Deutschland in Nahaufnahmen: Leipzigs Street Credibility

Was hält die Gesellschaft zusammen, was treibt sie auseinander? In welchem Zustand befindet sich die deutsche Gesellschaft nach sieben Jahrzehnten Sozialer Marktwirtschaft? Die Bertelsmann Stiftung hat eine Sozialreportage veröffentlicht mit Berichten aus diversen Kommunen in Deutschland. Es geht um die Folgen von wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Strukturwandel an so unterschiedlichen Orten wie Sonneberg und Leverkusen, Radevormwald und Leipzig. Wie gehen die Menschen heute mit den Folgen von Globalisierung und demografischem Wandel um? Wir veröffentlichen zwei Reportagen aus der Publikation Deutschland in Nahaufnahmen. Hier erfahren sie mehr über die Reportagen und ihren Hintergrund. 

Leipzig boomt. Aber nicht überall. Die Eisenbahnstraße gilt als gefährlichste Straße Deutschlands. Auf engstem Raum mischen sich verschiedenste Nationalitäten, Kulturen, Biografien und soziale Schichten. Eine Spurensuche.

Auf dem Gehsteig nahe der Linie 3 in Richtung Taucha liegt kaum noch Schnee. Schmatzend treten in regelmäßigen Abständen Füße über dieselbe matschige Stelle. Die Tram-Haltestelle Einertstraße ist der Durchgang in ein ungewöhnliches Viertel. Hier beginnt die Eisenbahnstraße. Es riecht nach verbranntem Holz, die trockene Winterluft streift fröstelnd hochgezogene Schultern. Flüchtige, abgeklärte Blicke schweifen den Straßenzug entlang – offenbar imstande, das »Nur zu Besuch« auf der Stirn von Neuankömmlingen zu lesen. Ein Rollstuhlfahrer mit zerfurchtem Gesicht biegt schlingernd in eine Seitenstraße ab. Die Räder hinterlassen feine Rillen. Hinter einer beschlagenen Scheibe mit der Aufschrift „Bäckerei & Stehcafé“ rührt ein älterer Herr Kondensmilch in seinen Kaffee.

Eine Ecke weiter, an der Neustädter Straße, wurde voriges Jahr am helllichten Tag ein Rocker erschossen. Kurz dahinter, am Rabet rkRaäuft e Mann von Mitte 30 in Bomberjacke über den angrenzenden Aldi-Parkplatz und verleibt sich den Inhalt einer ganzen Tüte Chips ein. Es ist der umsatzstärkste Aldi von ganz Leipzig: Discount für Disqualifizierte.

In den dicht an dicht gebauten Häusern leben Menschen 73 verschiedener Nationalitäten. Im Leipziger Osten beträgt der Migrantenanteil 30 Prozent. Für ostdeutsche Verhältnisse ist das ungewöhnlich. Für bundesdeutsche nicht. Ebenfalls höher als in anderen Teilen der Stadt ist hier die Quote von Hartz- IV-Empfängern, aber auch der Studentenanteil ist hier besonders hoch. Eine Mischung, die der Eisenbahnstraße ein eigenes Gesicht verleiht und sie von der Norm im Rest der Stadt kappt.

Straßenschild von der Eisenbahnstraße. Ein Aufkleber verdeckt die Mitte des Wortes. Im Hintergrund eine mit Graffitti wild bemalte Fassade
Foto: Besim Mazhiqi

Doch die Eisenbahnstraße ist nicht nur für ihre Sozialstatistik bekannt. Auch in der Polizeistatistik ist sie eine bekannte Größe. Hier sollen Gewalt, Drogen und Kriminalität an der Tagesordnung liegen. Die Leipziger Polizei spricht von einem »kriminalgeografischen Schwerpunkt«, Boulevard-Medien reden von der »gefährlichsten Straße Deutschlands«. Wer wohnt hier freiwillig? Und: Wie lebt es sich hier eigentlich?

