Deutschland in Nahaufnahmen: Sind Social Entrepreneurs die neuen Hoffnungsträger?

Was hält die Gesellschaft zusammen, was treibt sie auseinander? In welchem Zustand befindet sich die deutsche Gesellschaft nach sieben Jahrzehnten Sozialer Marktwirtschaft? Die Bertelsmann Stiftung hat eine Sozialreportage veröffentlicht mit Berichten aus diversen Kommunen in Deutschland. Es geht um die Folgen von wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Strukturwandel an so unterschiedlichen Orten wie Sonneberg und Leverkusen, Radevormwald und Leipzig. Wie gehen die Menschen heute mit den Folgen von Globalisierung und demografischem Wandel um? Wir veröffentlichen zwei Reportagen aus der Publikation Deutschland in NahaufnahmenHier erfahren sie mehr über die Reportagen und ihren Hintergrund. 

Rasant verändert sich die deutsche Gesellschaft: Überalterung und Landflucht, die Integration von Migranten und der Fachkräftemangel stellen den Staat in den kommenden Jahrzehnten vor große Herausforderungen. Ist der Staat diesen Herausforderungen allein gewachsen? Vermutlich nicht. Deshalb springen schon jetzt immer öfter Social Entrepreneurs ein.

Kein Arzt, kein Bäcker, kein Supermarkt. Alle haben geschlossen und sind fortgezogen. Schulgebäude stehen leer und verrotten. Vereine lösen sich auf, weil der Nachwuchs fehlt. In immer mehr Orten auf dem Land ist das Leben beschwerlich geworden. Viele Dörfer in Deutschland scheinen keine Zukunft mehr zu haben; so zeigen es regelmäßig Studien zur Bevölkerungsentwicklung. Junge Erwachsene zieht es in die Großstädte. Zwar nimmt der ländliche Raum einen Großteil der Gesamtfläche Deutschlands ein, doch trotzdem leben weniger als 20 Prozent der Deutschen auf dem Land. In den kommenden Jahrzehnten wird sich die Lage deutlich verschärfen: Ländliche Regionen werden zusehends entvölkert, während sich die schrumpfende Bevölkerung in den Ballungsräumen konzentriert.

Sind die Dörfer noch zu retten?

Dieses Schicksal wird wohl auch Jülich ereilen, den Heimatort von Social Entrepreneur Heinz Frey. Eine Kleinstadt im Rheinland, rund 33.000 Einwohner, verteilt auf 16 Ortsteile. Im kleinsten Ortsteil, in dem Heinz Frey wohnt, leben gerade einmal 400 Menschen. Ein echtes Dorf. Bis 2030 wird ganz Jülich wohl mehr als 1.500 Einwohner verlieren, prognostiziert der Wegweiser Kommune der Bertelsmann Stiftung. Die älteren Bewohner werden immer mehr, die Jüngeren immer weniger. 2030 wird fast jeder dritte Jülicher 65 Jahre oder älter sein. Sind die deutschen Dörfer überhaupt noch zu retten? Ja, natürlich, sagt Heinz Frey.

Anfang Januar 2017 im Seniorenheim Haus Berg in Brachelen. Ein kleines Dorf zwischen Mönchengladbach und Aachen. Die Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durchs Fenster in den großen Konferenzraum. Heinz Frey, weißes Haar, weißer Bart, Brille, sitzt auf einem einfachen Stuhl. Auf dem Glastisch vor ihm liegt eine Mappe mit seinen Unterlagen. Bei einem Glas Wasser wartet er auf seinen Gesprächspartner. Heute geht es darum, neue Mitstreiter zu gewinnen.

Heinz Freiy lehnt sich lächeln an eine Kühltheke im Dorfladen
Foto: © Besim Mazhiqi

Frey hat ein Konzept entwickelt, das er DORV nennt. Hinter dem Kürzel verbergen sich Zentren, in denen Dorfbewohner an einem Ort alles erledigen können, was im Alltag anfällt. Einkaufen, Fotos drucken, Geld abheben, Nummernschild abholen, Kaffee trinken. Alles in einem Raum. Das ist die Idee. Und Frey verfolgt sie hartnäckig, bereits seit anderthalb Jahrzehnten.

