Leseraum in der Stadtbibliothek Köln. Einige Sessel und in der Mitte eine rosa leuchtende Säule mit Tablets auf Ständern drum herum
Stadtbibliothek Köln (Foto: Fachstelle für offentliche Bibliotheken NRW/flickr.com, CC BY 2.0)

Wenn man über Innovationsträger in den Kommunen nachdenkt, kommt man möglicherweise nicht unbedingt gleich auf die öffentlichen Bibliotheken. Vielerorts gelten die Gemeinde- und Stadtbüchereien als verstaubte Buchentleihstationen. Und das ist nicht komplett falsch: In etlichen Kommunen fristen die öffentlichen Bibliotheken ein bescheidenes Dasein. Von über 9.000 öffentlichen Bibliotheken haben rund 4.400 einen kommunalen Träger und nur 3.200 davon werden hauptamtlich geführt.

„Die Zukunft ist da, aber ungleich verteilt“: Wenn auch Science-Fiction-Autor William Gibson damit nicht die Bibliotheken meinte, trifft sein Zitat hier durchaus zu. Während manche Bibliotheken mit knappen Mitteln, wenig Personal und einer veralteten Infrastruktur darben, sind andere Bibliotheken umtriebige und stark frequentierte Orte, die neben den klassischen Medienangeboten ganz selbstverständlich Makerspaces, Coworking und Repair-Cafés anbieten.

Nicht nur in den Städten, sondern auch und gerade im ländlichen Raum können die Bibliotheken die idealen Orte für die Gestaltung des digitalen Wandels, der Belebung der Region und den Austausch über Möglichkeiten durch die Digitalisierung sein. Sie sind oft die letzten nicht-kommerziell genutzten Kultur- und Bildungseinrichtungen der Gemeinden. Von jeher bieten sie allen Bürgerinnen und Bürgern Teilhabe an Bildung, Kultur, Gemeinschaft  und nicht zuletzt auch an technologischen Innovationen.

Bibliotheken als Lernort für digitale Kompetenzen

Neben kulturellen Veranstaltungen und der nach wie vor unschätzbar wertvollen Leseförderung gibt es zum Beispiel E-Reader-Sprechstunden, Schulungen in Social Media und im Umgang mit Suchmaschinen, Coding-Workshops oder Gaming-Events. Spielkonsolen und VR-Brillen können getestet oder ausgeliehen werden. In Social Media werden die Angebote und Services der Bibliotheken sichtbar und miterlebbar.

Offene Angebote zur Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz dienen der Chancengleichheit und der Überwindung des digitalen Grabens in der Bevölkerung. Während die Ausleihe von Medien (Büchern, Filmen, Hörbüchern, Brettspielen, Computerspielen, Noten u.ä.) abnimmt, steigen die Besucherzahlen und die Nutzung als Orte zum Lernen, Arbeiten, Spielen, Lesen und Treffen an. Digitale Dienste wie die „Onleihe“ und verschiedene Datenbanken schneiden nicht nur im Vergleich zu kommerziellen Angeboten sehr gut ab, sondern erfreuen sich auch reger Nutzung. Fahr- und Schulbibliotheken werden rege genutzt, wenn auch die Zahl der Fahrbibliotheken trotz konstanter Nutzerzahlen aufgrund der Kosten abnimmt.

Zugleich übernehmen die Bibliotheken wichtige Funktionen bei der Integration von Geflüchteten und Migranten. Neben Sprachlernangeboten, Leseförderung und Alphabetisierungskursen sowie dem Zugang zu Arbeitsplätzen und dem Internet werden die Bibliotheken als Begegnungsstätten geschätzt.

Von dem Grundgedanken her wären also die Bibliotheken hervorragend geeignet, um die digitale Transformation insbesondere im ländlichen Raum voranzutreiben. Betrachtet man die Ergebnisse der 11. Initiative des Colab zu #DigitaleRegion, drängen sie sich geradezu auf, wenn es um die Digitalisierung von Alltagserfahrungen, den Erwerb von Medienkompetenz und Partizipation der Bürger geht. Hier können Coworking- und Makerspaces entstehen sowie soziale Räume für lokale, regionale und digitale Netzwerke und die  Menschen, die ihre Region gestalten wollen. Ein Blick in die Städte könnte überdies helfen: Lässt sich von der Gentrifizierung lernen? Wie kann man Kreative und Gründer in die Dörfer locken, um mit ihnen und ihrer Tatkraft Lebens- und Arbeitsräume zu gestalten? Die Bibliotheken könnten hierbei starke Partner sein – wenn sie über eine gute Infrastruktur (WLAN!) und technische Grundausstattung verfügten sowie ihre Räumlichkeiten den veränderten Bedürfnissen angepasst und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entsprechend ausgewählt, geschult und gefördert würden.