13 Uhr, es ist Mittagszeit im Brothers, einer Mischung aus türkischem Café und Restaurant an der Kreuzung Eisenbahn-/Hermann-Liebmannstraße. »Das hier ist der eigentliche Haupteingang der Eisenbahnstraße«, sagt Yakut, der Neffe des Besitzers. Er grinst. Nur kurz hat er sich Zeit genommen, gleich muss er weitere Kunden bedienen. Hibbelig dreht er den Salzstreuer vor sich auf dem Tisch hin und her. Seit zwölf Jahren lebt der 21-jährige Kurde in der Eisenbahnstraße. »Hier ist es wie in meiner Heimat – außer dass hier Deutsch gesprochen wird.« Im Brothers durchmischen sich nicht nur Sprachen, sondern auch Bildungsschichten, Milieus, Hautfarben, Jung und Alt. Dies ist ein Ort für alle »Eisenbahner«, wie sich die Anwohner selbst nennen.

Blick durch eine Schaufensterscheibe in das Brothers. Ein Mann hinter dem Tresen bedient einen anderen Mann
Foto: Besim Mazhiqi

Türkische Männer, die Köpfe über dampfenden Teegläsern zusammengesteckt, schnippen rhythmisch die Perlen ihrer Tesbih-Ketten über ihre Handrücken. Am runden Tisch daneben sitzt eine junge Mutter mit drei blonden, in Niki und Filz gekleideten Kindern. Die junge Familie isst Mercimek Corbasi, eine türkische Linsensuppe. Ein bulliger Glatzköpfiger steht von seinem Barhocker auf, um sich sein Tagesgericht mit Reis an der Theke abzuholen. Unmittelbar vor der schaufenstergroßen Glasscheibe des Restaurants sitzen zwei Hipster dicht nebeneinander und blicken zur Straße hinaus. Die Reifen der Autos zerfurchen den Schneematsch. Gedankenverloren halten die zwei jungen Männer ihre großen Tassen mit Milchkaffee in der einen Hand, während sie mit der anderen ihre asymmetrischen Haarschnitte durchkämmen.

»Frohes Neues!«, ruft Yakut immer wieder in das gedämpfte Gewirr aus Stimmen. »Na wie geht’s, alles gut bei dir, Bruder?« Die Schlange an der Theke scheint nicht abzubrechen. Auch am Wochenende steht Yakut um fünf Uhr auf. Sein Onkel hat das Restaurant erst letztes Jahr eröffnet. Der Laden läuft besser, als Yakuts Familie es erwartet hätte. »Für uns ist das Leben hier sehr gut. Aber es gibt auch viele, die arbeiten gar nicht. So läuft das nicht. Von nichts kommt ja nichts«, sagt er und steht auf. Er muss weiterarbeiten. Sprachfetzen – Deutsch, Türkisch, Arabisch, Russisch verschmelzen zu einem Klang. Unterbrochen wird er dann, wenn die Tür aufgeht und ein neues Gesicht in das warme Refugium schlüpft.»Eisenbahnstraße, Paranoia ist nicht weit – 18:30 Uhr, Rushhour, Kripozeit – Auslandsbezirk, schnelles Geld und Vertrieb – Messer raus, rein, Kilo Rip, unser Gebiet.« Der Leipziger Rapper Omik K bedient alle Klischees. In »Wir sind Straße« rappt er über Gewalt, Drogen, Bandenkriege und Razzien. Profane Texte, aufgebauscht mit der üblichen Street Credibility des Gangsterraps – beschreibt das den Alltag? Lebt in dieser angeblich so gefährlichen urbanen Problemzone tatsächlich eine Parallelgesellschaft?

Die Polizei hat vor drei Jahren eine eigene Außenstelle eingerichtet. Anlass war eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen zwei Großfamilien mit Migrationshintergrund. Das war am 22. Juni 2014. Nur wenige Wochen danach war der Polizeistandort »Eisenbahnstraße« fertig. Die Polizei verspricht Erreichbarkeit rund um die Uhr. Im Vorbeigehen wirkt die Wache verlassen. Überhaupt fühlt sich ein Gang durch die Eisenbahnstraße für Außenstehende überraschend harmlos an. Aber das täuscht.

Ehemalige Anwohner berichten von einschneidenden Erlebnissen. »Die Übergriffe wurden irgendwann zu krass«, erzählt Philip Köhler. Eine Zeit lang hat der 23-jährige Student der Politikwissenschaft mit seiner damaligen Freundin in der Straße gelebt. Nach zweieinhalb Jahren hielten sie es nicht mehr aus. Fast täglich wurde sie sexistisch beleidigt. »Der Unterschied zwischen einem Leben auf der Eisenbahnstraße für Männer und für Frauen ist extrem.« Irgendwann sei seine Ex-Freundin nur noch einen Umweg über Seitenstraßen zur Haltestelle Friedrich-List-Platz gegangen, erzählt Köhler. Die nächstgelegene Haltestelle Einertstraße war zu gefährlich.

