Wieviel ist Soziale Arbeit wert?

Auf dem diesjährigen Bundeskongress Soziale Arbeit haben unter dem Motto „Der Wert des Sozialen – der Wert der Sozialen Arbeit“ vom 5.9. bis zum 7.9. in den Räumlichkeiten der Fachhochschule Bielefeld und der Universität Bielefeld verschiedene Vorträge und Workshops stattgefunden. In den auf drei Tage verteilten Veranstaltungen kamen Vertreter*innen aus Praxis, Wissenschaft und Lehre zusammen, um sich auszutauschen und gemeinsam Perspektiven für neue Handlungsoptionen zu erarbeiten. Es ging hierbei um die Themen:

  • Soziale Arbeit lernt
  • Soziale Arbeit praktiziert
  • Soziale Arbeit mischt sich ein
  • Soziale Arbeit normalisiert
  • Soziale Arbeit wächst
  • Soziale Arbeit verwaltet
  • Soziale Arbeit ist politisch
  • Soziale Arbeit ad hoc

 

Wie kann der Wert der sozialen Arbeit festgestellt werden?

Wertschätzung ist zunächst immer ein Vergleich von Leistung und monetären Gütern. So positiv sich der Begriff Wertschätzung auch anhört, letztendlich ist es nichts anderes als die Einordnung von der Nützlichkeit einer Leistung in ein imaginäres Raster. Der Begriff „Wertschätzung“ kommt aus einer Zeit, in der im Viehhandel auf dem Markt durch bloße Blicke der Wert eines Tieres buchstäblich geschätzt wurde. Daraus hat sich die Verhandlungsgrundlage ergeben. Übertragen auf die Soziale Arbeit stellt sich das Ganze etwas komplexer dar: Soziale Arbeit, bzw. das Handeln in sozialen Berufen ist nicht immer sichtbar und greifbar, geschweige denn anhand eines Blickes im Wert zu erkennen. Vielmehr zeigt sich die Auswirkung sozialen Handelns oft erst dann, wenn z.B. Klient*innen eine Einrichtung oder Anlaufstelle wieder verlassen haben, wenn sie erfolgreich in einen Beruf vermittelt wurden, wenn für Familien finanzielle Unterstützungsleistungen bewilligt wurden oder erkrankte oder eingeschränkte Menschen Mechanismen entwickeln, die sie nutzen können, um sich unabhängig vom sozialen Hilfesystem Teilhabe zu ermöglichen. Demnach ist ein faktischer Wert sozialen Handelns – wenn überhaupt – oft erst nach ebendiesem Handeln erkennbar.

Eine Methode, diesen Wert zu messen ist die SROI-Analyse (Social Return on Investment). Mithilfe dieser Analyse-Methode werden die Leistungen der Stakeholder zunächst quantifiziert und deren Wirkungen anschließend monetarisiert. So kann beispielsweise ausgewertet werden, wie sich Sozial- oder Gesundheitsleistungen auf die Krankenstände auswirken. Allerdings gibt es dennoch viele Handlungsfelder der Sozialen Arbeit, in denen sich Leistungen und deren Wirkungen nicht so leicht greifen lassen (Beispielsweise wenn es um psychische Gesundheit geht).

Soziale Arbeit: ein breites Berufsfeld liegt im Trend

In verschiedenen Diskussionsforen und Fachvorträgen des Kongresses hat sich wieder einmal gezeigt: Soziale Arbeit ist ein breites Berufsfeld. Im Hinblick auf die Entwicklungen in der Gesellschaft, den demographischen Wandel, technischen Entwicklungen und einer zunehmenden Orientierung am Bedarf der einzelnen Menschen wird soziale Arbeit immer relevanter. Und zwar nicht nur hinsichtlich der quantitativen Entwicklung, sondern auch in der Wahrung fachlicher Standards. Es gilt, auch auf Dauer zwischen einem fachlich-professionellen Qualitätsanspruch und dem Wachstum des Arbeitsfeldes die Waage zu halten.