Als vor knapp 15 Jahren die Sparkasse in seinem Heimatort schloss, platzte Frey der Geduldsfaden. Vorher waren schon Bäcker und Metzger weggezogen. Der Betrieb auf dem Land lohne sich einfach nicht mehr, hieß es bei jeder Schließung. Frey hätte abwarten können, was mit seiner Heimat passiert. Das ist aber überhaupt nicht sein Ding. Er tat sich mit Bekannten aus der Nachbarschaft zusammen, reiste durch die verschiedensten Dörfer in ganz Deutschland, um sich Anregungen zu holen. Immer mit der Frage im Hinterkopf: Wie lässt sich die Versorgung mit den Dienstleistungen und Produkten von Banken, Supermärkten oder Bäckern im ländlichen Raum auch in Zukunft aufrechterhalten?

Die Lösung: das DORV-Konzept

Nach seiner Reise hatte Frey eine Antwort: das DORV-Konzept. DORV ist eine Abkürzung und steht für »Dienstleistung und ortsnahe Rundum-Versorgung«. Frey ist Geschäftsführer und das Gesicht des Vereins. Ein eigenwilliger Kopf mit großer Energie und einer gehörigen Portion Sturheit, der über sich selbst sagt: »Ich kann es überhaupt nicht leiden, wenn man stundenlang palavert und nichts dabei rumkommt. Das ist heute in unserer Welt sehr verbreitet, insbesondere in der Politik. Die reden stundenlang und haben nichts gesagt.« Er sei da völlig anders. »Ich packe an.« Dabei bekam Frey zu Beginn ordentlich Gegenwind von so gut wie jeder Person, der er von seiner Vision erzählte. So ein Zentrum sei kompletter Blödsinn, nicht realisierbar, Traumtänzerei.

Von wegen: Inzwischen gibt es 30 dieser DORV-Zentren, über ganz Deutschland verteilt. Ein Modellprojekt, für das sich immer wieder auch Vordenker aus dem Ausland interessieren.

An diesem Tag ist Frey also in Brachelen, um seine Idee weiter zu verbreiten. In den Raum kommt Bernd Bogert, ganz außer Atem. Bogert ist Geschäftsführer der St. Gereon Seniorendienste, die das Seniorenheim betreiben. Typ: rheinische Frohnatur. Bogert hat Heinz Frey um Hilfe gebeten. In einem seiner Seniorenheime will er einen Raum zu einem DORV-Zentrum umbauen und es als Treffpunkt für den ganzen Ort etablieren.

Doch auch Bogert musste schnell feststellen: So einfach ist das nicht. Wie finanzieren wir das Zentrum? Wie überzeugen wir die Dorfbewohner von unserer Idee? Was sollen wir ihnen dort anbieten? Viele Fragen, an denen so ein Projekt schnell scheitern kann. Fragen, die Heinz Frey hilft zu beantworten. Bei jedem Zentrum geht es immer wieder aufs Neue darum, Lösungen für ganz spezifische Herausforderungen zu finden. Denn jedes Dorf ist anders: anderer Betreiber, andere Wünsche der Dorfbewohner, andere Beamte in der Verwaltung. Mit der Beratertätigkeit verdient sich Frey mittlerweile seinen Lebensunterhalt. Gestern war er noch in Braunschweig, wo auch ein DORV-Zentrum entstehen soll. Morgen ist er in einer ZDF-Talkshow zu Gast.

Dorfbewohner nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand

36 Jahre lang hat er als Lehrer an einem Gymnasium gearbeitet. Das habe ihm immer Spaß gemacht, sagt Heinz Frey. Genug war ihm das aber nicht. Deshalb hat er sich schon immer sozial engagiert. Er war am Bau von Sportplätzen beteiligt, hat Nachbarschaftsinitiativen gegründet. Seit mehr als zwei Jahrzehnten sitzt er im Rat der Stadt Jülich. Und dann die erfolgreiche Idee der DORV-Zentren. Nach ein paar Jahren gab Frey seinen Beruf auf, um nur noch als Sozialunternehmer seine Botschaft zu verbreiten: Nein, der ländliche Raum ist nicht tot. Ihm gehört die Zukunft, wenn die Dorfbewohner ihr Schicksal in die Hand nehmen. Auch wenn diverse Studien das Gegenteil behaupten. Möglich machte ihm das ein Stipendium von Ashoka Deutschland, einer Non-Profit-Organisation, die Social Entrepreneurs fördert.