Verschiedentlich wurden sie Zeugen von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen ihren Nachbarn. Einmal habe er den Krankenwagen rufen müssen, erinnert sich Köhler. »Von der Lage her war es natürlich praktisch.« Und günstig. Für 76 Quadratmeter in Uninähe zahlten sie 470 Euro warm. Im Leipziger Osten wohnt man preiswerter als im Rest der Stadt. Die Leipziger Mieten sind immer noch so niedrig wie in keiner anderen deutschen Großstadt. Und auf der Eisenbahnstraße sind sie noch niedriger.

Eine Fleischtheke. Zu sehen sind Paprikabrust, Bisonleberwurst und Rehschinken
Foto: Besim Mazhiqi

Dazu kommt ein Schuss Exotik in einer ansonsten immer noch sehr deutschen Großstadt. Neben Läden mit asiatischen, arabischen und russischen Originalprodukten stößt man auf Exoten wie einen deutschen Fleischer, der Bison, Känguru, Nutria und Zebra verkauft. »Meine Kunden kommen extra aus dem Stadtzentrum her«, sagt Martin Aßmann, der Inhaber der Dr. Sehmisch & Partner GmbH. Er macht ein gutes Geschäft, betreibt einen Lieferservice und steht unter der Woche mit seinem Verkaufsauto in verschiedenen Stadtteilen. »Leipzig erlebt einen Wahnsinnsaufschwung, das merkt man an jeder Ecke«, sagt Aßmann. Aber nicht alle profitieren davon.

Schräg gegenüber von Aßmanns Geschäft befindet sich ein Supermarkt, den er selbst noch nie betreten hat. Der Laden heißt »Im Angebot« und das ist keine Untertreibung. Ein Markenjoghurt kostet 30 Cent, das teuerste Produkt ist eine 1,5-Kilo-Packung Cabanossi eines bekannten Fleischproduzenten für 4,80 Euro. Lebensmittel zu Niedrigpreisen, dauerhaft. Kistenweise finden sich neben randvoll mit Tiefkühlware befüllten Gefriertruhen Stapel von Joghurtpaletten, eingeschweißten Wurstwaren, Feinkostsalaten und verschiedenen Käsesorten. Dieser Laden ist ein einziger Kühlraum, den nur ein gelblicher Kunststoffvorhang vom Eingangsbereich trennt. Wer diesen Raum betritt, geht nicht aus Spaß auf Schnäppchenjagd. Das Geld ist knapp, für viele Anwohner.

Leipzig ist eine der deutschen Städte mit der höchsten Armutsquote. Daran haben die wirtschaftliche Blüte und das Bevölkerungswachstum wenig geändert. Knapp ein Viertel der Einwohner gilt als arm. Für einen allein lebenden Deutschen heißt das, mit weniger als 900 Euro im Monat auskommen zu müssen. 2015 lebte in dieser Stadt jedes vierte Kind in einer Hartz-IV-Familie. Die Kinderarmutsquote war damit höher als in den sächsischen Städten Dresden und Chemnitz.

Am östlichen Ende der Eisenbahnstraße sitzen Kinder in den Klassen, bei denen stelle sich nicht die Frage: Werde ich Arzt oder Rechtsanwalt? »Wir reden hier von Abschluss oder kein Abschluss«, sagt Damaris Seidler. Die 26-jährige Lehrerin unterrichtet Englisch, Sport und Musik an der 16. Oberschule im Leipziger Stadtteil Volkmarsdorf. »Viele meiner Schüler haben nie gesehen, was möglich ist im Leben. Auch im Sinne von: Was will ich? Es gibt hier halt irgendwie kein Dream Big.« Sozialpolitische Schlüsselbegriffe wie Chancengleichheit und soziale Durchlässigkeit stoßen manchmal auf eine harsche Realität.

Es geht darum, an der »Durchlässigkeit« zu arbeiten, sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe, die ihr Büro am Friedrich-List-Platz unweit der Eisenbahnstraße, hat. Sie gibt sich betont optimistisch. Als Studentin habe sie selbst auf der Eisenbahnstraße gewohnt. »Es war eine schöne Zeit«, sagt sie. »Das Viertel hat ein riesiges Potenzial.« Damit die Schere nicht weiter auseinandergehe, seien vor allem eine gute Bildungspolitik und das Quartiersmanagement wichtig. Besonders in die Jugend setzt Kolbe große Hoffnungen.

