Die Not in vielen Städten

Die Pläne der neuen Bundesbauministerin Barbara Hendricks haben eine Diskussion um den Abriss von maroden Häusern in Problemvierteln ausgelöst. In Kombination mit Schlagworten wie „Arbeiterstrich“ und „Schrottimmobilien“ entstehen schnell Stammtischparolen, die notwendiges und wirksames Handeln konterkarieren. Verwahrloste Häuser, Straßen, Stadtteile entstehen nicht von jetzt auf gleich – dahinter stehen langfristige und vielschichtige Prozesse. Allzu langes Ignorieren rächt sich nun.

Städte und Stadtteile verändern ihr Gesicht, so wie sich die Zusammensetzung ihrer Bevölkerung verändert. Zwar vollziehen sich diese Veränderungen meist schleichend, überraschend sind sie dennoch nicht. Bekannt ist seit langem, dass die Bevölkerung altert, dass die Einwohnerzahl rückläufig ist und dass in vielen Städten immer mehr Menschen einen Migrationshintergrund haben. Zudem gibt es in vielen Kommunen Stadtteile, in denen verschiedene Probleme aufeinander treffen: Hier lebt häufig ein hoher Anteil von Menschen, die schlecht ausgebildet sind, von Transferleistungen abhängig sind, keinen deutschen Pass haben. Zudem verfallen die Gebäude, Geschäfte und Arztpraxen brechen weg. Derartige Problemlagen durch Abriss lösen zu wollen, wäre mehr als naiv.

Vielmehr muss es um die Gestaltung von Kommunen bzw. Quartieren als Lebensumfeld gehen. Helfen können dabei Erkenntnisse der Stadtforschung zur demographischen, sozialen und ethnischen Segregation. Alte und junge, reiche und arme Menschen, Zugewanderte und Einheimische leben segregiert, getrennt voneinander in völlig unterschiedlichen Stadtteilen. Einige können sich ihren Wohn- und Lebensort bewusst auswählen, andere können dies nicht. Was dies für Menschen der letztgenannten Gruppe bedeutet, lässt sich nur ungenügend über Daten vermitteln. Für kommunal Verantwortliche bieten Daten dennoch eine fundierte Basis, Strategien abzuleiten und in Handlung umzusetzen. Eine solche Datengrundlage steht beispielsweise unter www.wegweiser-kommune.de seit vielen Jahren öffentlich zur Verfügung. Hier sind zur Integration und sozialen Lage weit über 300 Indikatoren in Zeitreihen abrufbar, die durch kommunenspezifische Demographie-Berichte und gute Beispiele aus der Praxis ergänzt werden.

Soziale Stadtentwicklung

Sicher kann es sinnvoll sein, im Rahmen von integrierten Stadtentwicklungskonzepten Leerstand abzureißen – wie es beispielsweise in Illingen geschehen ist (Link zum Artikel „Wenn Städte schrumpfen“). Hier hat Bevölkerungsrückgang zu Leerständen geführt, nicht mehr genutzte Gebäuden verfielen und wirkten sich negativ auf das gesamte Stadtbild aus.

Marode Bausubstanz abzureißen oder durch hochpreisige Sanierung zu ersetzen, löst die aktuellen Probleme in Städten wie Duisburg oder Hamburg aber sicher nicht. Vielmehr ist das Zusammenspiel aller Akteure gefragt, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in den Stadtquartieren zu entwickeln und zu stärken. Im „Nationalen Aktionsplan Integration“ beispielsweise, der gesellschaftlich breit entwickelt wurde, wird „Integration als konkretes Handlungsfeld der Stadtentwicklungspolitik“ gegen soziale und ethnische Ausgrenzung beschrieben. Das ist sicher einfacher gesagt, als getan. Viele Ansätze zeigen jedoch, wie Stadtentwicklung gelingen kann – auch und gerade in Städten mit komplexen, finanziell und sozial schwierigen Ausgangslagen. Der Aktionsplan „Soziale Stadt Dortmund“ ist so ein gutes Beispiel. Grundlage ist ein beteiligungsorientierter Prozess, bei dem die Bekämpfung von Kinderarmut und die Verbesserung der sozialen Lage in benachteiligten Stadtteilen im Mittelpunkt der Diskussionen stehen. Die Analyse vor Ort hat dabei deutlich gemacht: Es geht um Bildung und Erziehung, um Arbeitsplätze und Ausbildung und vor allem um die Entwicklung von Nachbarschaften und Struktur von Quartieren. Also um viel mehr als um einmaligen Abriss.

Der Artikel ist in der Rubrik Gastbeitrag am 13.2.2014 im FOCUS online erschienen.



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