Blick aus der Vogelperspektive auf eine ältere Frau, die ein Tablet in der Hand hält.
Foto: Jan Voth

Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass mit zunehmendem Alter neue Medien nur zurückhaltend genutzt werden. Gründe sind neben der fehlenden Erfahrung, die Furcht Kosten zu verursachen oder Datenschutzskandale. Auch Familienangehörige sind bei Fragen nicht immer verfügbar. Andererseits wollen viele ältere Menschen nicht mehr auf die zahlreichen Möglichkeiten verzichten, die das Internet ihnen bietet. Deshalb initiierten wir in der Landeshauptstadt Hannover die Medien- und Techniklotsen.

In Hannover sind 26 ehrenamtliche Medien- und TechniklotsInnen im Alter zwischen 30 und 76 Jahren aktiv. Sie unterstützen Menschen über 60 Jahre bei der Aneignung von neuen Medien wie dem Smartphone sowie bei der Behebung von Softwareproblemen oder bei Fragen zur digitalen Nachbarschaftsplattform nebenan.de. Letztes Jahr (2017) halfen sie über 1.700 Klienten im Umgang mit den neuen Medien. Durch geduldige und verständliche Erklärung unterstützen die Medien- und TechniklotsInnen beim Öffnen des digitalen Fensters. Die Klienten geben die Lerngeschwindigkeit vor und bedienen die Geräte selbst in ihrer gewohnten Umgebung – zu Hause oder in regelmäßigen Sprechstunden im Stadtbezirk. Die LotsInnen agieren nur als Coach.

 „In meinem Alltag benötige ich kein Internet“

Hervorzuheben ist, dass die Medien- und TechniklotsInnen nicht nur die Onliner, sondern vor allem den hohen Anteil der Offliner erreichen. Untersuchungen wie die DIVSI-Studie zeigen, dass knapp 50 Prozent der über 60-Jährigen Offliner sind. Zudem steigt der Anteil der Offliner mit dem Alter an. Auswertungen der Medien- und Techniklotsen Hannover zeigen: 65 Prozent der KlientInnen sind zwischen 70 und 85 Jahre, 30 Prozent zwischen 60 und 69 Jahre sowie 5 Prozent über 85 Jahre. Die älteste Klientin ist 93 Jahre und war bis vor wenigen Monaten der Ansicht: „In meinem Alltag benötige ich kein Internet“. Mittlerweile surft sie im Internet und nutzt Anwendungen wie Pinterest um sich neue Strickideen zu holen.

Neben der Technik ist vor allem das Gespräch sehr wichtig. Die LotsInnen können bei der Aneignung neuer Technologien helfen, doch die Motivation sollte vom Klienten kommen. Daher orientieren sich die LotsInnen am Alltag der älteren Menschen. Reisen die Klienten gerne, können Bewertungsportale von Hotels oder Bilder der Umgebung hilfreich sein. Schritt für Schritt werden diese Anwendungen erklärt und das Vorgehen regelmäßig wiederholt. Durch zeitnahe Erfolgserlebnisse ist der Klient motiviert weiteres zu lernen.

Kooperation mit der Volkshochschule

Die Ehrenamtlichen greifen für die Wissensvermittlung neben ihren eigenen Erfahrungen auf die absolvierte Ausbildung in Zusammenarbeit mit der VHS Hannover zurück. Das Ausbildungskonzept basiert auf einem Blended Learning Ansatz. Neben Präsenzphasen sollten die TeilnehmerInnen auf einer E-Learning-Plattform Inhalte vor- und nachbereiten. Nach der Ausbildung wird die E-Learning-Plattform für den Austausch sowie für das Wissensmanagement genutzt. Mehrmals im Jahr werden für die Medien- und TechniklotsInnen Fortbildungen angeboten oder sie nehmen an frei zugänglichen Webinaren teil. Dabei geht es beispielsweise um die Einrichtung von sicheren Smartphones oder die Nutzung von datensparsamen Anwendungen.

Einige Medien- und TechniklotsInnen verfügen darüber hinaus über umfangreiche Programmierkenntnisse. Deshalb bauen und programmieren die Lotsen zusammen mit SchülerInnen Arduino Roboter bei digitalen Aktionen in der Stadt und demnächst regelmäßig in einer Robotik AG. Durch die Roboterbausätze können Programmierkenntnisse interaktiv und spielerisch vermittelt, sowie vor allem Mädchen für naturwissenschaftliche Bereiche begeistert werden.

Ich initiierte das Projekt da ich davon überzeugt bin, dass Angebote wie die Medien- und TechniklotsInnen zunehmend wichtiger werden. Denn wer nicht mit den neuen Medien vertraut ist, wird schnell von der digitalen Teilhabe ausgeschlossen und im zunehmend technisierten Alltag auch von der Teilhabe am öffentlichen Leben.

Das innovative Projekt Medien- und Techniklotsen Hannover wurde in der bundesweiten „Google Impact Challenge“ sowie mit den „Goldenen Internetpreis 2017“  in der Kategorie „Kommunen für Ältere“ ausgezeichnet.