An jungen Menschen mangelt es jedenfalls nicht. Und die stoßen hier noch auf das pralle Leben, von dem in den saturierteren Vierteln mit ihrem durchdigitalisierten Lebensstil nicht mehr viel übrig ist. Aber dieses Leben heißt nicht nur Niedrigpreise, Rap und Multikulti. Es bedeutet auch, ein großes Drogenproblem mitzukriegen. Vor allem Chrystal und Heroin werden gedealt. Auf den Spielplätzen liegen weggeworfene Spritzen herum. Eine Bürgerinitiative am östlichen Ende der Straße setzt sich für die Einrichtung einer Fixerstube ein – auch um die Kinder zu schützen.

Weil mit Verboten den Problemen nicht beizukommen ist, fordern einige Politiker nun, den Drogenkonsum öffentlich und kontrolliert zu ermöglichen. Höchste Zeit, findet Willie Wildgrube. »Bundesweit gibt es gute Erfahrungswerte mit kontrolliertem öffentlichem Konsum«, sagt der Streetworker bei der Leipziger Straßensozialarbeit. Der Bedarf an Helfern wie ihm habe in ganz Leipzig zugenommen. Er und sein Team unterstützen junge Menschen, die durch die Maschen des Systems gefallen sind. »In letzter Zeit haben wir auch immer mehr Minderjährige«, berichtet er. Vier Jahre lang hat Wildgrube Obdachlosen und Straßenkindern im Leipziger Osten geholfen, ihnen zugehört, sie beraten, ihnen ein warmes Essen ermöglicht. Inzwischen ist er im Stadtzentrum aktiv, auch am Hauptbahnhof.

In der großzügigen, blitzblanken Bahnhofshalle stehend, bekommt man eine Ahnung davon, weshalb diese Stadt als Ostdeutschlands Leuchtturm der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bezeichnet wird. Selbstverständlich war das nicht. Der Zusammenbruch der Ost-Wirtschaft nach der Wiedervereinigung kostete Millionen Jobs. Es dauerte, bis aus den Überresten der DDR-Wirtschaft Neues entstehen konnte.

Die 1990er-Jahre waren eine schwierige Zeit, nicht nur für Leipzig, sondern für die neuen Bundesländer insgesamt. Die Wende bedeutete nicht nur Reisefreiheit und die D-Mark. Zwar säte der radikale Umbruch Aufbruchstimmung in der Bevölkerung, die Stadt hing jedoch lange Zeit in einer paradoxen Schwebe. Es war ein Zustand, in dem sie sich noch nicht von den alten DDR-Relikten verabschiedet und noch nicht ganz mit dem Neuen arrangiert hatte. Die Atmosphäre schaukelte zwischen Aufbruch- und Katastrophenstimmung. Die Supermarktregale füllten sich. Die Stadt allerdings wurde leerer. Mehr als 80.000 Menschen zogen in den Westen und von den Dagebliebenen waren zeitweise 20 Prozent ohne Arbeit – zum überwiegenden Teil wegen der massenhaften Privatisierung Volkseigener Betriebe durch die Treuhandanstalt, die oft deren Stilllegung bedeutete. Zeit zur Umstellung und Anpassung an das neue Wirtschaftssystem hatten die DDR-Betriebe nicht. Die Stadt erholte sich erst mit Beginn des neuen Jahrtausends von dem Bevölkerungseinbruch.  Seit 2002 steigt die Bevölkerung stetig an, seit 2012 liegen die jährlichen Wachstumsraten über zwei Prozent.

Ein Zusammenspiel aus mehreren Faktoren führte schließlich zu einem Boom, wie ihn sonst keine andere Stadt in den neuen Bundesländern gesehen hat. Sachsens ehemaliger Ministerpräsident Kurt Biedenkopf machte nach der Wende die Chip- und Autoindustrie in Leipzig groß. Anfang der 2000er-Jahre siedelten sich große Unternehmen in rasantem Tempo an. Angelockt durch niedrige Steuern, kamen Firmen wie Porsche, DHL und BMW und schufen Arbeitsplätze für Tausende. Und Leipzig war auch groß genug, um als Stadt eigene Anziehungskraft zu entwickeln. Die Universität lockte junge Leute an, der große Bestand an renovierten Altbauwohnungen tat ein Übriges. Inzwischen hat die Einwohnerzahl den Sprung über die halbe Million geschafft, 2014 gab es in Leipzig erstmals wieder einen Geburtenüberschuss – zum ersten Mal seit 1965.