Umsetzungshindernisse sozialer Arbeit am Beispiel von Integrationskursen

In Workshops wurde mit Vertreter*innen aus der Praxis darüber diskutiert, was die Soziale Arbeit in verschiedenen Fachbereichen bisher erreicht hat, und auch, wo noch Handlungsbedarf liegt und auf welchen Ebenen dieser umgesetzt werden kann. Beispielhaft dafür war eine Diskussion zu den sogenannten „Integrationskursen“ in NRW. Wie eine Untersuchung des BAMF 2015 ergeben hat, hatten seit 2001 bundesweit 279.772 Menschen einen Anspruch auf diese Kurse. 179.398 Personen haben diesen Anspruch wahrgenommen und davon lediglich 98.582 den Kurs abgeschlossen. Daraus könnte einerseits eine geringe Bereitschaft seitens der Kursteilnehmer*innen abgeleitet werden. Andererseits wurden strukturelle Hürden, eine unzureichend attraktiven Kursgestaltung, Sprachbarrieren, Fahrtkosten oder eine intransparente Notwendigkeit für die Teilnahme am Kurs diskutiert. Als immer wiederkehrendes Problem zeigt sich in der Praxis beispielsweise die Betreuung von Kindern. Ist diese nicht gewährleistet, ist vielen Müttern die Teilnahme am Kurs oder, sollten sie dennoch teilnehmen, das Lernen und Bestehen der Prüfungen nicht problemlos möglich.

Andere Hürden für optimales Handeln in der Sozialen Arbeit – sofern es so etwas überhaupt gibt – sind rechtliche Vorgaben oder auch Grauzonen. In der Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (umA) stellt sich dies zum Beispiel in der Altersfeststellung dar: Hier gibt es keine länderübergreifende Regelung, wie das Alter von jungen Geflüchteten ohne Ausweispapiere festgestellt werden soll. Auch innerhalt der Länder ist dies oft nicht einheitlich geregelt.

Wie kann der Wert der sozialen Arbeit gesteigert werden?

Um Ausbildung und Studium im sozialen Bereich attraktiver zu gestalten – deren Wert zu steigern –, müssen auch einige generelle Strukturen der Arbeitsbedingungen verändert werden. Der Fokus sollte nicht länger auf formalen im Studium erworbenen Kompetenzen, sondern auf einem partizipatorischen, demokratischen Praxisprozess liegen. Die Entwicklung von sozialer Arbeit ist nicht auf eine Komponente zu beschränken. Vielmehr zeichnet sie sich über ihre Reaktion auf fallspezifische Thematiken und Situationen aus, welche u.a. von sozialen, kulturellen oder technologischen Prozessen maßgeblich geprägt sind. Diese sind nicht immer messbar oder vorherzusehen.

Umsetzungshürden, wie die oben genannten, sind in der alltäglichen Praxis der sozialen Arbeit sowohl sichtbar als auch spürbar. Zwar gibt es auch seitens der Fachkräfte eine notwendige Handlungsoptimierung, jedoch müssen ebenso auf institutioneller Ebene Barrieren ausgeräumt werden. Angesetzt werden sollte diesbezüglich zunächst bei der Außendarstellung und Wahrnehmung sozialer Berufe. Hierzu gehört auch, dass die Arbeit im sozialen Sektor mehr gesellschaftliche Anerkennung bekommt und nicht zuletzt sollte die Bezahlung von Sozialarbeiter*innen der Leistung angepasst werden. Es ist nicht verwunderlich, dass in vielen sozialen Bereichen ein Fachkräftemangel herrscht, wenn ein*e Sozialarbeiter*in nach dem Bachelor-Abschluss mit einem Einstiegsgehalt von etwa 2.700 € brutto, ein*e Ingenieur*in hingegen mit etwa 4.300 € brutto rechnen kann.

Aber nicht nur das Gehalt wirkt sich auf die Arbeit aus, sondern auch die Team-Zusammensetzung. Viele soziale Einrichtungen sind unterbesetzt und können daher nicht immer die Arbeit leisten, die die Adressat*innen benötigen. So fehlt beispielsweise die nicht zu unterschätzende Zeit für persönliche Zuwendung und Wahrnehmung der individuellen Personen. Oft wird lediglich das geleistet, was geleistet werden muss und nicht mehr. Schuld daran sind nicht selten fehlende Ressourcen.

In unserem Projekt „Ankommen in Deutschland“ setzen wir uns intensiv mit der Situation auf dem deutschen Arbeitsmarkt auseinander und begleiten Kommunen bei der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten. Auch hier gibt es einige institutionelle Hindernisse, die durch eine gute Kooperation aller beteiligten Akteur*innen, ein stetiges Voraugenführen gemeinsamer Leitziele und durch eine achtungsvolle (nicht nur wertschätzenden) Zusammenarbeit überwunden werden können.
Weitere Informationen zum Projekt und Good-Practice-Beispiele aus den Kommunen gibt es auf unserer Webseite.

 

 



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