Kein Kind zurücklassen im Raphaelshaus in Dormagen

Jeder Praxisbesuch hinterlässt Spuren. Besonders, wenn man einen ganzen Tag Zeit hat, sich vor Ort umzuschauen und Fragen zu stellen. Einmal heraustreten aus der eigenen Projektarbeit von „Kein Kind zurücklassen“ und in eine andere Arbeitswelt eintauchen. Wahrnehmen, wie es dort ist und die Perspektive des Gegenübers kennen lernen. Dieses Privileg wurde mir zuteil, als ich – gemeinsam mit meinem Team – Ende September das Jugendhilfezentrum Raphaelshaus in Dormagen besuchte.

 

Jugendhilfezentrum mit Dorfcharakter

Auf der Zugfahrt diskutieren wir viele Fragen. Was erwartet uns im Jugendhilfezentrum? Was werden wir für unsere Projektpraxis darüber erfahren, wie Erziehungshilfen in der heutigen Zeit wirksam gestaltet werden können? Wir sind gespannt.

Begrüßt werden wir vom Heimleiter und seinem Vorgänger, mit dem uns eine mehrjährige Zusammenarbeit im Projekt „Kein Kind zurücklassen!“ verbindet. Wir erfahren, dass auf dem Gelände seit mehr als 110 Jahren Kinder und Jugendliche leben, zur Schule gehen oder tagsüber Angebote besuchen. 250 Kinder und Jugendliche sind es aktuell, die in verschiedensten Formen der stationären, teilstationären und ambulanten Jugendhilfe von über 200 Mitarbeitenden auf dem Gelände betreut werden.

Das Gelände des Raphaelshauses gleicht einem kleinen Dorf. Mehrere Gruppenhäuser, zwei Schulgebäude, ein Kletterpark, ein Schwimmbad und mehrere Ställe mit Tieren befinden sich auf dem Gelände. Allen Kindern wird heilpädagogisches Reiten angeboten. Beim Rundgang bin ich beeindruckt, auch eine Boulderhalle und einen kleinen Fitnessraum vorzufinden. All das, so erfahren wir, konnte über die Jahre und Jahrzehnte allein durch Spenden realisiert werden. Die Stimme der Jugendlichen wird bei der Weiterentwicklung gehört. So wurde der Fitnessraum beispielsweise auf expliziten Wunsch des Kinder- und Jugendparlaments eingerichtet.

Erfolgsrezept: gute Mitarbeitende und gute Rahmenbedingungen

Das attraktive Angebot spricht mich als Besucherin sofort an und ich gewinne den Eindruck, dass hier Menschen mit außergewöhnlichem Engagement bei der Sache sind und dass es gelingt, Tradition mit einem modernen Verständnis des pädagogischen Auftrags zu verbinden. Dieser Eindruck verstärkt sich, als wir mit einem Bereichsleiter der sogenannten „Kick-off-Gruppen“ sprechen. Das stationäre Angebot richtet sich an Kinder und Jugendliche, die aus anderen Einrichtungen und/oder Schulen rausgeflogen sind, häufig Gewalterfahrungen ausgesetzt waren und auch selber gewalttätig wurden. Eine individuelle Betreuung in sehr kleinen Gruppen, ein stark strukturierter Tagesablauf und die mehrfach tägliche Reflexion des eigenen Verhaltens in der Gruppe, gehören zum Konzept.

Die fachlichen Standards und die Ziele der einzelnen Angebote sind in einem konzeptionellen Handbuch nachlesbar. Auch Handlungsleitlinien für besondere pädagogische Situationen gibt es in schriftlicher Form. Noch wichtiger aber erscheint mir, wie das vor Ort umgesetzt werden kann.

„Die guten Rahmenbedingungen für erlebnispädagogisches Arbeiten haben mich in all den Jahren am meisten motiviert“, berichtet der Bereichsleiter. Es sei schon außergewöhnlich, dass bspw. Exkursionen mit der Möglichkeit für mobilen Schulunterricht zum festen Bestandteil der Kick-off-Gruppen gehöre. Ein besonderes Erlebnis sei es für ihn immer gewesen, dabei zu sein, wenn ein Jugendlicher bei einer der Exkursionen das erste Mal in seinem Leben das Meer sieht.

Schonräume für Kinder mit schlechten Startchancen

Im Laufe des Tages sprechen wir auch über die Gestaltung des Kontakts zu den Herkunftsfamilien der Kinder. Es wird deutlich, dass es eine zentrale und für die Entwicklung der Kinder wichtige Voraussetzung ist, die Wurzeln, Loyalitäten und Vernetzungen mit seinem familiären Herkunftssystem zu achten, zumindest solange, wie das Kind oder der Jugendliche nicht vor dieser Familie geschützt werden muss.

Angesprochen werden auch die herausfordernden Situationen im Arbeitsalltag, wenn zum Beispiel Kinder lange wegbleiben und sich nicht melden oder gewalttätig werden. Es erscheint mir intuitiv nachvollziehbar, dass die besonderen Rahmenbedingungen (wie etwa der Betreuungsschlüssel) hier Reaktionsmöglichkeiten eröffnen, die es anderswo nicht gibt.

Am Ende des Tages fahre ich nachdenklich nach Hause. Ich hoffe, dass möglichst viele Kinder mit schlechten Startchancen in ein Lern- und Lebensumfeld kommen, das professionell begleitete Schonräume bietet mit qualitativ hochwertigen sport- und erlebnispädagogischen sowie heilpädagogische Angeboten und festen Bezugspersonen. Das ließe mich hoffen, dass weniger Kinder zurückbleiben.

 

 

Weitere Informationen zu unserer Arbeit:

Seit 2012 engagiert sich die Bertelsmann Stiftung in der Initiative „Kein Kind zurücklassen!“ (KeKiz). Ziel dieser Initiative ist es, auf der kommunalen Ebene präventive Angebote zu entwickeln und so miteinander zu vernetzen, dass Kinder und Jugendliche bestmögliche Chancen für ein gelingendes Aufwachsen und gesellschaftliche Teilhabe erhalten. Wichtige Treiber dieser Vernetzung sind kommunale Jugendämter und freie Träger der Jugendhilfe, die Angebote und Unterstützung für Kinder und Jugendliche vorhalten. In der aktuellen Projektphase beschäftigen wir uns verstärkt mit der Verknüpfung der präventiven Angebote mit den anderen Säulen des Hilfesystems.  https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/kein-kind-zuruecklassen-kommunen-schaffen-chancen/

 

Das Forschungsprojekt „Gute Heime“ hat zum Ziel, wesentliche Dimensionen zur Beschreibung der Qualität stationärer Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe herauszuarbeiten. Ergebnisse werden im Frühjahr 2019 veröffentlicht.

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/kein-kind-zuruecklassen-kommunen-schaffen-chancen/projektthemen/wie-werden-hilfen-zur-erziehung-wirksam-gestaltet/qualitaet-in-der-heimerziehung/

Foto: Sammie Vasquez/Unsplash


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