Heute übt die Mischung aus Jobs, bezahlbarem Wohnraum und urbanem Lebensgefühl eine Sogwirkung aus. Prognosen zufolge sollen im Jahr 2030 720.000 Menschen hier wohnen. Leipzig ist jung und wird es wohl auch noch eine Weile bleiben. Das Durchschnittsalter sinkt stetig: Vor zehn Jahren lag es noch bei 44, heute sind die Leipziger im Schnitt 42,6 Jahre alt.

Wer jetzt an den Hochglanzfassaden der Geschäfte rund um die Nikolaistraße vorbeigeht, mag über das Label »Armutshauptstadt Deutschlands« ratlos den Kopf schütteln. Im Zentrum hat die Sachsenmetropole ihren roten Teppich ausgerollt. Die Gründerzeitbauten und marmornen Einkaufspassagen sind restauriert. Die Straßen sind voller Menschen. Das Straßenbild erinnert an München. Keine Spur mehr von DDR. Und doch: Die Stadt hat ihre extremen Seiten, ihre ambivalenten Lebensrealitäten, ihre Brüche und Problemzonen. Das macht sie spannend.

Für viele ist Leipzig ein Aufbruchsort, eine Stadt, in der noch nicht alle Plätze verteilt sind, in der »noch was geht«. Die New York Times rankte die Stadt 2010 auf Platz zehn unter den 30 Städten weltweit, die man unbedingt gesehen haben muss. Die Scharen von Zuzüglern werden in »Hypezig« aber nicht mehr ganz so gern gesehen, seit auch hier die Mieten und die Immobilienpreise angezogen haben. Selbst Oberbürgermeister Burkhard Jung hat irgendwann aufgehört, seine Siegerländer Herkunft zu thematisieren.

»Die meisten kommen nach Leipzig, um sich auszutoben während des Studiums. Wenn sie dann aber zur Vernunft kommen, stellen sie fest, dass es hier so viele Jobs dann doch nicht gibt.« Matthias Schwarz, Anfang 30, Hornbrille, Undercut, drückt gerade mit einem Tamper Espressopulver in einen Siebträger. Er arbeitet als Aushilfe im Café Brühbar, im westlichen Stadtteil Plagwitz, Leipzigs »Akademiker-Ghetto«, wie er sagt. Eigentlich kommt Schwarz aus Dinslaken und eigentlich hat er Musikwissenschaften studiert. Jetzt röstet er Kaffee und kennt sich mit Aromanoten aus. Mit seinem Abschluss findet er im Moment keinen Job. »In Leipzig fehlt die Mitte. Entweder du arbeitest in einem gut situierten Unternehmen oder du bist Student. Oder du bist arm.«

Blick in den Schallplattenladen Vary. An der Wand hängen Schallplatten.
Foto: Besim Mazhiqi

Der Szene-Kiez Plagwitz, früher vor allem Studentenviertel, sei mit den Jahren erwachsener geworden. Vor den Häusern, wo vor Kurzem noch wilde Partys gefeiert wurden, stünden heute BMWs, erzählt Schwarz. »Die junge Bohème zieht es deshalb neuerdings in den Osten der Stadt.« Richtung Eisenbahnstraße. Denn dort findet sie noch Entfaltungsmöglichkeiten. Lange gab es in den Stadtteilen Neustadt-Neuschönfeld und Volkmarsdorf, die die Eisenbahnstraße als schnurgerade Meile durchzieht, massenhaft Leerstand – idealer Raum für junge Kreative, Wohnprojekte und Initiativen. Einen dieser Räume füllt heute das Vary, ein Café mit Schallplattenladen. Der Geschäftsraum am westlichen Ende der Eisenbahnstraße stand 25 Jahre lang leer. Dann kamen drei junge Männer, Pascal, Falk und Julian, und eröffneten in dem ehemaligen Malereibetrieb einen Zufluchtsort für Musik- und Kaffeekultur. Da sitzen nun Musikfans und Individualisten, die das Eisenbahnstraßen-Flair von türkisfarbenen Vintage-Sesseln aus beobachten wollen. Das Vary könnte auch in der Berliner Kastanienallee sein.

