweitertes Bildungsklima ist.
Dass in diesem kommunalen Verbund ein technisch funktionierendes und rechtsicher nutzbares Netz eine entscheidende Rolle spielt, liegt auf der Hand. Schnelles und offenes W-LAN überall ist für die ländlichen Regionen in Deutschland die (alles entscheidende) Schlüsseltechnologie der nächsten Jahrzehnte.

Bibliothek und VHS: Gemeinsam für ein lokales Innovationsklima

Die immanente Innovationskraft von Bibliothek und VHS steht in diesem Prozess, in dem analoge und virtuelle Modi zueinander gebracht werden, außer Frage. Die Bibliotheken haben erste große Schritte zur Virtualisierung der Bestände und der Ausleihe unternommen und vor mittlerweile 10 Jahren die Onleihe in Gang gebracht. Wer sich aktuell einmal dorthin begibt, wird (überrascht) feststellen, dass mittlerweile über 3000 Bibliotheken mit ihren virtuellen Beständen miteinander vernetzt sind. Die Volkshochschulen haben ihrerseits – nachdem die ersten Versuche Anfang der „Nullerjahre“ schief gingen, das Internet als  Lernraum neu entdeckt. Seit 2015 forciert der Deutsche Volkshochschul-Verband das Programm „Erweiterte Lernwelten für Volkshochschulen in Deutschland“, mit der Zielsetzung,  die pädagogischen Vorteile analoger und virtueller Lernumgebungen miteinander zu verknüpfen. Die großen vhs-Lernportale „ich-will-lernen.de“ und „ich-will-deutsch-lernen.de“ unterstützen schon seit mehr 10 Jahren die Menschen beim Erwerb von Grundbildung und Sprachen.

Etwas weiter und nach Vorn gedacht entsteht mit solchen hybriden Schwerpunktsetzungen die instrumentelle Basis für ein schlagkräftiges lokales Innovationsklima. Volkshochschulen und Bibliotheken stehen für eine Bildungstradition, die sich der Welt öffnet. Sie sind Transfer- und Vernetzungsagenturen zwischen Dorf und Globus und sollten daher nicht am Rand, sondern im Zentrum des kommunal-politischen Agierens stehen. Sollen Transfer und Vernetzung gelingen, ist es von großem Vorteil, hier systematisch zusammen zu wirken und weitere lokale und regionale Akteure in das Innovationshandeln einzubinden: Schulen, Museen, Archive, Medienzentren, Vereine, Kirchen, Kultur- und Filmbühnen, Initiativen, Unternehmen sowie enthusiastische Einzelpersönlichkeiten.

Foto: commons.wikimedia.org, Public Domain

Über den Autor

Dr. Christoph Köck, geb. 1962, ist gelernter Volkskundler und beobachtet seit vielen Jahren, wie Menschen (miteinander) lernen. Nach Arbeitsjahren im Museum und an Universitäten fasste er in der Erwachsenenbildung Fuß...

7 Kommentare

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  • Wibke Ladwig

    03.07.2017
    # 01

    Lieber Herr Köck, herzlichen Dank für das Aufgreifen meines Beitrags. Kurioserweise findet man mancherorts Rivalitäten zwischen VHS und öffentlichen Bibliotheken, weil sich Letztere verstärkt zu Lernorten entwickeln. Diese Rivalität gründet aber vor allem in der Sorge um Mittel.
    Dabei liegen, wie Sie hier schildern, große Chancen in der Stärkung beider Institutionen: „Volkshochschulen und Bibliotheken stehen für eine Bildungstradition, die sich der Welt öffnet. Sie sind Transfer- und Vernetzungsagenturen zwischen Dorf und Globus und sollten daher nicht am Rand, sondern im Zentrum des kommunal-politischen Agierens stehen.“ Die Kommunen allein werden das aus eigener Kraft kaum schaffen. Mir selbst fehlt das nötige Wissen, um eine Lösung präsentieren zu können. Meiner Ansicht nach braucht es der gemeinsamen Förderung durch Kommunen, Länder und Bund, die nicht nur auf vermeintlich innovative Projekte mit einer Lebensdauer von 2-3 Jahren abzielt. Und es muss auch deutlich werden, dass die Angebote von VHS und öffentlichen Bibliotheken nicht allein durchs Ehrenamt gewährleistet werden können.

    Herzliche Grüße aus Kökn!