Manchmal dauert es mehr als drei Jahre, bis ein DORV-Zentrum eingerichtet ist. Mit Bernd Bogert hat sich Frey schon fünf Mal getroffen. Spätestens im Sommer soll die Finanzierung stehen. Aktuell laufen die Befragungen der Bürger, die in das Projekt miteinbezogen werden und sagen sollen, was sie gern im DORV-Zentrum vorfinden würden. Dies ist der erste Schritt auf dem Weg zu einem eigenen Zentrum. Frey hat einen peniblen Projektplan ausgearbeitet, wie ihn auch jeder Unternehmensberater aus der Tasche zieht. Solche Beratungsgespräche sind für ihn längst Routine.

Dennoch: Entscheidend ist am Ende der Faktor Begeisterung. Es braucht einen Kern von Menschen vor Ort, die sich für das Zentrum engagieren wollen. Gibt es diese Menschen nicht, dann hat das Projekt keine Chance. Dann sei der Ort womöglich verloren, sagt Frey, weil die Bewohner dem negativen demographischen Trend nichts entgegenzusetzen haben.

Das DORV-Konzept steht exemplarisch für das Subsidiaritätsprinzip, eines der Grundprinzipien der Sozialen Marktwirtschaft. Es besagt, dass die jeweils größere Einheit nur dann eingreifen soll, wenn die kleinere Einheit ein Problem nicht mehr in den Griff bekommt. Zunächst sind Individuen und Familien gefordert, dann die Kommunen, dann die Länder – und irgendwann, wenn keiner mehr weiterweiß, der Bund.

Wer Prognosen für die kommenden Jahrzehnte aufmerksam liest, der stellt fest, dass der Staat zunehmend überfordert sein dürfte. Denn die demographische Entwicklung entvölkert nicht nur ganze Landstriche, sie setzt auch die öffentlichen Finanzen und das Sozialsystem unter Druck. Der wachsenden Gruppe von Senioren, die nicht mehr arbeiten, steht eine immer kleiner werdende Gruppe von Sozialversicherungspflichtigen gegenüber, die das Geld erwirtschaften müssen. Deshalb wird die Gesellschaft schon aus der Not heraus das Subsidiaritätsprinzip stärken müssen. Der Staat wird nicht mehr alle Aufgaben, wie wir es gewohnt sind, selbstverständlich erledigen können. Er wird Verantwortung zurückdelegieren an die Bürger. Wo die Behörden überfordert sind, müssen sich die Bürger selbst helfen. Die entscheidende Frage: Nehmen die Bürger die Entwicklung als Zumutung wahr? Oder als Aufforderung, selbst nach Lösungen zu suchen?

„Die Politik sollte die Leute mehr machen lassen.“

Heinz Frey ist, so gesehen, ein Vorbild. Aber sieht er sich selbst so? Schwierige Frage, findet Heinz Frey. Einerseits könne eine Person schlecht ganz allein die Lebensqualität auf dem Land retten. Da sei auch weiterhin das Engagement des Staates gefragt. Andererseits sei schon viel gewonnen, wenn der Staat engagierten Personen weniger Steine in den Weg legen würde. »Man kann als Bürger wunderschöne Dinge tun – solange das dem Bürgermeister oder dem Landrat in den Kram passt. Wenn nicht, dann werden diese Projekte einfach ausgetrocknet.« Frey redet sich jetzt in Rage. »Die Politik sollte uns weniger bevormunden und die Leute mehr machen lassen.« Schließlich seien wir alle der Staat. Da gehöre es einfach dazu, sich fürs Gemeinwesen einzusetzen.

Frey ist jetzt 62, in einem Alter also, in dem es andere Menschen gern ruhiger angehen lassen. Doch er scheint gerade erst anzufangen. DORV expandiert. Derzeit baut Heinz Frey Regionalbüros in fünf deutschen Städten auf, um auch die Interessenten außerhalb des Rheinlands besser betreuen zu können. Regelmäßig kommen Anfragen von Interessenten aus dem Ausland, die sich für seine Idee begeistern. Sogar aus China kam schon ein Hilferuf. Parallel dazu entsteht eine Onlineplattform, über die die Dorfbewohner in Jülich-Barmen künftig Produkte bestellen können. Innerhalb von 24 Stunden sollen sie die Ware dann im ortsansässigen DORV-Zentrum abholen können. So will Frey die Digitalisierung auch im ländlichen Raum nutzbar machen.

