Vier Hände von vier Menschen berühren sich, alle mit geballter Faust, über einem Tisch mit Schreibutensilien
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Deutschland ist die größte Wirtschaft in Europa und eine Art Bibliothek der Sozialpolitik. Andere Nationen blicken nach Deutschland, wenn sie ihre eigenen politischen Agenden entwickeln. Beobachter aus dem Ausland mögen überrascht sein, zu erfahren, dass es Deutschland ein wenig an digitaler Innovation fehlt.

Nathan Coyle aus Großbritannien ist Sozialaktivist. Er hat das Wegweiser-Kommune-Team ein paar Tage lang in Gütersloh begleitet und blickt mit dem Auge eines „Community Developers“ auf die Digitalisierung in Deutschland . Dieser Artikel ist eine Übersetzung des englischen Originals, das zunächst auf der Website der Royal Society of Arts erschien.

Bürgergesteuerte Innovation der Gesellschaft entwickelt sich ständig weiter. Dabei ist es aber wichtig, dass sie personenzentriert bleibt. Technologien werden immer der Anpassung über die Jahre unterworfen sein. Was aber bleibt ist, dass wir immer Menschen um uns herum haben. Menschen, die in unserer Nachbarschaft leben. Um einen sozialen Fortschritt in unseren Gesellschaften zu erzeugen, benötigen all jene, die die positive Entwicklung unserer Gesellschaft voranbringen, Tools, die sie bei ihrer Tätigkeit unterstützen: von winzigen hyperlokalen Initiativen bis hin zu großen Organisationen, die den Politikwandel auf Bundesebene beeinflussen. Eines dieser Tools ist Open Data. Es wird immer wertvoller darin, für bestimmte Fragen objektive Nachweise zu erbringen, Entscheidungsträger zur Verantwortung zu ziehen und digitale Anwendungen zu entwickeln, die sich positiv auf die Gesellschaft auswirken.

Laut Global Open Data Index der Open Knowledge Foundation ist das Vereinigte Königreich die führende europäische Nation in Bezug auf die Freigabe von Daten für Aktivisten. Wir haben eine große Zahl technologiebegeisterter Personen, die eine Leidenschaft dafür haben, zusammenzuarbeiten und sich daran zu beteiligen, das Handeln der Regierung zu beeinflussen. Wenn Sie aber weiter unten einen Blick auf denselben Bericht werfen, dann wird Sie eine Platzierung überraschen: Deutschland nimmt neben Hongkong und Rumänien den 24. Platz ein. Warum hinkt Deutschland also hinterher, wenn es um die Digitalisierung geht?

Vor Kurzem verbrachte ich eine Woche bei der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh, u.a. um mich über eine Reihe von Projekten, an denen ich im Vereinigten Königreich arbeite, auszutauschen und um etwas über ihre Arbeit im Bereich der Digitalisierung in Deutschland zu erfahren. Dabei habe ich das Projekt Smart Country kennengelernt, das untersucht, wie Deutschland Smart-City-Denken nutzen kann, u.a. indem sie nach Best-Practices im europäischen Ausland schauen. Außerdem habe ich den Wegweiser Kommune kennengelernt.

Zwischen der Recherche, wo das örtliche Brauhaus zu finden ist, dem Essen von Frikadellen und dem Versuch, Weißbier aus dem Supermarkt zu widerstehen, habe ich mehr über den Zustand von Open Data in dem Land gelernt.

Der digitale Wandel verunsichert viele Deutsche

Zu Beginn meines Aufenthalts in Gütersloh führte das Projektteam ein Brainstorming zur nächsten Phase seines Digitalisierungsprojekts durch, wobei sie sich an ihrem Bericht Smart Country – Vernetzt. Intelligent. Digital orientierten, der auch betrachtet, was in Österreich, Estland, Schweden und Israel in Sachen Digitalisierung geschieht. Wir diskutierten darüber, wie skeptisch die deutsche Bevölkerung gegenüber der Macht der digitalen Transformation eingestellt ist.

Nicolas Zimmer vom Bundesverband Deutsche Startups erzählte im Juni 2017 gegenüber der Deutschen Welle, dass „digitale Kompetenz fehlt“ und sogar Digital Natives damit kämpfen, Digitalisierung nicht nur auf Social Media zu beziehen. Inzwischen landet Deutschland im „World Competitive Ranking“ der IMD Business School in der Schweiz unter dem Punkt

„Digitalisierung“ auf dem 17. Platz und laut einer Umfrage des World Economic Forums stimmen nur 24% der Deutschen der Aussage zu, dass digitale Medien ihre Lebensqualität gesellschaftlich oder beruflich verbessert haben.