Kommunen nutzen das Potenzial ihrer Bibliotheken nicht

In der Realität jedoch wird dieses enorme Potenzial der Bibliotheken selten erkannt und gefördert. Die Kommunen haben mit ihren Stadt- und Gemeindebüchereien ein vielseitiges und starkes Instrument, doch sie nutzen es nicht oder selten. In manchen Gemeinden werden die Bibliotheken regelrecht an einer Ausweitung ihrer Services und Verbesserung ihrer Infrastruktur durch Politik und Verwaltung behindert.

2015 hatten knapp über 10 Prozent aller Bibliotheken in Gemeinden mit unter 50.000 Einwohnern WLAN. Zum Vergleich: Zur selben Zeit hatten bereits über 80% der Bibliotheken in Gemeinden mit über 50.000 Einwohnern WLAN.

In Deutschland ist eine Bibliothek immer noch eine freiwillige Leistung, weshalb auch nur 45 Prozent der Kommunen über eine solche Kultur- und Bildungseinrichtung verfügen und sich in manchen Bundesländern die Schließungen sogar häufen. In manchen anderen Ländern, sind Bibliotheken eine gesetzliche Pflichtaufgabe der Gemeinden, deren Unterhaltung in der Regel gemeinsam von nationaler, regionaler und lokaler Ebene getragen wird.  Zwei Drittel aller EU-Länder haben ein Bibliotheksgesetz, wobei die von Großbritannien, Dänemark und Finnland als besonders vorbildlich gelten. Hier sind Bibliotheken als Orte und Dienstleister für die Informationsgesellschaft anerkannt, um die Zivilgemeinschaft zu stärken und eine Chancengleichheit in Städten und im ländlichen Raum zu gewährleisten.

Einige Bundesländer in Deutschland vergeben Fördermittel und erarbeiten Förderinitiativen wie zum Beispiel Nordrhein-Westfalen mit „Lernort Bibliothek – auf dem Weg in eine digitale Zukunft“. Seit 2009 erarbeitet die Fachstelle für öffentliche Bibliotheken NRW für und mit den öffentlichen Bibliotheken zukunftsfähige Konzepte, unabhängig davon, ob diese Bibliotheken in der Stadt oder auf dem Land, ob sie nun über viele oder nur wenige Mitarbeiter verfügen. Bibliotheken in anderen Bundesländern sind oft abhängig vom politischen Willen und der Finanzkraft ihrer Kommunen, um ihren wachsenden Aufgaben gerecht zu werden und nicht zur Buchentleihstation mit veraltendem Bestand zu verkümmern.

Bibliotheken können mehr. Viele wollen mehr. Sie können ein wesentlicher Netzwerknotenpunkt für die digitale Transformation gerade im ländlichen Raum werden. Idealismus muss man sich nicht nur leisten können: Man muss ihn sich leisten. Wirtschaftlichkeit darf hierbei keine Rolle spielen, selbst wenn das hippiesk klingen mag. Wer Rentabilität bei Infrastruktur-Projekten als maßgeblich erachtet, denkt zu kurz. Wer keine Strahlkraft entwickelt, wer die Gestaltungskraft seiner Bürgerinnen und Bürger nicht bündelt und wer das vorhandene Gute nicht zu nutzen weiß, wird es im ländlichen Raum schwer haben. Regelmäßig werden Millionen von Fördermitteln in Projekte gesteckt, die nach Ablauf der Förderdauer wieder verschwinden. Wie wäre es, wenn man bestehende Institutionen förderte, die bereits viel leisten und prädestiniert sind als Zentren der Zukunftsgestaltung? Bibliotheken mögen nicht immer wie Innovationstreiber aussehen. Sie sind es aber. Oder könnten es sein. Wenn man sie lässt.

Foto: Stadtbibliothek Köln, Fachstelle für offentliche Bibliotheken NRW/flickr.com, CC BY 2.0

Über den Autor

Wibke Ladwig begleitet Menschen im digitalen Raum und passt auf, dass sie nicht von Bären gefressen werden. Sie beschäftigt sich mit guten Geschichten, digitaler Identität und Szenografie und wie man den...

