Gustav Adolfi Gümnaasium in Tallinn
Gustav Adolfi Gümnaasium in Tallinn

Das Team von „Smart Country“ hat inhaltlich den diesjährigen Reinhard Mohn Preis vorbereitet. Kurz vor der Verleihung des Reinhard Mohn Preises 2017 an den früheren Staatspräsidenten Estlands, Toomas Hendrik Ilves, für seine Verdienste um die Digitalisierung in der baltischen Republik, fasst das Team seine Eindrücke aus den vergangenen 1 ½ Jahren zusammen. Was waren persönliche Highlights? Welche Themen bleiben in Erinnerung? Und wie könnte es weitergehen?

Reisen bildet. Das haben wir nicht zuletzt am „Gustav Adolfi Gümnaasium“ in Estland erfahren.

Mich haben im Rahmen unserer Recherchen besonders die Menschen beeindruckt, die wir kennenlernen durften. Dass wir in Deutschland noch nicht so weit sind wie andere Länder und wie insbesondere Estland, hat nur mittelbar mit fehlenden Strategien und technischen Lösungen zu tun. Der eigentliche Grund liegt tiefer: Es hat mit den Menschen zu tun.

An dieser Schule in Estland haben wir im Kleinen erlebt, was das Land im Ganzen zum Erfolg geführt hat: Menschen, die neugierig und experimentierfreudig sind. Menschen, die etwas gestalten wollen. Menschen, die über Hierarchieebenen und Zuständigkeiten hinweg auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Menschen, die Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in die Beherrschbarkeit von Technik haben.

Curricula lassen Raum für eigene Ideen. Schüler und Lehrer experimentieren gemeinsam mit kleinen Robotern, bringen sich gegenseitig Kniffe und Tricks beim Umgang mit Computerprogrammen bei, nutzen im Fachunterricht ganz selbstverständlich Computer und das Internet. Den 3-D-Drucker hat ein Wirtschaftsunternehmen gespendet. Aufgebaut wurde er nicht von einem Informatiklehrer, sondern von Schülern – über Nacht, weil sie die Spannung nicht aushielten, bis zum nächsten Tag zu warten.

Auch im Großen – auf nationaler Ebene – verstehen es die Esten, den Prozess der Digitalisierung mit Begeisterung gemeinsam voranzutreiben.

1995 brachte unser RMP-Preisträger Toomas Ilves in Estland das Tiger Leap Programm auf den Weg, das Schulen flächendeckend ans Internet anschloss, mit Hard- und Software ausstattete und Lehrer qualifizierte. Die damaligen Schüler sind heute – mehr als 20 Jahre später – Verantwortungsträger in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Estland ist digitaler Pionier.

Wo stehen wir derweil? Gerade wurde eine Untersuchung veröffentlicht, nach der weit weniger als 20 % der Schulen in NRW über einen Breitbandanschluss mit mehr als 50 Mbit verfügen. Nicht selten sind Smartphones in Schulen verboten und Lehrer schreiben mit Kreide auf Tafeln. Unglaublich, aber wahr. Und unsere Verantwortungsträger von heute? Unsere Verantwortungsträger in 20 Jahren?…

Als unser Projekt startete, dachte ich, wir müssten uns mit technischen und strategischen Fragen beschäftigen. Aber es ist weit mehr als das: Es muss darum gehen, die Menschen aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken und mit der deutschen Gesellschaft einen kollektiven Zeitsprung zu vollbringen. Wie das gehen soll? Gute Frage! Und ich bin dankbar für jeden Hinweis.

Foto: Villem Lüüs/commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0

Über den Autor

Dr. Kirsten Witte, Jahrgang 1966 ist Leiterin des Programms LebensWerte Kommune. Nach ihrem VWL Studium arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin bis 1994 an der Uni Münster. Im gleichen Jahr promovierte...

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Bitte füllen Sie alle Felder aus: