Good-Practice-Beispiele für Flüchtlingsarbeit aus Chemnitz

Negative Berichterstattung zu den Ereignissen der letzten Tage in Chemnitz gibt es zu genüge. Die Demonstration „wir sind mehr“ am 3.9. hat gezeigt, dass viele Menschen aus Chemnitz Zuwandernde willkommen heißen. Das spiegelt sich auch in bereits bestehenden Initiativen wieder. Gerade dann, wenn sich rechtsextreme Gruppierungen mobilisieren, sollte ein besonderes Augenmerk auf die positiven Beispiele kommunaler Flüchtlingsarbeit gelegt werden.

Nach den Ausschreitungen in Chemnitz in der letzten Woche gab es einige Reaktionen. Die vermutlich größte und wirkungsvollste war das Demo-Konzert am Montagabend unter dem Titel „Wir sind mehr“ am Karl-Marx-Monument. Aufgetreten sind Marteria und Casper, Nura (SXTN), die Toten Hosen, Trettmann, K.I.Z. und Feine Sahne Fischfilet. Insgesamt wurden etwa 65.000 Teilnehmende geschätzt. Die Demo war aber nicht nur insofern ein Erfolg, dass viele Menschen aus Chemnitz teilgenommen haben, sie hat auch deutschlandweit Wellen geschlagen. Menschen aus der ganzen Republik kamen angereist, in den sozialen Netzwerken wurde unter dem #wirsindmehr Solidarität gezeigt, Banner mit der Aufschrift „wir sind mehr“ wurden an Fenster gehängt. Ziel der Veranstalter war es, zu zeigen, dass die Menschen, die an eine Demokratie glauben und allen Menschen, egal welcher Herkunft oder Glaubensrichtung, ein Zuhause und Zuflucht geben wollen, mehr sind als die, die sich dem gegenüber stellen.

Zwar kann die Arbeit gegen rechtsextreme Bewegungen oft frustrierend sein, aber ein Zusammenkommen wie am Montag stärkt die Menschen, die weiterhin etwas bewegen wollen. Es wurde deutlich, dass es auch in Chemnitz viele Menschen gibt, die an ihrer Stadt festhalten und sie nicht kampflos den Rechtsextremen übergeben werden. Denn auch Chemnitz ist bunt.

Die Stadt hat einige Initiativen in der Migrations- und Flüchtlingsarbeit vorzuweisen:
2011 hat sich Deutschland dazu bereit erklärt, jährlich 300 Flüchtlinge aus dem UN-Resettlement-Programm aufzunehmen. Mit dieser Erklärung hat in Chemnitz die bundesweite Kampagne „Save me“ gestartet. Diese ist 2008 vom Bayerischen Flüchtlingsrat ins Leben gerufen worden, mit dem Ziel, Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen und ihre Rechte zu stärken. 2013 wurde über die Aufnahme von Resettlement-Flüchtlingen im Chemnitzer Stadtrat abgestimmt, daraufhin hat über die Kampagne ein Patenprogramm begonnen, das Geflüchtete und Zivilgesellschaft näher zusammenbringen soll. Dabei soll zum einen das Ankommen in Chemnitz für die Geflüchteten erleichtert, zum anderen auch ein gegenseitiger Austausch ermöglicht werden.

Eine weitere Anlaufstelle für geflüchtete Menschen ist der Verein AGIUA e.V., der im Bereich der Migrations-, Jugend- und Bildungsarbeit aktiv ist. Ziele des Vereins sind wie auch bei der Save-Me-Kampagne Orientierung für neu Zugewanderte in Chemnitz zu schaffen und die Begegnung zwischen Menschen mit Migrationshintergrund und Zivilgesellschaft zu fördern. In verschiedenen Projekten, wie z.B. einer Asylberatungsstelle (Kunlaboro), der SBA (soziale Betreuung von Asylsuchenden), SPRINT (Vermittlungsservice für Sprach- und Integrationsvermittlung) und anderen, werden Angebote geschaffen, die den Zugewanderten eine Orientierungshilfe über die rechtlichen Strukturen, sozialen Angebote und Zugänge zum Spracherwerb geben sollen. Außerdem werden z.B. im Jugendclub PAVILLON, einem interkulturellen Begegnungszentrum (IBZ) oder dem „Haus der Kulturen“ Begegnungen mit Menschen aus Chemnitz und Hinzugekommenen ermöglicht, um Vorurteile abzubauen und sich gegenseitig kennenzulernen.

Eine weitere Initiative für die Flüchtlingsarbeit in Chemnitz ist das Projekt „Stark im Beruf“. Mit diesem Projekt werden Mütter mit Migrationshintergrund bei dem Einstieg in Arbeit oder Ausbildung unterstützt. Das Projekt läuft bis Ende des Jahres und richtet sich an erwerbsfähige Mütter mit Migrationshintergrund, die mindestens 18 Jahre alt sind, in Chemnitz wohnen und deren Aufenthaltsstatus soweit gesichert ist, dass ein langfristiger Aufenthalt in Aussicht ist. Über eine sechsmonatige, an den Bedarfen der Teilnehmerinnen orientierte, flexible Begleitung werden die Frauen bei der Entwicklung und Aktivierung von Kompetenzen und Ressourcen zur Bewältigung von Alltags- und Arbeitsmarktsituationen sowie zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefördert.

Diese Projekte stehen beispielhaft für die Integrations- und Flüchtlingsarbeit in Chemnitz. Es gibt noch viel Handlungs- und vor allem Unterstützungsbedarf, allerdings wurden beispielsweise im Juni 2018 Beschlüsse zum Asylkonzept verabschiedet, mit welchem eine Transparenz über aktuelle Daten zum Thema Asyl über die Webseite der Stadt sichergestellt wird. Chemnitz ist bunt und die Mehrheit beabsichtigt, es noch bunter zu gestalten und die Vielfalt als Bereicherung anzusehen. Wichtig ist im Hinblick auf die Meinungsverschiedenheiten und Demonstrationen der letzten Woche allerdings auch, sich nicht gegeneinander aufzuhetzen. Es muss ein Dialog zwischen den besorgten und beängstigten Menschen, Repräsentierenden der Stadtspitze und den Zugewanderten möglich gemacht werden, um die Ängste nicht zu schüren, sondern abzubauen. Dazu ist Unterstützung auf allen Seiten notwendig.

Unterstützungshilfe bieten wir auch mit unserer Webseite.



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