Digitale Nachbarschaft – Kooperation mit nebenan.de

Auch bei der Bedienung der Nachbarschaftsplattform nebenan.de unterstützen die Medien- und Techniklotsen. 2017 startete die Landeshauptstadt Hannover eine Städtepartnerschaft mit der Nachbarschaftsplattform nebenan.de. Das gemeinsame Ziel der Partner: Älteren Menschen den Zugang zu digitaler Nachbarschaft erleichtern, um ihr Leben im Alltag zu bereichern.

Die Sozial- und Sportdezernentin der Landeshauptstadt Hannover, Frau Konstanze Beckedorf, bekräftigte das Vorhaben. „Wir sehen darin ein hervorragendes Kommunikationsmittel zwischen Nachbarinnen und Nachbarn im Rahmen der alter(n)sgerechten Quartiersentwicklung. Denn auf der Plattform können Interessierte auf unkomplizierte Weise Angebote im nahen Umfeld finden, sich mit Nachbarinnen und Nachbarn austauschen sowie Kontakte knüpfen.“ Die Aktivitäten der angemeldeten NutzerInnen sind nicht über Suchmaschinen im Netz einzusehen. Darüber hinaus ist nebenan.de TÜV zertifiziert und unterliegt strengen Datenschutzrichtlinien, was vor allem für technikkritische Senioren sehr relevant ist. Wer die Plattform nutzt, bestimmt selbst, welche Inhalte im System gespeichert und sichtbar sein sollen. Jeder Nachbar muss in einem Verifizierungsschritt nachweisen, Anwohner der jeweiligen Nachbarschaft zu sein. Zudem sind alle Nutzer der Plattform mit ihrem Klarnamen angemeldet. So entsteht ein vertrauensvoller Umgang, der zudem vor Missbrauch schützt.

Nebenan.de ist in ganz Hannover nutzbar, doch nur in den drei Modellquartieren des Fachbereichs Senioren sind die QuartierskoordinatorInnen auf der Plattform angemeldet.

Sie tragen Angebote und Veranstaltungen des Fachbereichs Senioren ein und stellen Listen mit wichtigen Infrastrukturen des jeweiligen Quartiers zur Verfügung. Nebenan.de verzeichnet heute rund 800.000 Nutzer in ganz Deutschland. Zu Beginn der Kooperation im Jahr 2017 gab es in Hannover bereits 8.000 aktive Mitglieder – heute sind es über 14.000. Die digitale Nachbarschaftsplattform wird vor allem von der Altersgruppe 25 bis 54 Jahre genutzt. Nur sieben Prozent der NutzerInnen sind über 65 Jahre und älter.

Positive Effekte durch die Nutzung der Nachbarschaftsplattform

Daher zeigen die Medien- und Techniklotsen die Möglichkeiten von nebenan.de auf und helfen bei Bedienungsfragen. Am Anfang sind viele ältere NutzerInnen von nebenan.de zurückhaltend. Sie wollen die Unterhaltungen in ihrer digitalen Nachbarschaft erst einmal beobachten. Denn bisher wurden Kontakte eher direkt und real geknüpft. Nach und nach bringen die älteren Menschen sich auf der Plattform ein, indem sie beispielsweise auf dem Marktplatz Gegenstände verschenken oder nach Gleichgesinnten für gemeinsame Freizeitaktivitäten suchen. Gleichzeitig wird den älteren Menschen bewusst, dass die digitale Plattform nur Mittel zum Zweck ist. Ein Werkzeug, um im Internet den ersten Schritt aufeinander zu zugehen. Die wahre Begegnung findet dann außerhalb des Netzes statt.

Nach einem Jahr zeigen sich zahlreiche positive Effekte durch die Nutzung der Nachbarschaftsplattform. Die Anmeldungen von Menschen über 65 Jahre steigen stetig. Ferner sind Veranstaltungen besser besucht und die QuartierskoordinatorInnen erreichen Menschen quer durch alle sozialen Schichten. Darüber hinaus wird das Beratungsangebot des Fachbereich Senioren stärker genutzt. Ebenso erreichen die QuartierskoordinatorInnen über die Plattform regelmäßig Anfragen zu Möglichkeiten bürgerschaftlichen Engagements. Aufgrund dieser positiven Erfahrungen wollen sich in Hannover auch andere Quartiersmanager, Kirchengemeinden und Vereine auf der Nachbarschaftsplattform registrieren.

Zu diesem Zweck werden demnächst „Organisationsprofile“ auf nebenan.de freigeschaltet: So sollen lokale Vereine und Organisationen mit einem offiziellen Auftritt auf der Plattform vertreten sein, um die Nachbarschaften, in denen sie sich engagieren, über ihre Aktivitäten informieren zu können. Die QuartierskoordinatorInnen aus Hannover waren bei der Entwicklung der neuen Profile von Anfang an dabei.

In der realen Quartiersentwicklung engagieren wir uns bereits für die Menschen im Quartier. Daher möchten wir auch die digitalen Nachbarschaften in Hannover weiter ausbauen, um die digitale Teilhabe aller BürgerInnen in der Landeshauptstadt Hannover zu sichern.

Über den Autor

Patrick Ney (Gerontologe M.A., E-Business-Manager) ist Projektmanager für Digitalisierung in der Landeshauptstadt Hannover. Er beschäftigt sich neben technischen Assistenzsystemen mit digitaler Bildung und Digital Services. Ziel ist es, die Entwicklungen...

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