Doch vor dem Fenster zerplatzt die Blase. Das hier ist kein Berliner Szeneviertel, sondern die Leipziger Eisenbahnstraße. Und die ist ganz anders gefärbt. Zwischen den dicht gedrängten arabischen Lebensmittelläden,

Dönerbuden, Barbershops, Spielotheken und Familienbetrieben, die die Eisenbahnstraße zusammenhalten, fallen solche alternativen Zentren auf. Sie wirken wie Brüche im Saum und sind doch wichtig, damit das Viertel nicht vom Rest der Stadt abgehängt wird. Das Goldhorn zum Beispiel oder das Kune Kulturcafé sind aus Initiativen entstandene Kulturzentren, Cafés und Bars. Manche dieser Zentren haben keinen offiziellen Eingang, in manche stolpert man nur zufällig hinein durch feuchte Hauseingänge mit durchnässten Pappen vor den Fassaden.

Nicht nur die Initiativen und Studenten sorgen für den schleichenden Wandel der Eisenbahnstraße. Immer mehr Immobilienhaie haben den Osten entdeckt. Petra Hochtritt vom Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung ist Abteilungsleiterin für die Förderungsgebiete des Leipziger Ostens. Sie beobachtet manche Entwicklungen im Viertel skeptisch. Ein großer Investor will eine alte Gründerzeitimmobilie kernsanieren und damit dem ganzen Viertel »den Weg in einen Szene-Kiez der Zukunft« ebnen. Es ist der übliche Gentrifizierungsspagat, den der Leipziger Osten vor sich hat: Einerseits ist der Zuzug bürgerlicher Kreise willkommen, um das Viertel zu stabilisieren. Andererseits drohen die bisherigen Bewohner unter die Walze der Urbanisierung zu geraten. »Die Frage ist immer, wann hört man auf?«, sagt Hochtritt. Besonders die alteingesessenen Familienbetriebe seien ein wichtiger Anker für diese Straße. Aber längst nicht alle seien zukunftsträchtig. »Der Messermacher zum Beispiel, bei dem sieht es eher schlechter aus, der ist schon über siebzig.« 

Rolf Müller schaut großväterlich über die Ränder seiner Brille, seine großen Hände hat er auf den Verkaufstresen gestützt. Es ist Samstag, die Glocke der Ladentür von Messer Müller, einem Geschäft für Schneidwaren, Porzellan und Waffen auf der Eisenbahnstraße 23, schrillt heute selten. Rolf Müller und die Eisenbahnstraße verbindet heute eine Hassliebe. Als Müller sie kennenlernte, damals noch als Ernst-Thälmann-Straße, war sie eine von Leipzigs Flaniermeilen. 1982 hat Müller den Betrieb von seinem Vater übernommen. Bis zur Wende müssen hier paradiesische Zustände geherrscht haben. »Es gab nichts, was es nicht gab. Lebensmittel, Kurzwaren, Lederwaren, Schuhe, Kleidung.« Eine Oase wirtschaftlicher Freiheit inmitten sozialistischer Planwirtschaft.

Foto vom Geschäft "Messer Müller". Oben hängt ein Schild mit der Aufschrift "Messer Müller". Ein Mann schaut sich die Produkte im Schaufenster an.
Foto: Besim Mazhiqi

Die Wende hat sie ausgetrocknet. Von den 22 Geschäften, mit denen Rolf Müller in den 1990er-Jahren eine Interessengemeinschaft gründete, haben nur vier überlebt. »Die haben ganz einfach das Handtuch geworfen.« Müller musste erfahren, dass die lang ersehnte Freiheit eine Herausforderung war. »Wir sind praktisch ausgekippt worden, wie das Baby mit der Badewanne. Wir mussten uns etablieren.« Als die Soziale Marktwirtschaft den Sozialismus ablöste, änderte sich schlagartig alles. Plötzlich gab es etwas, das den Geschäftsleuten in der DDR zuvor fremd gewesen war: Konkurrenz. »Ich habe damals zu meinen Berufskollegen gesagt: Wir werden uns alle miteinander spinnefeind sein. Und so ist es auch gekommen.«

