Blick auf Jena vom Jentower aus. Am Horizont ein Heißluftballon.
Blick auf Jena (Foto: Mario Wiedemann)

Nach einer sechsstündigen Zugfahrt ohne Internetverbindung, habe ich im Hotel die Gelegenheit zu Open Data in der selbsternannten Lichtstadt zu recherchieren. Und ich bin einigermaßen erstaunt, als ich diesen Satz aus der IT-Strategie 2015-2025 der Stadt Jena lese: „Die Stadt Jena stellt alle Daten, die nicht dem unmittelbaren Schutz personenbezogener Daten oder sonstigem gesetzlichen Schutzbedarf unterliegen, digital und online zur Verfügung.“ Die IT-Strategie stammt immerhin aus dem Jahre 2014 als die Zahl der Open-Data-Städte sehr überschaubar war (ist sie es nicht heute noch?). Es scheint als sei die vierte Station meiner #OpenDataReise gut gewählt.

Im Dezember 2016 ging Jena mit seinem Open-Data-Portal online. Damit befindet sich die zweitgrößte Stadt Thüringens in dem Bundesland allein auf weiter Flur. Das Land Thüringen hat in diesem Jahr nachgezogen und seine Geodaten als offene Daten zur freien Verfügung gestellt.

Akteure in Open-Data-Städten

In den Open-Data-Städten der Republik gibt es meist einen Zweiklang: auf der einen Seite engagierte Mitarbeiter (nicht selten vor allem eine Person), die das Thema Open Data in der Verwaltung voranbringen. Auf der anderen Seite steht eine kleine Gruppe von Personen aus der Zivilgesellschaft, die sich beispielsweise in OK Labs der Open Knowledge Foundation engagieren. Beide Seiten traf ich in Jena.

An Achim Friedland führt in Jena kein Weg vorbei, wenn man sich über die zivilgesellschaftlichen Aktivitäten in Bezug auf offene Daten informieren will. Er ist Lab Lead des OK Labs in Jena, Initiator der Website Offenes Jena und Mitveranstalter des Jenaer Hackathons (Jenathon), der im November zum zweiten Mal stattfinden wird. In einem mehr als zweistündigen Gespräch erzählt er mir von den Open-Data-Akteuren in Jena.

Für das OK Lab in Jena ist es eine stetige Herausforderung genügend Interessierte für die Arbeit mit offenen Daten zu gewinnen. Dies liegt nicht zuletzt am Henne-Ei-Problem, wie Achim Friedland es nennt: Wenn die Stadt (bisher) nur wenige offene Daten bereitstellt, wissen potenzielle Interessenten auch nicht, was sie entwickeln sollten. Und den langen Atem, um an die Stadt heranzutreten, damit diese interessante Datensätze öffnet, bringen nur wenige auf. Achim Friedland und seine Mitstreiter suchen nach Wegen, das Thema Open Data über eine kleine Community hinaus bekannter zu machen.

Open Data bekannter machen

Ein Weg ist dabei, die Zusammenarbeit mit der Lichtwerkstatt, einem Makerspace für Photonik. Die Lichtwerkstatt wird Ausrichter des zweiten Jenathons sein. Die Ausrichter erhoffen sich auf diese Weise mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer anzulocken. Außerdem soll das „klassische“ Vorgehen bei einem Hackathon aufgebrochen werden. Die Entwicklung der Anwendungen soll nicht nur angebotsorientiert erfolgen, indem die Entwickler auf Basis der vorhandenen Daten entscheiden, woran sie arbeiten. Stattdessen soll ein Design-Thinking-Workshop mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern ans Licht bringen, welche Anwendungen sie sich wirklich wünschen.

Der Jenathon wird von der Stadtverwaltung Jena mitveranstaltet. Die Person, die Open Data aufseiten der Stadt verkörpert ist Michael Selle. Er ist der Leiter des Teams Kommunikation innerhalb der Stadtverwaltung.

Michael Selle und Mario Wiedemann vor dem Rathaus in Jena
Michael Selle und Mario Wiedemann vor dem Rathaus in Jena

Seine Laufbahn in der Jenaer Stadtverwaltung begann Michael Selle als CIO Jenas. Dort hat er sich vor allem mit internen IT-Fragen beschäftigt. Heute organisiert er die externe Kommunikation und verantwortet u.a. den Bereich Open Data. Die Begeisterung für das Thema merkt man ihm schnell an. Die Erfahrungen, die er im Zusammenhang mit der Einführung von Open Data in der Verwaltung gemacht hat, dürften anderen bekannt vorkommen: „Das Grundproblem von Open Data ist die Kultur in der Verwaltung. Wie überzeugt man die Leute, dass der Nutzen größer ist als der potenzielle Schaden?“

„Die Daten gehören den Bürgern“

Michael Selle versucht dieses Dilemma mit viel Überzeugungsarbeit aufzulösen. Zu jedem Datensatz gebe es einen Data Owner. Und diesen gelte es mitzunehmen. In der Praxis versucht Michael Selle also kontinuierlich mehr und mehr Daten für die Öffentlichkeit zu öffnen. Ein Argument mag ihm dabei helfen: „Die Daten sind schließlich im Auftrag der Bürger erhoben. Also gehören sie auch den Bürgern.“ Wer diese Einschätzung jedoch nicht teilt, den könnte letztlich aber ein Blick in die oben zitierte und vom Rat der Stadt Jena beschlossene IT-Strategie 2015-2025 helfen, so Selle.

Wer sich mit offenen Daten beschäftigt weiß, dass der Weg zu vielen weiteren digitalen Themen nicht mehr weit ist. Michael Selle hat festgestellt, dass Open Data im Stadtrat ein Sprungbrett ist für andere wichtige Themenbereiche der Digitalisierung einer Stadt. Und dennoch weiß er auch, dass Open Data noch weitaus mehr Beachtung innerhalb der Stadtgesellschaft verdient: „Wir haben die kritische Masse garantiert noch nicht erreicht“.

Das Thema Open Data in Jena ist noch frisch. Aber es ist im Gegensatz zu den meisten anderen Kommunen in Deutschland bereits verankert. Es wird sich nicht mehr in Luft auflösen. Kürzlich eröffnete das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ein großes Datenzentrum in Jena, das sich u.a. mit den Bereichen Big Data oder Citizen Science beschäftigt. Aus einer Kombination mit den Open-Data-Aktivitäten der Stadt Jena könnte in Zukunft Spannendes entstehen.

Dieser Beitrag ist der 4. Teil einer #OpenDataReise die mich in fünf Städte führte, die seit einiger Zeit Erfahrungen mit Open Data sammeln konnten.

 

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Über den Autor

Project Manager im Programm LebensWerte Kommune der Bertelsmann Stiftung. Nach einem Studium der Politischen Wissenschaft, Neueren Geschichte und Medienwissenschaft, hat Mario Wiedemann über mehrere Jahre hinweg freiberuflich als Berater für...

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