Ob das wirklich so funktioniert? Auch mit dieser Idee stößt Heinz Frey wieder auf viel Skepsis. Schließlich leben in Barmen viele ältere Menschen, für die das Internet tatsächlich noch Neuland ist. Die Kritik lässt er aber an sich abprallen. Es gebe eben überall Leute, die wissen, wie es nicht geht, aber nur ganz wenige, die ein Problem wirklich anpacken.

Frey ist sich bewusst, dass er auch mit noch so viel Engagement aussterbende Dörfer nicht allein retten kann. Trotzdem: Kampflos will er sich nicht ergeben. Auch wenn er nur in begrenztem Ausmaß dazu beitragen kann, deutschen Dörfern eine Perspektive zu bieten.

Dass sich Social Entrepreneurs wie Frey für das Gemeinwohl engagieren, wird angesichts der zunehmenden Herausforderungen für den Staat immer wichtiger. Staats- und vor allem Pflegeausgaben steigen, weil die deutsche Bevölkerung immer älter wird. Deutschland wird schon bald zu den Ländern mit den höchsten altersbedingten Ausgaben in der EU zählen. Soll unser Sozialsystem in der heutigen Form bestehen bleiben, dürfen gerade bei der jungen Generation keine Potenziale verschenkt werden. Denn sie soll das System später finanzieren. Das große Ziel: Die Soziale Marktwirtschaft soll auch unter veränderten demographischen Voraussetzungen so funktionieren wie heute. Hier setzt die Idee von Murat und S¸erife Vural an.

Frontansicht von draußen auf den Dorfladen. Zu sehen sind Schilder von der Raiffeisenbank Erkelenz und dem Dorf-Zentrum
© Besim Mazhiqi

Wie auch bei vielen anderen Social Entrepreneurs ist es bei den Vurals die eigene Erfahrung, die sie antreibt. Die Geschwister aus Castrop-Rauxel im Ruhrgebiet haben als Kinder mit Migrationshintergrund selbst erlebt, wie schwierig Schule sein kann. Auf tatkräftige Unterstützung von zu Hause konnten sie kaum hoffen. Vorbilder mit erfolgreicher Bildungskarriere gab es nicht in der Familie und im Freundeskreis. Später wurde den beiden klar, dass sie keine Einzelfälle sind: Wer aus einer bildungsfernen Familie stammt, ist systematisch benachteiligt. Und je mehr Deutschland zum Einwanderungsland wird, desto mehr Kinder und Jugendliche brauchen Hilfe in der Schule.

Ein Verein für mehr Chancengleichheit in der Bildung

Diese Erkenntnis wurde zum Projekt der Geschwister Vural. Vor über 13 Jahren gründeten sie ihren Verein, der heute Chancenwerk e.V. heißt. Mittlerweile ist Chancenwerk e.V. in sieben deutschen Bundesländern an 66 Schulen vertreten, mehr als 3.300 Schüler bekommen derzeit dank des Vereins Unterstützung in der Schule.

Durch gezielte Nachhilfe in Schulen will Chancenwerk e.V. benachteiligten Schülern zu besseren Bildungschancen verhelfen. Denn obwohl in Deutschland immer weniger Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen, sind die Bildungschancen weiterhin stark von Wohnort und sozialem Hintergrund abhängig. Noch immer schaffen es nur 14 Prozent der Kinder von Eltern mit niedriger Bildung aufs Gymnasium. Haben die Eltern eine gute Bildung genossen, sieht es ganz anders aus: Hier besuchen 61 Prozent der Kinder ein Gymnasium. Um diesen Entwicklungen zu trotzen, setzt Chancenwerk e.V. auf ein besonderes Tutorensystem, die sogenannte Lernkaskade. Bei der Lernkaskade unterrichten Studierende ältere Schüler in einem Fach ihrer Wahl. Die älteren Schüler geben im Gegenzug ihr Wissen an jüngere Mitschüler weiter. Dafür zahlen die Eltern der jüngeren Schüler einen geringen Beitrag. Für Kinder aus Familien mit Anspruch auf Mittel des Bildungs- und Teilhabesystems kann das Amt die Kosten übernehmen. Hauptsächlich finanziert sich der Verein aber über Spenden von Unternehmen und Stiftungen.

