Rückansicht auf einen Mann, der an einem Bildschirm arbeitet und Kopfhörer aufhat. Hinter dem Bildschirm bricht sich die untergehende Sonne.
Foto: Simon Abrams auf Unsplash.com

„Jetzt sind die Open-Data-Aktiven am Zug“. So formulierte es sinngemäß ein Mitarbeiter einer kommunalen Verwaltung auf meiner #OpenDataReise. Die Kommune hätte ein Open-Data-Portal zur Verfügung gestellt und somit erstmal ihre Schuldigkeit getan. Die Zivilgesellschaft könne nun ihren Beitrag leisten und auf Basis der offenen Daten nützliche Anwendungen entwickeln.

Diese Anekdote veranschaulicht symptomatisch: Es gibt von offizieller Seite aus bisher zu wenig Förderung und Anerkennung für das digitale Ehrenamt in Deutschland. Denn was ist es anderes als digitales, ehrenamtliches Engagement, wenn jemand in der Freizeit etwas programmiert, das der Stadtgesellschaft zu Gute kommt und für das es (meistens) keinen kommerziellen Hintergrund gibt? Als selbstverständlich sollten wir dieses Engagement nicht betrachten. Es sollte gefördert werden.

Förderung des digitalen Engagements auf Bundesebene: Fehlanzeige

Wikimedia Deutschland, das betterplace lab und das Kompetenzzentrum Öffentliche IT (Fraunhofer FOKUS) haben in einer Studie Fördermöglichkeiten für digitales Engagement auf Bundesebene recherchiert. Welche Maßnahmen gibt es, um digitales Ehrenamt zu fördern und gesellschaftlich zu würdigen? Sie sind kaum fündig geworden.

Die Autoren der Studie unterscheiden zwischen digitalem Engagement einerseits, also bürgerschaftlichem Engagement, das überwiegend im digitalen Raum stattfindet. Dies grenzen sie ab von der Digitalisierung des bürgerschaftlichen Engagements. Hierunter versammeln sie „traditionelles“ bürgerschaftliches Engagement (häufig in Organisationen und Vereinen ausgeübt), das die neuen digitalen Möglichkeiten nutzt, um beispielsweise Menschen besser miteinander zu vernetzen. In der Studie werden Formen der Anerkennung und Fördermöglichkeiten für digitales Engagement zusammengetragen. Insbesondere bei der Anerkennung hakt es. Das einzige Positivbeispiel für eine Anerkennung auf Bundesebene ist der „Goldene Internetpreis“, der Projekte auszeichnet, die ältere Menschen beim Zugang zum Netz und in der Nutzung des Internets unterstützen. Die Autoren stellen fest, „dass der Wert und Beitrag digitalen Engagements zum Gemeinwohl kaum im Bewusstsein und den Debatten der engagementpolitischen Fachöffentlichkeit verankert ist“. Und weiter:

„Zusammenfassend entsteht nach der Analyse der Eindruck, dass die Bundesregierung den digitalen Wandel als relevante Einflussgröße und Chance für bürgerschaftliches Engagement zwar anerkennt, in der Förderpraxis jedoch nicht konsequent berücksichtigt.“

Lediglich eine Fördermaßnahme wird identifiziert, die sich explizit an „gemeinwohlorientierte Projekte mit Digitalisierungsbezug“ richtet: der von der Open Knowledge Foundation betriebene, und vom BMBF mit 1,2 Millionen € geförderte Prototype Fund. Die Studie verweist außerdem noch darauf, dass sich die traditionellen ehrenamtlichen Strukturen in einem grundlegenden Wandel befinden:

„Für engagierte Privatpersonen, informelle Zusammenschlüsse und neue Formen der Organisation bürgerschaftlichen Engagements besteht nur ein limitierter Zugang zu finanziellen Zuwendungen des Bundes, wenn diese Akteure nicht traditionell auf Vereine zurückgreifen oder sich nicht in andere formal und großflächig organisierte Interessensstrukturen eingliedern.“

Auch die Bundesländer können aktiv werden

Der Bund und seine Institutionen sind aber nicht die einzigen potenziellen Förderer des digitalen Ehrenamts. Auch die Bundesländer könnten hier aktiv werden. Rheinland-Pfalz hat vergangenes Jahr zehn Projekte (leider finde ich keine Seite auf der die Gewinner aufgeführt sind) unter dem Schlagwort „Ehrenamt 4.0“ ausgezeichnet. Der Bundesrat hatte vergangenes Jahr auf Betreiben von Nordrhein-Westfalen hin eine Gesetzesinitiative gestartet, um den Freifunk in Deutschland als gemeinnützig anzuerkennen (im Bundestag verlief dies erstmal im Sande). Davon abgesehen, scheint es Beispiele für eine Förderung des digitalen Ehrenamts auf Landesebene nicht im Überfluss zu geben.

