Das Bild zeigt einen jungen Mann vor einer Häuserfront, der gerade eingekauft hat, er trägt Taschen. Neben ihm steht eine moderne Kinderwippe aus Stahl.

Nicht nur die Vereinbarkeit von Kindererziehung und Beruf kann schwierig sein

Überall ist zu lesen, dass die Vereinbarkeit von Kindererziehung und Beruf verbessert werden muss, damit mehr Frauen erwerbstätig sein können. Doch die Vereinbarkeitsprobleme beginnen schon viel früher. So haben mein Freund und ich festgestellt, wie schwierig es sein kann, Berufstätigkeit und Partnerschaft miteinander zu vereinbaren – zumindest, wenn beide Partner Akademiker sind. Der Arbeitsmarkt fordert eine große räumliche und zeitliche Flexibilität. Je ungebundener ein Mensch, egal ob Mann oder Frau, desto problemloser sind spontane Umzüge in eine andere Stadt. Muss man jedoch auf die Berufstätigkeit eines anderen Menschen Rücksicht nehmen, wird alles gleich viel komplizierter. Dennoch wollen wir – wie es für Menschen unserer Generation fast selbstverständlich ist – beide einer erfüllenden Berufstätigkeit nachgehen.

Living apart together – eine moderne Beziehungsform

Dieses Dilemma haben wir folgendermaßen gelöst: Wir verzichten darauf, uns deutschlandweit zu bewerben, damit wir die meisten Wochenenden gemeinsam verbringen können. Als Zugeständnis an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes verzichten wir jedoch auch auf eine gemeinsame Wohnung. Wenn sich dann am Freitagabend einer von uns mit dem Zug auf den Weg zum anderen macht, leben wir nicht nur unser ganz privates Beziehungsmodell. Unsere Erfahrungen teilen wir mit ganz vielen anderen Paaren, die ebenfalls eine Fernbeziehung führen. In der Soziologie gibt es für dieses Lebensmodell sogar einen eigenen Begriff: living apart together. Mit einer guten Planung und der Bereitschaft, auf einige Dinge zu verzichten, haben wir ein Modell gefunden, mit dem wir klarkommen. Aber in dieses Leben auch noch Kinder integrieren? Unmöglich.

 

Das Foto zeigt zwei Radfahrer, ein Paar, welches am Ende einer langen Rampe aus Stein an einer Stahlreeling steht.

 Vermehrt im Blickfeld: die beruflichen Möglichkeiten des Partners

Daran wird ganz deutlich: Allein auf bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu setzen, um die Frauenerwerbstätigenquote zu erhöhen, reicht nicht aus – so wichtig, wie sie auch sind. Das haben viele andere ebenso erkannt. So gibt es an vielen Hochschulen inzwischen Dual Career Services, die nicht nur das eigene wissenschaftliche Personal im Auge haben, sondern auch deren Partner dabei unterstützen, einen hochqualifizierten Job in der Region zu finden. Auch bei sogenannten Welcome Centern, die sich um zugereiste Fachkräfte kümmern, wird nach Lösungen für beide Partner gesucht.

Durch technologischen Fortschritt und geringere Kinderzahl mehr Zeit für Berufstätigkeit

Doch selbst wenn Paare dann endlich in der gleichen Stadt arbeiten und wohnen können, sind noch nicht alle Hürden beseitigt, wenn es darum geht, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, obwohl die Bedingungen auf den ersten Blick recht gut aussehen:

In den vergangenen Jahrzehnten ist der Aufwand für viele alltägliche Arbeiten extrem gesunken. Unsere Küchen sind voll mit modernen Haushaltsgeräten, die Supermärkte bieten uns unzählige Produkte, die keinen oder nur einen sehr geringen Zubereitungsaufwand nach sich ziehen, und die Wäsche wird nicht mehr mühevoll von Hand geschrubbt, sondern bequem mit der Waschmaschine gewaschen. Bei der früher so mühsamen Fortbewegung helfen uns Autos und ein moderner ÖPNV. Gleichzeitig bekommen Frauen im Durchschnitt immer weniger Kinder und werden dabei bei häufig guter Gesundheit immer älter.