7 Kommentare

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  • Christoph Deeg

    06.06.2017
    # 01

    Spannender Beitrag, dem ich nur zustimmen kann. Bibliotheken können vor allem im Kontext der digitalen Transformation zu Innovationsträgern in Städten und Gemeinden werden. Ich habe dazu auf meinem Blog zwei Artikel veröffentlicht:

    http://christoph-deeg.com/2016/07/22/bibliotheken-als-innovationstraeger-einer-stadt-oder-gemeinde-teil-1/

    http://christoph-deeg.com/2016/07/25/bibliotheken-als-innovationstraeger-einer-stadt-oder-gemeinde-teil-2/

    Die Potentiale sind riesig – und in den Kommunen, in denen dies schon umgesetzt wird, ergeben sich sehr viele Mehrwerte. Es bedeutet aber auch ein Umdenken der Aufgabenbeschreibung von Bibliotheken inkl. einer Veränderung der damit verbundenen Kennzahlen etc.

  • Jochen Dudeck

    07.06.2017
    # 02

    Man merkt, dass Ihr nicht in einer real existierenden Kommune arbeitet. Weder die Onleihe noch Social-Media-Events finden hier bei uns in Nordenham (ein Hightech-Standort!) großes Interesse (wir waren die erste OEB mit einem Blog!) . Die „digitale Transformation“ ist für mich ein inhaltsleeres Mem. Für uns ist etwa die schon seit 20 Jahren existierende Zusammenarbeit mit allen in der Sozialarbeit Aktiven im Präventionsrat wesentlich wichtiger für unsere Netzwerkfunktion. Lasst Euch halt mal irgendwas sagen…

    • Wibke Ladwig

      07.06.2017

      Lieber Herr Dudeck,

      herzlichen Dank, dass Sie Ihre Erfahrungen mit uns teilen. Ich bin nicht sicher, wen Sie mit „Euch“ meinen, aber ich nehme an, dass Sie sich auf meinen Beitrag beziehen. Das eine große Rezept, dass überall und bei allen funktioniert, gibt es meines Erachtens nicht. Diesen Eindruck mochte ich gewiss nicht wecken. Ein solches Rezept kann es gar nicht geben. Die Voraussetzungen in den unterschiedlichen Orten und Bibliotheken sind so divers wie die Menschen und ihre Vorlieben.

      Wenn bei Ihnen das genannte Netzwerk etabliert ist und gut funktioniert, ist das doch klasse. Gerade den Erfahrungsaustausch finde ich wichtig, denn nur so können wir alle lernen – ob nun in einer Kommune arbeitend oder zwischen den Kommunen reisend. Vielleicht können Sie uns mehr darüber erzählen, wie diese Zusammenarbeit läuft und warum diese so wichtig ist?

      Och ja, Ebooks, Events. Die Nutzung von digitalen Büchern und von Social Media ist mancherorts (noch?) nicht sehr verbreitet. Etliche Bibliotheken gerade im ländlichen Raum, mit denen ich in den letzten zwei, drei Jahren zusammenarbeitete, nutzen Social Media eher zu Vernetzung mit Kolleginnen und Kollegen und zur eigenen Inspiration und Erweiterung ihrer Medienkompetenz. Da vor Ort außer WhatsApp und vielleicht noch Pokemonjagd kaum jemand was mit Social Media macht. Das stelle ich zusätzlich sowohl in meiner eigenen Familie im Sauerland wie auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis fest. Denn ich bin dem Anschein zum Trotz nicht nur in meiner flauschigen Digitalblase zuhause.

      Insofern bin ich auch dafür, keine Buzzwords als Heißluftballons durch die Welt zu jagen und für allmächtig zu erklären. Das versteht außer in eingeweihten Kreisen ohnehin niemand – und selbst innerhalt dieser Kreise möchte ich ein Verständnis oft in Frage stellen.

      Nichtsdestotrotz verändert sich, wie wir miteinander reden, leben und arbeiten. Und mein Wunsch wäre es, dass die Bibliothek an sich als Ort und Partnerin ein höherer Stellenwert eingeräumt würde. Ich glaube, dass sie alles mitbringt, um diese Veränderungen abzubilden, zu diskutieren und Menschen zusammenzubringen, die gesellschaftlich denken und gemeinsam handeln.

      Also, lassen Sie uns doch im Gespräch bleiben. Ich lasse mir gern was sagen, weil ich nicht beurteilen kann, was bei Ihnen vor Ort los ist.

      Schöne Grüße nach Nordenham!

  • Jochen Dudeck

    09.06.2017
    # 03

    Liebe Frau Ladwig!