Ab 1997 sei es für viele wirtschaftlich bergab gegangen, erinnert er sich. Und ab 2000 kamen die ausländischen Geschäfte. »Es kann ja heute wegen der freien Marktwirtschaft nicht mehr bestimmt werden, welche Läden wohin kommen.« Der Stadtrat hat nur beschlossen, dass keine weiteren Spielhallen eröffnet werden sollen und hier kein Rotlichtviertel zugelassen wird. »Wir haben hier so viele Dönerläden, die könnten hier normalerweise gar nicht existieren.« Irgendwo müsse da ein Haken sein, man höre ja einiges, aber er sei lieber vorsichtig.

Die ersten Migranten kamen in den 1990er-Jahren nach Leipzig. Anfangs noch gleichmäßig über die verschiedenen Stadtviertel verteilt, nahm ihr Anteil im Leipziger Osten ab Ende der 1990er zu. Hier gab es Leerstand, günstige Mieten und Raum für Geschäfte. Bis heute ist das so. Die meisten der hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund haben keinen deutschen Pass, sind also juristisch gesehen Ausländer; mehr als 11.000 sind es heute. In der letzten Zeit sind auch Asylbewerber vor allem aus Syrien, Afghanistan und dem Irak nach Leipzig gekommen. Wieso zieht es sie ausgerechnet auf die Eisenbahnstraße? Vielen wird sie empfohlen, von der Familie oder Bekannten. Noch vor der Einreise. Und in den Flüchtlingsunterkünften angekommen, erkundigen sich manche direkt nach dem Weg hierhin.

Müller wischt mit einer Hand kleine Staubkörnchen von der Glastheke. Auch wenn er an manchen Tagen nur zwei Kunden bedient – er bleibt hier, lässt seinen Laden nicht im Stich. Vorerst jedenfalls nicht. »Mal angenommen, ich müsste aufgeben. Dann würde ich mir draußen einen Container nehmen und das ganze Glas reinschmeißen. Dann hätt’ ich wenigstens noch ein bisschen Freude dran, dass alles knallt und kaputtgeht.«

Yakut stellt die Kaffeemaschine ab, räumt mit flinken Bewegungen die Backwaren ein, holt die Tische und Stühle vom eisgefrorenen Asphalt hinein ins Brothers. Es riecht noch flüchtig nach frisch gebackenem Fladenbrot, Kaffeebohnen und Gewürzen. Er ist eigentlich immer da, er arbeitet rund um die Uhr. Ob er sich über Politik informiere? Nein, dafür habe er gar keine Zeit, sagt er. Morgen wird er wieder um fünf Uhr aufstehen. Zwischendurch wird er einen Blick auf die Renovierungsarbeiten im Geschäftsraum nebenan werfen, wo seine Familie demnächst einen Burger-Imbiss eröffnen wird. Stolz zeigt er auf die blanken Glühbirnen, die von einer rohen Steindecke hängen. »Wir haben uns inspirieren lassen – von Läden in Berlin.« Dieses Unfertige.

Ein alleinstehendes Mehrparteien-Haus bei Nacht. Davor parkt ein kleiner Lieferwagen. Eine Straßenlaterne leuchtet hell.
Foto: Besim Mazhiqi

An der Haltestelle vor den großen Fensterscheiben warten ein paar Leute auf die Tram in Richtung Zentrum. Sie fährt dorthin, wo kaum Ausländer auf der Straße unterwegs sind. Dorthin, wo diejenigen wohnen, die besorgt sind um diese Straße. »Da kann ja keine deutsche Frau langgehen«, sagen jene.

Verunsichert vom Fremden, verschreckt von der Unkontrollierbarkeit. Dabei haben viele Anwohner ganz andere Sorgen: dass die Mieten steigen zum Beispiel. Dass aus »zu gefährlich« schon bald »zu gelackt« wird. Die Problemzone könnte sich dadurch verschieben, sich weiter Richtung Osten verlagern. Dorthin, wo es noch Leerstand gibt. Der Rollstuhlfahrer wischt sich mit seinem Ärmel über die Nase. Ein paar Straßenecken weiter wirft der Mann im Stehcafé seine Kondensmilchdöschen in einen Mülleimer.

Mehr Informationen zum demografischen Wandel in Leipzig erhalten Sie im Wegweiser Kommune.



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