Serife Vural hält als operative Geschäftsführerin engen Kontakt zu den Kooperationsschulen von Chancenwerk e.V. Es ist die lange Reihe kleiner Erfolgserlebnisse, die die 40-Jährige anspornen. »Wenn ich eine Mail bekomme von einer neuen Kooperationsschule mit 50 interessierten Schülern, dann ist das schon ein schönes Gefühl. Vor allem, wenn man bedenkt, dass alles mit einem kleinen Nachhilfekurs in Castrop-Rauxel angefangen hat. Ich kann mir nicht vorstellen, noch mal woanders zu arbeiten.«

Die Vurals kennen die Probleme, mit denen benachteiligte Schüler konfrontiert sind, aus eigener Erfahrung. »Wir hatten Probleme mit der Sprache, wir hatten Probleme an der Schule, wir hatten Probleme an der Uni. Deshalb haben wir gesagt: Was uns passiert ist, darf niemandem sonst passieren. Das ist die Grundmotivation«, erklärt der 42-jährige Murat Vural. Jahrelang hat er sich ehrenamtlich für den Verein engagiert, heute ist er geschäftsführender Vorsitzender. Trotz der vielen Hindernisse hat er den Sprung von der Hauptschule aufs Gymnasium geschafft. Später hat er ein Studium als Elektroingenieur an der Ruhr-Universität Bochum abgeschlossen und dort seine Promotion begonnen. Serife Vural hat einen Abschluss als Diplom-Sozialpädagogin. Die Kinder türkischer Zuwanderer haben sich nicht von ihrem Weg abbringen lassen – durch Eigeninitiative und Entschlossenheit.

Müsste der Staat nicht eigentlich viel mehr für gerechte Bildungschancen tun? Social Entrepreneur Murat Vural ist das viel zu einfach. Man könne doch Lösungen nicht immer nur von oben erwarten. »Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, für den Staat einzuspringen. Wir denken simpel: Es gibt Kinder, die haben nicht die gleichen Startbedingungen. Und wir wollen ihnen gleiche Startbedingungen ermöglichen. Ende.« Das Problem der unterschiedlichen Bildungschancen sei nun mal mit Geld allein nicht lösbar. Die Bürger dürften sich nicht passiv zurücklehnen und auf Lösungen warten. »Sie müssen selbst welche finden«, so der Gründer.

Die sozialunternehmerische Idee, die das Projekt trägt, ist das Konzept der Lernkaskade. Murat Vural hat die Idee für das Tutorensystem selbst entwickelt. Er erinnert sich noch gut an die Situation. Er saß in einem Seminar an der Hochschule, ihm war gerade langweilig. Also überlegte er sich, wie er als Nachhilfelehrer möglichst viele Schüler erreichen könnte, ohne selbst eine riesige Gruppe gleichzeitig unterrichten zu müssen. Ein paar Skizzen auf Papier – und schon war das Konzept der Lernkaskade entstanden. Auch die Unternehmen und Stiftungen, die Vural als Geldgeber für seinen Verein gewinnt, lassen sich von der Methode überzeugen. Das Anwerben neuer Spender ist inzwischen Vurals Hauptaufgabe.

Am Ziel angekommen sehen sich Serife und Murat Vural längst noch nicht. Am liebsten würden sie jedem benachteiligten Schüler in Deutschland die Möglichkeit geben, Nachhilfe von Chancenwerk e.V. zu bekommen. Aber so viele engagierte Leute gibt es nun mal nicht. Mal fehlen Lehrer, die sich um Räume in der Schule oder freie Zeiten für die Nachhilfe kümmern. Mal gibt es vor Ort kaum Studierende, die sich als Tutoren beim Chancenwerk e.V. engagieren wollen.