    • Christoph Köck

      03.07.2017

      Liebe Frau Ladwig,
      vielen Dank, dass Sie mit Ihrem Beitrag dieses Thema aufs Tapet gebracht haben! Ich denke auch, dass es einer gemeinsamen Anstregung der unterschiedlichen administrativen und politischen Ebenen bedarf, um die kommunalen Bildungseinrichtungen mit neuen Konzepten ins Zentrum des Geschehens zu rücken. Dabei wünsche ich mir zum Beispiel, dass, wenn seitens des Bundes Milliardenprogramme für sogenannte „Digitale Bildung“ versprochen werden, diese natürlich nicht nur in Schulen und Hochschulen umgesetzt werden, sondern auch als wirkmächtige Entwicklungslinien in den Bildungsorten der Kommunen ihren Niederschlag finden. Es droht eine Schieflage zu entstehen, wenn Bildung politisch erneut nur in der Kategorie Schule/ Hochschule gedacht wird, und die heute doch eigentlich unumstrittende Notwendigkeit und Chance lebensbegleitenden Lernens (für das Volkshochschulen und Bibliotheken ja stehen) außen vor bleibt. Und es wäre – wie Sie richtig anmerken – keineswegs hilfreich, solche Entwicklungslinien in Form einer klassischen Projektlogik anzustossen, denn der notwendige „Flow“, der Digitalisierungprozesse auszeichnet – das permanente Neujustieren der Gegebenheiten unter sich laufend verändernden Bedingungen – ist mit stur abzuarbeitenden Meilensteinplänen nicht in Einklang zu bringen. Hier braucht es zwingend eine Handlungsfreiheit der Akteure!
      Ich bin gespannt, ob sich hier in naher Zukunft etwas bewegt und bewegen lässt. Herzliche Grüsse!

  • Gabriele Botte

    03.07.2017
    # 02

    Diese beiden „kommunalen Schwestern“ gehören historisch betrachtet ebenfalls zusammen. In vielen Städten, vor allem Industriestaedten, sind beide aus den Ausschüssen für Volksvorlesungen entsprungen, die Ende des 19. Jahrhunderts häufig in der Tradition der Arbeiterbildungsvereine gegründet wurde. Sie unterhielten Oeffentliche Lesehallen, und die Volkshochschulen stehen ebenfalls als zweiter Zweig in dieser Tradition. Damals ging es vor allem darum, auch den „niederen Staenden“ Zugang zu Wissen zu ermöglichen. Bildung fuer Alle eben. Und dazu kann natürlich heute auch der Zugang zu digitalen Wissensbestaenden und der Umgang damit sein.

    • Ruth Reisinger

      06.07.2017

      In Landkreisen gibt es noch allzuoft Büchereien, die halb von einem kirchlichen Träger und halb von der Stadt finanziert werden. Da sind die Ressourcen oft sehr gering, noch viel ehrenamtliches Personal und zu wenig Platz für neue Lernorte in der Bücherei. Auf Ebene der Landkreis- und Städtetage sollte noch mehr von Seiten des dvv und bvv auf die Bedeutung der beiden „Schwestern“ hingewiesen werden. Die Zusammenarbeit mangelt bei uns nicht am Willen, sondern oft an der mangelnden Ausstattung an Personal und Raum. Trotzdem gibt es bisher schon eine gute Kooperation auf niedrigem Niveau, durch Literaturreihen der vhs, die in den Büchereien stattfinden oder durch Seminare, wie die „Onleihe“ durchgeführt werden kann. Wir tun was wir können.

  • Hans-Dietrich Kluge-Jindra

    13.07.2017
    # 03

    Sehr geehrter Herr Köck, Herzlichen Dank für Ihren Beitrag. Ich bin seit Anfang 2015 Leiter des Bert-Brecht-Bildungszentrums in Oberhausen, unter dessen Dach die Stadtbibliothek Oberhausen und die VHS räumlich wie auch organisatorisch zusammengefasst sind. Wir haben den genau von Ihnen beschriebenen Auftrag, im Rahmen der Bildungslandschaft Oberhausen abgestimmt neue, zusätzliche Synergien zu entwickeln und die außerschulischen Bildungsangebote vor Ort verstärkt in die Diskussion zu führen. Neben den von Ihnen genannten Punkten spricht u.a. für diesen Weg, dass Bibliotheken die einzigen örtlichen Bildungsanbieter sind, die Menschen nahezu von der Geburt bis ins höchste Alter mit ihren Angeboten bedienen. Die Volkshochschulen insbesondere auf die Vermittlung von Inhalten spezialisiert sind. Bibliothek und VHS nehmen zudem gerade im Zusammenhang mit dem vermehrten Zuzug von geflüchteten Menschen gemeinsam eine besondere Position bei der Integration der Neubürger ein. Unterstreichen möchte ich in diesem Zusammenhang die Aussage, dass sie gemeinsam eine Basis bilden können für ein schlagkräftiges lokales Innovationsklima. Wibke Ladwig konnte sich in den zurückliegenden 2 Jahren davon im Rahmen eines gemeinsamen Social Media Projektes auch vor Ort überzeugen.

  • Christoph Köck

    14.07.2017
    # 04

    Danke für alle erhellenden und positiven Kommentare –
    das läßt doch auf eine gute gemeinsame Zukunft hoffen,
    und ich freue mich jedenfalls auf alle weiteren Kooperationen und Innovationen auf diesem Feld!

  • Christoph Köck

    18.07.2017
    # 05

    Und hier noch ein aktuelles Beispiel aus Dänemark, das zeigt, wie kommunale (Kultur-)Dienstleistungen miteinander verwoben werden können. Sehr spannnend! http://www.fr.de/panorama/daenemark-bibliotheken-im-umbruch-a-1309752?GEPC=s3

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