Zwar darf nicht vergessen werden, dass sich gleichzeitig auch die Ansprüche an Hygiene, Kindererziehung und Mobilität geändert haben, aber dennoch bieten sich zeitliche Freiräume, die z. B. mit vermehrter Berufstätigkeit gefüllt werden können.

Hinzu kommt, dass es heute deutlich mehr Kinderbetreuungsmöglichkeiten gibt. So besteht z. B. seit dem 01.08.2013 ein Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für Kinder, die mindestens ein Jahr alt sind. Es gibt immer mehr Ganztagsplätze und flexible Betreuungsmodelle, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erhöhen. Eltern können nicht nur einen Teil der Kinderbetreuung in fremde Hände geben, sondern müssen oftmals nicht mehr kochen und die damit verbundenen Tätigkeiten im Haushalt verrichten, da das Kind in der Kita ein warmes Mittagessen erhält, während sie selbst in der Kantine essen.

Eins wird sich nicht ändern: Kinder kosten Zeit und Kraft

Und doch darf man eins nicht vergessen: Auch die beste Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeiten und finanzielle Hilfen für Eltern werden nichts daran ändern, dass Kinder immer auch Zeit und Kraft kosten. Was nützt es einer jungen Mutter, wenn sie ihr Kind morgens um 8 Uhr zur Kita bringen kann, um von dort direkt zur Arbeit zu fahren, wenn sie nur zwei Stunden geschlafen hat, weil das Kind die ganze Nacht geschrien hat? Und auch im Homeoffice sind acht Stunden Arbeit eine erhebliche Belastung (und oftmals Utopie), wenn zu Hause ein krankes Kind zu versorgen ist.

Es bleibt außerdem dabei: Der Tag hat nur 24 Stunden. Wenn beide Partner Vollzeit arbeiten und sich außerdem um Haushalt und Kinder kümmern müssen, ist das eine erhebliche Mehrbelastung gegenüber dem klassischen Rollenmodell, bei dem ein Partner vornehmlich für die Erwerbsarbeit zuständig ist, der andere hingegen für Kinder und Haushalt. Dies kann schnell zu einer Überforderung führen.

Eine mögliche Lösung: reduzierte Arbeitszeit für beide Eltern

Wohl auch deswegen gibt es immer mehr Überlegungen, wie junge Eltern ihre Arbeitszeit reduzieren können, ohne dass es vor allem die Frauen sind, die die daraus resultierenden Nachteile in Kauf nehmen. Eine Lösung wäre z. B. eine 30-Stunden-Woche sowohl für Väter als auch für Mütter. Zusammen sind das 60 Stunden pro Woche – und damit immer noch mehr als beim klassischen Modell, bei dem nur der Mann einer Erwerbstätigkeit nachgeht. Dies käme auch dem Wunsch vieler Väter entgegen, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Auch hier wird wieder deutlich: Wenn es darum geht, wie man die Zahl der erwerbstätigen Frauen erhöhen kann, ist es wichtig, nicht nur die Frauen isoliert zu betrachten, sondern die gesamte Familie als System. Und eins ist auch sicher: Im Zeitalter der Individualisierung gibt es sicherlich nicht die eine, für alle passende Lösung. Es ist Aufgabe unserer Gesellschaft, viele verschiedene Lebensmodelle zu ermöglichen.

Haben Sie Ideen, wie es Frauen zukünftig leichter gemacht werden kann, erwerbstätig zu sein? Einige Anregungen finden Sie auch in unserer Good-Practice-Datenbank.

Fotos: Valeska Achenbach

Über den Autor

Praktikantin im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung Sie hat eine Ausbildung zur Industriekauffrau abgeschlossen und an der Universität Bielefeld einen Master of Arts in Soziologie erworben. Im Studium hat...

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