Dennoch setzt sich das Geschwisterpaar ehrgeizige Ziele. Mitte 2018 wollen sie bereits 5.000 Schüler erreichen. Mittelfristig peilen sie 10.000 an. Es gehe doch darum, dass jede und jeder das Bestmögliche aus sich machen könne. Dafür brauche man Vorbilder, sagt Serife Vural. »Wenn man Ziele hat, kann man sie trotz sprachlicher Probleme erreichen. Dafür muss es eben einmal ›Klick!‹ bei dir machen. Die Schüler müssen immer wieder Erfolgsgeschichten hören, um zu sehen, dass auch sie es schaffen können.«

Dass sie es hier schaffen können, muss in der Zukunft auch immer mehr Zuwanderern klargemacht werden. Denn Deutschland braucht sie. Soll die Zahl der Arbeitskräfte auch in den nächsten Jahrzehnten auf dem heutigen Niveau bleiben, reicht der langjährige Durchschnitt von 200.000 Zuwanderern pro Jahr bei Weitem nicht. Dafür braucht es eine jährliche Nettozuwanderung von 400.000 Menschen, prognostiziert das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Schon jetzt klagen einige Branchen darüber, dass sie keine Fachkräfte mehr finden. Hier könnten Zuwanderer einspringen. Doch noch scheitert diese Lösung an zwei Problemen: Erstens fehlen den Zuwanderern häufig die nötigen Sprachkenntnisse. Und zweitens fehlen den potenziellen Arbeitgebern meist die Kontakte und Strategien, um Fachkräfte aus dem Ausland erfolgreich anzuwerben. Zwei junge Social Entrepreneurs aus Frankfurt wollen das ändern.

Ein junger Mann und eine junge Frau unterhalten sich im Gehen in einem großen Büroraum. Im Hintergrund das Schild: Social Impact Lab
© Besim Mazhiqi

Ein kühler Vormittag vor einem großen, modernen Gebäude in Frankfurt-Bockenheim. Ein sportlicher, junger Mann mit blonden Haaren kommt über die Straße gelaufen. Mit einem Lächeln im Gesicht grüßt er, geht ins Gebäude und steigt in den Aufzug. Sein Ziel ist die zweite Etage, das Social Impact Lab. Ein offenes, geräumiges Büro mit Schreibtisch-Gruppen und einem großen Ecksofa. Im Social Impact Lab tummeln sich junge Gründer, die mit ihrer Geschäftsidee erfolgreich durchstarten wollen. Alles Leute, die nicht nur Geld verdienen, sondern auch gesellschaftlichen Nutzen stiften wollen. Auch einige ehemalige Banker und Unternehmer, die den jungen Gründern als Ratgeber zur Seite stehen, haben im Büro ihren Arbeitsplatz.

Ein Social Start-up zur Vermittlung ausländischer Pflegekräfte

Der blonde, junge Mann heißt Kai Hübner. Der 27-Jährige hat gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Matthias Gilch das Social Start-up Linguedo gegründet. Ihre Idee: Pflegekräfte aus dem EU-Ausland an deutsche Krankenhäuser zu vermitteln – und sie vor dem Berufsstart in ihrer Heimat auf die Bedingungen hierzulande vorzubereiten. Besonders wichtig ist den Gründern, dass sich die Pflegekräfte schon bei ihrem Start in Deutschland sprachlich gut verständigen können. Ein Ziel, das auch in ihrem Start-up-Namen Ausdruck findet, in dem das lateinische Wort für Sprache – »lingua« – steckt. Seit knapp einem Jahr sind sie aktiv; seitdem sitzen die Gründer als Stipendiaten des Social Impact Lab in dem Frankfurter Großraumbüro.

Momentan arbeitet das Start-up an seinem ersten großen Projekt. Das Klinikum Rechts der Isar in München möchte 36 neue Pfleger einstellen – und Linguedo soll sie vermitteln. Um Mitternacht ist die Bewerbungsfrist abgelaufen.

