Der letzte Strohhalm

Die EU wird den Planeten nicht retten, indem sie sich allein an Plastikstrohhalme klammert. Aber dass nun Plastikteller, Wattestäbchen, Strohhalme und andere Kunststoff-Wegwerfprodukte nach dem Willen des Europaparlaments der Vergangenheit angehören sollen, ist ein wichtiger erster Schritt. Weitere, weniger schüchterne Initiativen müssen dringend folgen.

Mehr Mut!

Schwimmende Müllhalden sind die Weltmeere schon jetzt. Mehr als 150 Millionen Tonnen Plastikmüll schwimmen laut Schätzungen im Meer. Allein im Nordpazifik treibt ein 1,6 Millionen Quadratkilometer großer Müllstrudel – viermal so groß wie Deutschland. Plastikflaschen, Fischfangnetze, Becher und Tüten verschmutzen die Strände in einem unvorstellbaren Ausmaß. Wir alle kennen die Bilder: Tiere schlucken diese Plastikteile oder verheddern sich im Müll und verenden qualvoll. Wenn wir so weitermachen wie bisher schwimmt schon 2050 mehr Plastikmüll in den Weltmeeren als Fische. Ungefähr eine LKW-Ladung davon kippen wir jede Minute ins Meer.

Jeder Deutsche produziert im Durchschnitt jährlich 220,5 Kilo Verpackungsmüll. Damit sind wir laut Umweltbundesamt trauriger Spitzenreiter in Europa. Würden wir diese Menge durch schlaues Einkaufen um ein Viertel reduzieren, würde jeder von uns in seinem Leben 20 Kipplaster weniger mit Gelben Säcken beladen.

Jeder Einzelne von uns ist Mitverursacher der Plastikflut und am Ende auch selbst betroffen. Es wird allerhöchste Zeit, dass wir etwas unternehmen – im Interesse der Meereslebewesen, der Umwelt und der eigenen Gesundheit. Denn was vielen von uns nicht unmittelbar bewusst ist: Im Grunde essen wir über Umwege unseren eigenen Plastikmüll – wenn Fische, die auf unserem Teller landen, zuvor umherschwimmenden Kunststoff aufgenommen haben. Ähnlich verhält es sich mit dem Mikroplastik, das wir in rauen Mengen produzieren, wenn wir beispielsweise unsere Fleecejacke waschen.

Lieb gewonnene Angewohnheiten

Wir Verbraucher werden verkraften, dass Brüssel nun eine Reihe von Plastik-Wegwerfartikeln verbannt, an die wir uns so sehr gewöhnt haben. Denn Hand aufs Herz: Schmeckt das Essen aus Fastfood-Boxen aus aufgeschäumtem Kunststoff wirklich? Brauchen wir unbedingt Plastikgeschirr und –besteck fürs Picknick? Was hat ein Strohhalm in meinem Aperol Spritz oder meinem Latte Macchiato zu suchen? Auch die Abschaffung der kostenlosen Plastiktüte, die uns nach dem Einkauf jahrzehntelang automatisch angeboten wurde, haben wir problemlos verkraftet. In ein paar Jahren werden wir uns hoffentlich fragen, wozu wir all diese Dinge jemals gebraucht haben. Die aktuelle Initiative der EU verbannt erst einmal sowieso nur Gegenstände, für die es bereits Alternativen gibt. Hier soll der Verbrauch bis 2025 um ein Viertel sinken.

Das kann nur der Anfang sein

Unbestritten wird diese EU-Gesetzgebung Verbesserungen bringen. Die Industrie wird zu Innovationen gedrängt, damit endlich alternative Materialien auf den Markt kommen. Aber am Ende reichen diese Pläne natürlich nicht aus – sie können bestenfalls ein symbolischer Anfang sein. Denn die Einweg-Produkte machen nur einen verschwindend geringen Anteil am gesamten Verpackungsmüll aus. Laut Bundesumweltamt etwa 0,64 Prozent. Um den Verbrauch von Plastik mehr als nur marginal zu reduzieren, brauchen wir eine radikale Kursänderung. Beispielsweise könnten Mülldeponien für Plastik in der EU verboten werden. Oder wir führen eine umfassende Plastiksteuer ein.

Im Grunde ist es fast egal, welche weitergehenden Maßnahmen wir ergreifen. Hauptsache, wir fangen endlich damit an! Ganz schnell. Auf der Ebene der Gesetzgebung und bei uns selbst:



Kommentare

  1. / von Robert

    Wattestäbchen….Trinkhalme….denkt denn keiner an die Unmengen Verpackung im SB-Bereich. Wie einfach wäre es, Wurst, Käse etc. an der Bedienungsthek zu kaufen.

    1. / von Oliver Haubner
      zu

      Genau das, was Sie ansprechen, ist der Punkt. Wir kümmern uns darum, Kleinigkeiten zu regeln, die mengenmäßig nicht ins Gewicht fallen. Die eigentlichen Probleme aber gehen wir nicht an. Und – auch da haben Sie recht – Jeder muss bei sich selbst anfangen. Beispielsweise, indem wir unseren Einkauf an der Lebensmitteltheke erledigen!

  2. / von Wolfgang Wähnke

    Inzwischen gibt es auch so genannte „Unverpackt-Geschäfte“. Hier die Geschäftsidee eines Geschäftes: https://www.startnext.com/losgeloest

    1. / von Oliver Haubner
      zu

      Stimmt – ich habe meinen Lieblings-„Unverpackt“ bei mir im Viertel schon in einem meiner Blogs erwähnt! Nach anfänglichen „Startschwierigkeiten“ hat er sich nun gut etabliert.

  3. / von Wolfgang Wähnke

    und dann hat mir meine Tochter von solchen Aktionen berichtet, die ich im Sommer am Atlantik ausprobierte, was dann auch prompt zu Nachahmereffekten führte: http://coldwatermag.com/beach-clean-up/

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