    Danke für die nette Reaktion! Ich war nicht eben freundlich, aber mir gehen manchmal die Gäule durch. Ich bewege mich nun seit bald 15 Jahren in der „digitalen Szene“ und bin mancher Phraseologien einfach müde. Es ist mir viel zu viel heiße Luft und zu wenig durchdachte Konzeption unterwegs. Natürlich sind die Verhältnisse gerade in der Fläche sehr unterschiedlich, aber es gibt doch überall ähnliche Herausforderungen. Beispiel: MINT-Bildung. Wir sind auch nach 8 Jahren die einzige OEB in Deutschland, die ein lokales Netzwerk des „Hauses der kleinen Forscher“ koordiniert, erreichen damit sämtliche Litas in der Stadt und noch einige in der Region. Wir haben „wie Sauerbier“ dafür geworben, vom BuB-Artikel bis zu Erwähnungen bei Treffen oder Fortbildungen. Interessiert niemanden, obwohl es gerade auch für kleinere Einrichtungen interessant wäre. Ein evaluiertes Bildungsprogramm – das ja inzwischen auch auf Grundschulkinder erweitert wurde – wird ignoriert, aber halb durchdachte Formate (Makerspaces – Warum ist DAS was für UNS? Nichts gegen einzelne Veranstaltungen, aber was wollen wir damit, wo ist bitte das umfassende Konzept dahinter?) werden Hypes.
    Vor einem Jahr habe ich in Hamburg bei einer gut besuchten Veranstaltung (ca 100 TN) zu Schule & Bibliothek gefragt, wer denn den Entwurf des KMK-Papiers zur „Bildung in der digitalen Welt“ gelesen hat. Niemand. Ich habe „händeringend“ dazu aufgefordert, hier konzeptionell zu arbeiten, auch in den Fachstellen. Dabei reicht es nicht Fortbildungen einzukaufen, sondern hier ist schweißtreibende Arbeit gefragt. Und, war da was?
    Die Bibliotheken konzentrieren sich darauf „was-kreatives-mit-Medien-zu-machen“ oder bei Facebook unterwegs zu sein. Das meine ich nicht. Es geht um einen grundsätzlichen Systemwechsel und darüber machen sich offensichtlich zu wenig Leute Gedanken. Nach meiner Erfahrung ändern sich Organisationen erst, wenn sie nach draußen gehen oder „Fremdes“ hereinlassen. Unsere Vernetzung mit den sozialen Akteuren hat den Sinn, immer wieder in den Schuhen anderer zu laufen. Und dann zu unterstützen – wenn sinnvoll, auch „digital“.
    Ich komme gerade von einer Tagung an der Ev. Akademie Loccum zu „BIG DATA – Ein großes Ding für die Medienpädagogik“ mit Referent*innen aus der „ersten Reihe“. Ich war (natürlich) neben einer Mitarbeiterin der Akademie der einzige Bibliothekar. Wir werden dazu jetzt ein Veranstalztungsformat anbieten, das Schulen buchen können. Wir werden uns bemühen, unsere Bibliothek generell zum „digitalen Kompetenzzentrum“ umzubauen, was aber im Moment volles Risiko ist, weil die Gefahr besteht, dass uns etwa die Schulen voll auflaufen lassen. Mit einem gewissen Recht, denn man nimmt ihnen ständig Ressourcen weg und gibt ihnen zusätzliche Aufgaben.
    Ich finde es prinzipiell gut, dass Sie sich für die Beachtung der Kompetenzen kommunaler Bibliotheken einsetzen. Danke dafür! Aber, gerade der mittlere Abschnitt ist für mich doch sehr Digitaler-Filterbubble-Sprech, also das, was von den diversen Akteuren gegenwärtig überall ventiliert wird. Hier kann man kritische Anfragen stellen. Ein TN der Tagung – der im Bereich technology assesment arbeitet – hat die ähnlichen Äußerungen des D21-Vertreters als „völlig naiv“ bezeichnet. Soweit hierher – ich will Ihre Geduld nicht weiter strapazieren.

    MFG
    Jochen Dudeck

  • Andreas Mittrowann

    23.06.2017
    # 04

    Liebe Frau Ladewig, Glückwunsch zu diesem spannenden Beitrag in einer frischen Sprache, den ich sehr gern gelesen habe! Mir fiel gleich das wunderbare Praxisbeispiel der Leros Public Library ein, das der Kollege Dimitris Stamatelos auf der Konferenz „Chancen 2016: Bibliotheken meistern den Wandel“ vorgestellt hatte. Hier der direkte Link zum PDF: http://www.ekz.de/fileadmin/ekz-media/downloads/skripte/2016/chancen2016/Chancen2016_Stamatelos.pdf

    Herzliche Grüße, Andreas Mittrowann

    • Wibke Ladwig

      03.07.2017

      Lieber Herr Mittrowann,
      bitte verzeihen Sie. Ich wollte mich doch viel früher bedankt haben. Das hole ich nun nach: Herzlichen Dank für den Link (und Ihre freundlichen Worte). Den Beirag von Herrn Stamatelos lade ich mir sogleich herunter.
      Ich grüße Sie aus dem sonnigen Köln,
      Wibke Ladwig

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