Mehrere junge Leute stehen um zwei Laptops herum. Alle sind am Lächeln.
© Besim Mazhiqi

Jetzt heißt es für die beiden Linguedo-Gründer: Lebensläufe von Bewerbern lesen und die passenden Bewerber in Kontakt mit dem Klinikum bringen. Mitgründer Gilch sitzt schon wieder konzentriert vor seinem Laptop. Der 26-Jährige steht in ständigem Telefonkontakt mit seinem Ansprechpartner beim Klinikum. Er wirkt frisch und motiviert, obwohl er mit Hübner und seinen anderen Kollegen am Tag zuvor erst spät in der Nacht das Büro verlassen hat. Bei ihrem ersten großen Auftrag wollen die Jungunternehmer natürlich besonders überzeugen.

Das Team der beiden Gründer besteht derzeit aus einer Handvoll fester Mitarbeiter, einem Praktikanten und einigen Sprachlehrern. Als ihre große Stärke sehen die Gründer die innovative Sprachvermittlung. Innerhalb weniger Monate bringt das Start-up die ausländischen Pflegekräfte auf ein Sprachniveau, das ihnen die Arbeit in deutschen Krankenhäusern ermöglichen soll. Konkret funktioniert das so: Linguedo erwartet von den Bewerbern, dass sie vier Stunden pro Tag Deutsch lernen: drei Stunden Selbststudium und eine Konversationsstunde mit einem Sprachlehrer über Skype.

Im Gegenzug garantiert ihnen das Start-up einen Job in einem deutschen Krankenhaus, sofern sie ihren Sprachkurs am Ende des Programms bestehen. Die Arbeit mit Sprachtools aus dem Internet soll den Pflegekräften das Lernen erleichtern. Und Hausaufgaben vom Sprachlehrer gibt es auch. Wichtig dabei: Der Spaß soll nicht zu kurz kommen. Eine Hausaufgabe kann zum Beispiel sein, eine Comedy-Serie auf Deutsch anzuschauen. Außerdem kümmert sich das Start-up um alles, was für eine langfristig erfolgreiche Vermittlung wichtig ist: Interviews mit den Bewerbern, eine Reise für ausgewählte Kandidaten nach München, um die Stadt kennenzulernen, die Suche nach einer Wohnung, Behördengänge in Deutschland.

Seit Anfang 2016 widmen sich die Gründer in Vollzeit ihrem Projekt. Die Geschäftsidee gibt es allerdings schon länger. Schon während des Studiums in München stellte sich Matthias Gilch die Frage, wie man möglichst effektiv und mit Spaß Sprachen lernen könnte. Seine damalige Freundin musste dringend Deutsch lernen, um an der Uni Fuß zu fassen. »Wir haben uns damals zusammengesetzt und gesagt: So wie wir aktuell Sprachen lernen, macht es keinen Spaß. Es funktioniert nicht richtig und irgendwie muss das besser gehen«, erklärt Gilch. Er sprach mit verschiedenen Instituten, recherchierte im Internet. Während eines Aufenthalts in Italien wurde er dann mit der schwierigen Situation der Krankenpfleger auf dem italienischen Arbeitsmarkt konfrontiert. Entweder waren sie arbeitslos oder unterbezahlt.

Zunächst aber ging Gilch für ein Jahr nach Berlin. Bis er auf die Idee kam, mit einem innovativen Sprachkurs den Krankenpflegern aus Italien Deutsch beizubringen und sie an deutsche Krankenhäuser zu vermitteln. Er rief Hübner an, den er aus seiner Studienzeit kannte, um ihn als Partner zu gewinnen. Hübner bat um kurze Bedenkzeit – und sagte zu. Schließlich wollten beide schon immer ihr eigenes Unternehmen gründen.

Jetzt versuchen die beiden Jungunternehmer, ihren Traum zu verwirklichen. Ihre Auftraggeber sind deutsche Krankenhäuser. Pflegekräfte sind hierzulande extrem kapp, zumal in den teuren Ballungsräumen Süddeutschlands. Doch den Kliniken fehlt das Know-how, ausländische Kandidaten ausfindig zu machen und vorzubereiten. Einige Großaufträge von Krankenhäusern hat Linguedo mittlerweile an Land gezogen. Noch macht die Firma aber Verluste. Die Gründer finanzieren das Unternehmen und haften mit ihren persönlichen Vermögen. Nur ihre Mitarbeiter bekommen einen Lohn, die beiden Gründer selbst gehen noch leer aus. Derzeit leben sie von ihren eigenen Ersparnissen aus früheren Jobs. Bevor sie das Stipendium in Frankfurt bekamen, wohnten sie eine Zeit lang bei ihren Eltern, um die Miete zu sparen.