Nordrhein-Westfalen könnte (!) es besser machen. Das Land fördert in den kommenden Jahren fünf Kommunen, die sich zu digitalen Modellkommunen entwickeln sollen, mit einem Betrag von bis zu 91 Millionen €. Mit einer solchen Summe kann vieles bewegt werden, wenn sie sinnvoll investiert wird. Zu einer digitalen Modellkommune gehört auch eine digital kompetente und engagierte Stadtgesellschaft. Digitale Ehrenamtler wiederum leisten mit ihrem Engagement einen wertvollen Beitrag für die digitale Stadtgesellschaft. Eine Förderung für das digitale Ehrenamt sollte daher Bestandteil der Maßnahmen in den Modellkommunen sein.

Wie können Kommunen das digitale Ehrenamt fördern?

Ein positives Beispiel für die Anerkennung digitalen Engagements auf kommunaler Ebene erreichte mich über Twitter (danke für den Hinweis @eberius). Der frühere Oberbürgermeister der Stadt Köln, Jürgen Roters, hat dem OK Lab Köln seine Anerkennung und seinen Dank für das ehrenamtliche Engagement bekundet.

 

Ehrenamtliche Initiativen brauchen Räume, um sich auszutauschen. Dies gilt umso mehr für digital Engagierte, die häufig nicht einer Organisation mit eigenen Vereinsräumen angehören. Wo sollen sie sich offline treffen? Die Stadt Ulm hat darauf eine Antwort gefunden. Mit dem Verschwörhaus in Ulm hat sie vielen digital geprägten Communities in der Stadt ein großes Experimentierhaus zur Verfügung gestellt – mitten in der Stadt. Es ist ein Treffpunkt, der die digitalen Vorreiter der Stadt anzieht und gleichzeitig viele Veranstaltungen (z.B. im Bereich Medienkompetenz) anbietet, die auch Bürgerinnen und Bürger anlockt, für die Internet of Things, FabLab und Open Data noch Fremdwörter sind. Andere Kommunen könnten sich dies zum Vorbild nehmen und vergleichbaren Initiativen Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, und zwar am besten zentral gelegen und nicht auf der grünen Wiese.

Die Stadt Bonn macht sich auf den Weg, digitale, ehrenamtliche Initiativen in der Stadt strategisch zu fördern. In einer Beschlussvorlage für den Rat der Stadt wird vorgeschlagen, mit dem OK Lab Bonn, The Things Network, Freifunk Bonn und dem Offene Kommunen Institut NRW zu kooperieren und beispielsweise gemeinsam Veranstaltungen auszurichten. Außerdem ist eine finanzielle Förderung im Haushaltsjahr von bis zu 10.000 € vorgesehen. (Update 29.01.2018: Der Rat der Stadt Bonn hat die Förderung der genannten bürgergesellschaftlichen Initiativen beschlossen).

Es gibt sie also doch: positive Beispiele für die Förderung der digitalen Ehrenamtler. Die Förderpraxis auf Bundes- und Landesebene sowie in den Kommunen hat sich auf diese moderne Form des Ehrenamts aber noch nicht ausreichend eingestellt. Es bleibt noch viel zu tun, um das digitale Ehrenamt anzuerkennen und zu fördern. Sollte ich gute Beispiele für die Förderung des digitalen Engagements nicht berücksichtigt haben (und davon gehe ich aus), freue ich mich über Hinweise in den Kommentaren.

Über den Autor

Project Manager im Programm LebensWerte Kommune der Bertelsmann Stiftung. Nach einem Studium der Politischen Wissenschaft, Neueren Geschichte und Medienwissenschaft, hat Mario Wiedemann über mehrere Jahre hinweg freiberuflich als Berater für...

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Bitte füllen Sie alle Felder aus: