Das Bild zeigt ein Verkehrsschild mit der Aufschrift "Blindentreff", es hängt an einem Verkehrsmast gut sichtbar, im Hintergrund ist ein Häuserdach zu erkennen sowie grauer Himmel darüber.

Blind heißt nicht Nicht-Sehen

Wer reist, erlebt viel. Das gilt besonders für das Reisen mit der (Deutschen) Bahn, wenn sie denn fährt: Viele Menschen, viele Geschichten beisammen im bewegten Raum.

Eine von diesen Geschichten ist diese hier: Kürzlich war ich in Sachen Demografie unterwegs nach Dresden, saß in einem dieser „alten“ Waggons, die mit den Abteilen. Kurz nach dem Halt im Bahnhof Bielefeld öffnete sich die Tür. Der Bahnbegleiter hatte zwei Damen im wahrsten Sinne des Wortes „an der Hand“. Beide trugen das Blindenabzeichen „gelb mit schwarzen Punkten“ am Revers ihrer Jacken, gut sichtbar für die Welt der Sehenden. Er platzierte die beiden Frauen mittleren Alters jeweils am Fenster. Er erklärte ihnen, wo sie sitzen und schließlich verstaute er auch ihr Gepäck mit Ansage: „Ihre Koffer liegen im Gepäcknetz genau über ihnen, den Rucksack habe ich neben sie auf den Sitz gestellt.“ Die Damen waren zufrieden und bedankten sich für die Freundlichkeit. „Endlich mal einer, der sagt, wo er etwas hinstellt“, bemerkte die Dame mit grüner Jacke. „Ja, die meisten Helfer helfen ohne zu helfen, weil sie nicht sagen, was wir nicht sehen können“, kommentierte die in blauer Jacke. „Sie sind nicht allein im Abteil“, fügte ich hinzu, weil ich mir nicht sicher war, ob sie mich bemerkt hatten. „Ja, das wissen wir, deshalb sagen wir das ja“, antworteten beide und lachten. Dann herrschte Schweigen.

Urlaub ohne Sehen 

„Wo fahren Sie hin?“, traute ich mich schließlich, meine Neugierde zum Ausdruck zu bringen. „Wir machen Urlaub in einer Pension in der Nähe von Leipzig“, klärte mich die Blaue auf. Wir kamen ins Gespräch. Urlaub für Blinde – für mich ein Novum. Ich dachte nach, was das bedeuten würde, wenn man eine neue Umgebung, die Natur, den Himmel und fremde Gesichter nicht sehen kann. Die Damen erzählten stolz, dass es dazu eine eigene CD gäbe, auf der man sich anhören könne, wie das Hotel aussähe und auch die Umgebung. Ich war überrascht.

Barrierefreiheit?

Als jemand, der beruflich ständig mit dem Altern der Bevölkerung zu tun hat, hatte ich mir nie vorgestellt, welche Auswirkungen etwa das Erblinden im Alter mitsichbringt. Und als Bloggerin fragte ich mich immer schon, wie das mit der Barrierefreiheit im Internet real in der „Zielgruppe der Nicht-Sehenden“ wahrgenommen wird. Wie kommen zum Beispiel die Bildbeschreibungen bei den blinden Menschen an, die ich so oft schon unter der Rubrik „Alternativtext“ geschrieben hatte? Bilder im Internet, die Texte für Sehende anschaulich machen, sind für Blinde unzugänglich – sie existieren gar nicht, es sei denn, sie sind vertextet, eben in der Rubrik „Alternativtext.

„Wir lieben diese Texte, die wir mit einer speziellen Technik vorgelesen bekommen. Je einfallsreicher sie geschrieben sind, desto mehr können wir dazu eigene Bilder im Kopf entstehen lassen.“ „Durch den Text können wir sehen“, fügt die grüne Dame der blauen Dame hinzu. Ich frage, was genau den Zauber der Texte ausmache. „Es sind für mich vor allem die Farben. Kaum jemand schreibt darüber, welche Farben das Bild zeigt. Farben machen Gefühle und ich freue mich, wenn etwas als rot beschrieben wird. Rot macht warm und ist behaglich.“ Ich konnte spüren, was sie da sagte.

Handy und Zahlen

Das Gespräch haben wir fortgesetzt – auch das Thema „Handy“ angesprochen. Die Dame in blau griff umständlich unter ihre Jacke und beförderte ein solches aus einem speziellen Umhängegurt hervor. Ein Handy mit besonders großen Tasten  und einem roten Punkt als Orientierungshilfe auf der Fünf. „Die Fünf ist die Insel, so kann ich mich im Meer der Zahlen drumherum zurechtfinden“, sagte sie sichtlich stolz.

In den bewegten Kilometern von Bielefeld bis Leipzig habe ich eine Menge über die Lebenswelt der Blinden und Sehbehinderten erfahren. Gelernt. Gefühlt. Eines davon ist: mit den Alternativtexten im Netz werde ich mir noch mehr Mühe geben – künftig wird es hier auch Farben geben. Dies ganz besonders für Sie, meine Damen in blau und grün, die mir viel übers Sehen beigebracht haben! Wobei das Thema „Barrierefreiheit“ damit noch längst nicht erschöpft ist.

Foto: Anke Knopp 2013

 

 

 

 

 



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