Warum tun sie das? Geld sei nicht ihr Hauptantrieb, sagen Hübner und Gilch. Wichtig sei ihnen, dass sie mit ihrem Unternehmen anderen Menschen helfen könnten. Einerseits den Krankenpflegern, denen sich in Deutschland eine neue Perspektive bietet. Andererseits den Krankenhäusern, die dringend neue Pflegekräfte brauchen. Und irgendwo auch dem Staat, der noch keine Lösung für den Fachkräftemangel gefunden hat. »Ich hatte neulich ein Angebot von einer großen Firma, die mir 90.000 Euro im Jahr geboten hat«, sagt Hübner. »Aber abgesehen davon, dass wir uns hoffentlich bald ordentliche Gehälter zahlen können, stelle ich mir die Frage: Was bringt mir das Geld, wenn ich stattdessen Leuten ins Gesicht schauen kann, die mich anstrahlen und mir sagen: ›Ich bin so dankbar, dass ich das mit euch erleben durfte‹? Das kannst du mit Geld nicht aufwiegen.« Auch wenn der Profit für die Jungunternehmer offensichtlich nicht an erster Stelle steht – zuversichtlich wirken sie schon, dass sie in absehbarer Zeit mit ihrem Unternehmen gut verdienen werden.

„Natürlich entlasten wir den Staat ein Stück weit. Aber primär tun wir etwas für die Menschen.“

Das Projekt bleibt eine Wette auf die Zukunft. Doch die Pläne von Hübner und Gilch sind raumgreifend. Sie setzen auf Wachstum. Andere Branchen sollen hinzukommen, Erzieher zum Beispiel. Oder das Handwerk, wo Unternehmen keine Auszubildenden mehr finden. Und dem Gründerduo ist klar, dass sie künftig auch außerhalb der EU nach Fachkräften suchen müssen, wenn es nämlich in Ländern wie Italien, Kroatien oder Ungarn, in denen Linguedo momentan Pfleger anwirbt, keinen Fachkräfteüberschuss mehr gibt. Gerade einige Länder in Osteuropa werden in Zukunft durch die Alterung ihrer Bevölkerung vor noch größeren Problemen stehen als Deutschland. Als Nächstes wollen die Gründer deshalb Kontakte nach Brasilien knüpfen. Ein Land mit vielen jungen Menschen denen die Perspektive fehlt. Auf diesem Feld sind die jungen Gründer Vorreiter. Denn noch hat sich der Staat keine konkrete Zuwanderungsstrategie überlegt, mit der er den sich ändernden demographischen Bedingungen entgegentreten könnte.

Sie hätten eine Vision, sagt Hübner. »Wir wollen der Dienstleister werden, der Nichtakademiker aus dem Ausland nach Deutschland begleitet. Weil die Leute wissen: Die sind ehrlich und die begleiten mich auf diesem nicht so einfachen Weg. Die Leute sollen sagen: Wenn ich nach Deutschland gehe, dann mit Linguedo. Weil ich weiß, dass die mich super betreuen.« Dass sie mit ihrem Geschäftsmodell auch dem Staat helfen, den Fachkräftemangel in der Pflege einzudämmen, ist für die Gründer zweitrangig. »Natürlich entlasten wir den Staat ein Stück weit. Aber primär tun wir etwas für die Menschen und für die Krankenhäuser«, sagt Hübner.

Nach dem Essen hat er es sich in einem dunkelblauen Sitzsack gemütlich gemacht. Auf seinem Schoß sein Laptop, schwarz-weiße Kopfhörer in den Ohren. Konzentriert tippt er auf der Tastatur. Am Schreibtisch nebenan sitzt Geschäftspartner Gilch. Die wichtigste Arbeitsphase des Tages beginnt. Bei ihrem ersten richtig großen Auftrag wollen Hübner und Gilch ihren Kunden, das Klinikum Rechts der Isar, überzeugen. Sie bauen darauf, dass das Klinikum Linguedo anschließend an andere Krankenhäuser weiterempfiehlt. 36 neue Pfleger will das Klinikum einstellen, 740 Bewerbungen sind bei Linguedo eingegangen.

 



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