Die Aussicht, das digitale Zeitalter zu verpassen, hält Unternehmensführer und Politiker in Deutschland nachts wach, wobei Angela Merkel auf der CeBIT Messe 2017 bestätigte, dass viele Menschen hinsichtlich des Tempos des digitalen Wandels verunsichert sind. Was könnte also dahinterstecken?

Datenschutz ist ein enorm wichtiges Anliegen für Deutsche und es scheint, als gäbe es ein generelles Misstrauen gegenüber Daten. Bewegen Sie sich zum Beispiel in Google Street View und Sie werden merken, dass die Nation meistens im Straßennetz fehlt. Google zeigte sich diesbezüglich diplomatisch als es erklärte „die Prioritäten haben sich einfach verschoben“. Aber die Verzögerung kann durch die Tatsache erklärt werden, dass ein Anwohner geklagt hat, die firmeneigenen Street-View-Autos verletzten die privaten Rechte des Klägers, und das zuständige Gericht in Berlin sehr lange gebraucht hat, ein Urteil zu sprechen. Darüber hinaus gab Street View den Deutschen eine Opt-out-Option, für die sich 244.000 Haushalte ordnungsgemäß angemeldet haben. Das Resultat sind eine Menge verschwommener Gebäude. Microsoft Streetside hat seine Initiative wegen dieser Probleme in dem Land ebenfalls zurückgezogen.

Deutschland kann ein alternatives Modell für Smart City sein

Dennoch denke ich, dass eine strukturiertere Herangehensweise, um Vertrauen in die Digitalisierung wachsen zu lassen, auch in Deutschland Ergebnisse zeigen wird. Das bedeutet, wir sollten alle verständlicher über Technologien reden und den Bürgern durch direkte Interaktion ein Mitspracherecht an der Digitalisierungsagenda geben. Da in Deutschland ein echtes Misstrauen gegenüber der Digitalisierung herrscht, wird ein Top-Down-Ansatz der Regierung vermutlich scheitern. Und sich nur auf digitale Start-ups zu verlassen, um eine breitere Wirkung auf die digitale Kompetenz zu haben, ist optimistisch. Vertrauen muss geschaffen werden durch eine Entwicklung der Gemeinschaft und durch Rechenschaftspflicht.

Die digitale Agenda in Deutschland ist einzigartig und nicht vergleichbar mit anderen Nationen. Sie lässt aber Raum für eine gemeinschaftsgesteuerte digitale Revolution. Falls Deutschland dies gelingt, indem es einen Ansatz wählt, der die gesellschaftliche Entwicklung und die Bürgerinnen und Bürger in den Fokus nimmt, kann es ein anderes Modell für Smart City sein als es derzeit wegweisende Länder wie Südkorea und die USA sind. Die Menschen müssen in allen Bereichen der Digitalisierung im Mittelpunkt stehen, wenn das Misstrauen gegenüber der Digitalisierung überwunden werden soll. Wenn Deutschland dies gelingt, könnte es wirklich besonders und ein Entwurf für andere Nationen sein.

Angesichts der Tatsache, dass Deutschland weltweit einen großen industriellen und wirtschaftlichen Einfluss hat, wirkt seine Geschichte der digitalen Transformation schon merkwürdig. Aber in einem Land, das einige der größten Denker der Geschichte hervorgebracht hat, können wir schon annehmen, dass die richtigen Entscheidungen getroffen werden.

 

Nathan Coyle ist ein in den West Midlands lebender Sozialaktivist und Direktor der bürgerlichen Innovationsorganisation New Union. Eine Organisation, die eng mit der nationalen und kommunalen Regierung zusammenarbeitet, um digitale Lösungen zu entwickeln, die kollaborativ von der Gemeinschaft erbaut werden und personenzentriert sind. Er schreibt für The Huffington Post und ist der Gründer zweier Open-Source-Plattformen, der Wahlkampfplattform für Jugendliche Civify und Data Brew, ein Projekt, das Aktivisten hilft, Open Data kennenzulernen.

Über den Autor

weitere Informationen zum Autor finden Sie unter www.ournewunion.org

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